Vor 25 Jahren und heute

Eine Nachtschicht als Pfleger

Die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte haben sich in den letzten 25 Jahren gravierend verändert. Vor allem, was die Nachtschicht angeht. Eine neue Studie hat das genauer unter die Lupe genommen.

Von Anne-Christin GrögerAnne-Christin Gröger Veröffentlicht:
Oft unter Druck: Eine Krankenschwester prüft eine Infusion.

Oft unter Druck: Eine Krankenschwester prüft eine Infusion.

© contrastwerkstatt / fotolia.com

WITTEN. Pflegerinnen und Pfleger, die in Krankenhäusern Nachtdienste übernehmen, müssen heute weniger Patienten pro Pflegekraft betreuen als vor rund 25 Jahren. Dafür ist die Versorgung viel aufwändiger geworden.

Das ist Ergebnis einer Studie von Professor Christel Bienstein und Professor Herbert Mayer vom Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke.

Die beiden Wissenschaftler haben zwischen 2010 und 2013 deutschlandweit den Nachtdienst in Kliniken untersucht.

Dazu verwendeten sie identische Fragebögen einer Untersuchung aus den Jahren 1986 bis 1989, die die Pflegewissenschaftlerinnen Professor Sabine Bartholomeyczik und Professor Angelika Zegelin initiiert hatten.

Beide arbeiten ebenfalls am Institut für Pflegewissenschaften an der Hochschule.

Die Nacht in Krankenhäusern

Die Studien haben die Wissenschaftler während der Tagung "Die Nacht in deutschen Krankenhäusern" an der Universität Witten/Herdecke einander gegenübergestellt. Bei der Präsentation wurden die Veränderungen in der nächtlichen Pflegesituation deutlich.

Im Vergleich zu früher stehen Nachtpflegekräfte heute vor der Herausforderung, sich ständig auf neue Patienten und ihre Krankengeschichte einstellen zu müssen. Waren Patienten 1989 durchschnittlich 13,7 Tage auf Station, waren es 2012 nur noch rund sieben Tage.

 "Machen die Pflegekräfte nur ein oder zweimal pro Woche Nachtdienst, haben sie es in jeder Schicht mit neuen Patienten zu tun, in deren Anamnese sie sich jedes Mal neu einstellen müssen", sagte Bienstein.

Zudem seien die Patienten kränker geworden, viele seien hochbetagt, multimorbide oder dement. "Pflegekräfte müssen viel mehr Fachwissen haben als früher, um sich all diesen Herausforderungen pflegerisch stellen zu können."

Besonders schwierig ist die Situation, weil 72 Prozent der Pflegekräfte nachts alleine auf der Station sind. "Die Pflegekräfte haben Angst vor dem unberechenbaren Verhalten alkoholisierter, psychisch kranker oder dementer Menschen", berichtete Bienstein.

"Viele würden sich wünschen, einen Springer im Hintergrund zu haben, der regelmäßig vorbeischaut."

Allein auf Station mit 20 Patienten

Dass die Nachtschwestern und -pfleger oftmals mit mehr als 20 Patienten allein auf Station sind, ist ihrer Meinung nach ein untragbarer Zustand.

"Tagsüber werden Patienten von mehrere Pflegenden und Ärzten umsorgt, aber nachts gibt es auf fast allen Stationen nur noch eine Person.

Und die muss in Krisensituationen die richtigen Entscheidungen treffen", sagte sie. Deswegen müsste die nächtliche Arbeit von besonders qualifizierten Pflegekräften übernommen werden.

Damit widerspricht sie der gängigen Meinung, dass nachts die Pflegenden nicht ganz so kompetent sein müssten.

Allerdings gibt es auch positive Entwicklungen. Schwestern und Pfleger, die in Krankenhäusern Dauernachtwachen übernehmen, fühlen sich heute deutlich weniger belastet als noch vor 26 Jahren.

Während sich im Jahr 1988 noch 67 Prozent der Nachtschwestern und -pfleger stark körperlich und 63 Prozent stark nervlich angestrengt fühlten, waren es 2013 nur noch 46 Prozent beziehungsweise 27 Prozent.

Gründe dafür sind etwa eine pflegefreundlichere Ausstattung in den Kliniken, aber auch die Tatsache, dass die Pflegekräfte etwas weniger Patienten als vor 26 Jahren zu versorgen haben.

Auch hat die Dauer der einzelnen Schichten abgenommen. 1988 dauerte die Nachtwache bei 24 Prozent der Befragten länger als zehn Stunden, heute sind es nur noch acht Prozent, die mehr als zehn Stunden pro Nachtschicht arbeiten müssen.

Ein Tag zum Ausschlafen

Um die Arbeitssituation der Pflegenden weiter zu verbessern, haben Bienstein und ihr Kollege Meyer einen Forderungskatalog aufgestellt, wie Nachtwachen in Zukunft organisiert sein sollten.

Sie wollen, dass Pflegekräfte nachts maximal 20 Patienten betreuen müssen und dass ihnen eine zweite Kraft an die Seite gestellt wird, die ebenfalls gute pflegerische Kenntnisse hat.

Sie halten außerdem einen zusätzlichen Ausschlaftag und eine Pause während des Nachtdienstes für notwendig.

Dass diese Pausen während des Nachtdienstes allerdings regelmäßig nicht wahrgenommen werden, liegt teilweise auch an den Pflegerinnen und Pflegern selbst, hat Peter Jacobs beobachtet. Er ist heute Berater im Gesundheitswesen.

Davor war er als Pflegedirektor am Uniklinikum München tätig. Jacobs hat von der Arbeitgeberseite aus gesehen, wie sich Pflegekräfte regelmäßig die "Gesundheit abkaufen lassen", wie er es nennt.

"Wenn ich eine feste Pause für den Nachtdienst einrichten wollte, wollten Mitarbeiter häufig lieber durcharbeiten und sich die halbstündige Pause als Überstunden anrechnen lassen", sagt er. Keine Ruhepausen zu haben, sei aber schlichtweg skandalös.

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