Griechenland

Eine tödliche Finanzkrise

Höhere Kindersterblichkeit, mehr HIV-Infektionen und ein erhöhtes Risiko für Depressionen: Eine aktuelle Studie belegt, dass die Finanzkrise in Griechenland drastische Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hat.

Veröffentlicht: 24.02.2014, 05:01 Uhr
Krankes Land: Griechischer Rentner während eines Ärzte-Protests in Athen.

Krankes Land: Griechischer Rentner während eines Ärzte-Protests in Athen.

© Robert Geiss / dpa

NEU-ISENBURG. Die Finanzkrise und die folgenden Sparmaßnahmen haben Griechenland in einem Bereich getroffen, dessen ökonomische Folgekosten noch niemand durchgerechnet hat: der Gesundheit der Bevölkerung.

Eine Gruppe von Forschern um den Soziologen Alexander Kentikelenis von der Universität in Cambridge hat die direkten aber auch indirekten Auswirkungen des massiven Sparprogramms von 2008 bis 2013 analysiert (The Lancet 2014; 383(9918): 748-753). Demnach ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen, Totgeburten und der psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen.

Da die Regierung die öffentlichen Ausgaben fürs Gesundheitswesen auf sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) begrenzen musste, fielen dem Sparprogramm vor allem soziale Projekte zum Opfer.

2009 bis 2010 wurde ein Drittel aller Streetworker-Programme gestrichen - obwohl gleichzeitig ein Anstieg im Bereich des Heroinkonsums dokumentiert ist, so die Studienautoren. Im selben Zeitraum sei die Anzahl der an Drogensüchtige verteilten Injektionsspritzen um zehn Prozent und die der verteilten Kondome um 24 Prozent gesunken.

Mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Gesundheit dieser verwundbaren Bevölkerungsgruppe, so das Urteil von Kentikelenis und Kollegen. Denn die Anzahl der HIV-Infektionen unter den Drogensüchtigen nahm von 15 im Jahr 2009 auf 484 im Jahr 2012 dramatisch zu. 2013 waren es schopn fast 1000 HIV-Neuinfektionen unter den Drogenabhängigen.

Selbstmordrate legte um 45 Prozent zu

Bildeten Drogenabhängige in den Jahren 2008 bis 2010 noch die Gruppe mit den geringsten HIV-Neuinfektionen, wanderten sie von 2011 an auf den ersten Rang.

Vorläufige Daten für 2013 würden zudem darauf hinweisen, dass sich auch die Tuberkulosefälle unter den Drogenabhängigen im Vergleich zu 2012 mehr als verdoppelt haben.

Die mit den Sparmaßnahmen einhergehenden sozioökonomischen Einschnitte für den einzelnen Bürger haben aber auch ihre Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung gehabt.

Umfragen unter der Bevölkerung zeigten eine um das 2,5-fache gestiegene Prävalenz für schwere Depressionen. Die Selbstmordrate ist laut Studie zwischen 2007 und 2011 um 45 Prozent gestiegen.

Kentikelenis und seine Kollegen haben noch eine weitere erschreckende Entwicklung entdeckt: Forscher der Greek National School of Public Health hätten über eine Zunahme der Totgeburten zwischen 2008 und 2011 um 21 Prozent berichtet.

Damit stieg die Rate der Totgeburten von 3,31 je 1000 Lebendgeburten im Jahr 2008 auf 4,36 im Jahr 2010. Die griechischen Forscher würden dies darauf zurückführen, dass schwangere Frauen in den Krisenjahren nur einen begrenzten Zugang zu vorgeburtlicher Gesundheitsversorgung hatten.

Hoher Zuwachs auch bei der Kindersterblichkeitsrate

Zusammen mit den nachgeburtlichen Todesfällen stieg die Kindersterblichkeitsrate zwischen 2008 und 2010 um 43 Prozent. Die Anzahl der Kinder mit zu niedrigem Geburtsgewicht nahm im selben Zeitraum um 19 Prozent zu.

Die Geburtenrate nahm, wie die Studienautoren berichten, aber auch generell ab. Mit 100.371 registrierten Lebendgeburten hätte Griechenland 2012 die niedrigste Geburtenrate seit 1955 verzeichnet. 2003 waren es noch 104.420 registrierte Geburten.

Die Krise hat aber auch Auswirkungen auf die Lebenserwartungen der Erwachsenen: Die Anzahl der Todesfälle ist vor allem 2007 und 2012 deutlich gestiegen. Dabei haben sich die Todesfälle, die sich durch hohes Alter erklären lassen, seit 2008 reduziert.

Fast ein Drittel der nicht altersbedingten Todesfälle im Jahr 2012 könnten den Entbehrungen durch die Krise zugeschrieben werden, erklären die Studienautoren. In harten Zahlen sind das 2000 der insgesamt 116.670 Todesfälle.

Die Daten enthüllen, resümiert Kentikelenis, dass das griechische Sozialsystem genau in dem Moment versagt hat, als die Menschen die Hilfe am nötigsten gebraucht hätten. (reh)

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