Direkt zum Inhaltsbereich

Experten kritisieren rigide Haltung zu Cannabis

BERLIN (ble). Eine rigide Drogenpolitik der Bundesregierung und ein fehlender GKV-Leistungsanspruch von Patienten auf das Cannabisprodukt Dronabinol führt bei Tausenden von Schwerstkranken in Deutschland zu vermeidbarem Leid und Kriminalisierung.

Veröffentlicht:
Cannabis-Aufzuchtstation: Experten setzen sich für eine leichtere Verwendung von Cannabis in der Medizin ein.

Cannabis-Aufzuchtstation: Experten setzen sich für eine leichtere Verwendung von Cannabis in der Medizin ein.

© Foto: dpa

Darauf wiesen Mediziner, Juristen und Patientenvertreter bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des Bundestags zur medizinischen Verwendung von Cannabis und dem Cannabisprodukt Dronabinol bei schwersten Krankheiten hin. Dabei sei deren therapeutischer Nutzen für bestimmte Behandlungen durch Untersuchungen belegt, so der Berufsverband der Schmerztherapeuten in Deutschland - etwa bei Spastiken infolge von MS, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen bei Tumorpatienten sowie chronischen Schmerzen.

Behandlung mit Dronabinol kostet 300 Euro im Monat

Zurzeit müssen sich Tausende von Schwerstkranken illegal mit Cannabis versorgen, weil die meisten Kassen die Kosten für den Wirkstoff Dronabinol von 300 Euro und mehr im Monat nicht erstatten oder das Bundesamt für Arzneimittel (BfArM) keine Ausnahmegenehmigung für den medizinischen Einsatz von Cannabis erteilt. Nach den Worten von Markus Einsle vom Selbsthilfenetzwerk Cannabis als Medizin (SCM) ist das Antragsverfahren beim BfArM überdies "zeit- und kostenintensiv. Es sind viele Hürden zu nehmen, die die meisten Patienten nicht überwinden können." Bis zu einer Entscheidung können Jahre vergehen.

Bisher habe nur eine Hand voll Patienten eine Genehmigung erhalten, so Einsle. "Die meisten Patienten bleiben heute also allein ihrem Schicksal überlassen. Dieser Zustand ist aus unserer Sicht nicht hinnehmbar."

Die Folge: Immer wieder werden Patienten verurteilt, weil sie sich mit illegalen Mitteln über diese Hürden hinwegsetzen. "Es gibt eine umfassende Kriminalisierung in diesem Bereich", konstatierte auch Einsles Kollege Dr. Oliver Tolmein von der SCM. Nach Angaben von Dr. Franjo Grotenhermen von der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (IACM) sitzt ein Patient zurzeit gar im bayerischen Kempten in Haft. "Ich erachte es als einer modernen Gesellschaft unwürdig, dass Patienten allein aus finanziellen Gründen ins Gefängnis müssen", sagte er.

Jurist: Kranke haben ein Recht auf Cannabis

Nach Ansicht des Bremer Juristen und Psychologen Professor Lorenz Böllinger verstößt diese Behandlung von Schwerstkranken zudem gegen das Grundgesetz: Der Patient habe ein Recht darauf, sein Leiden mit dem medizinischen Einsatz von Cannabis lindern zu können. Zudem errichte das BfArM unüberwindliche Hürden für den Zugang zu Cannabis und stelle sich damit in unzulässiger Weise gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, kritisierte er.

Eine Ausweitung des Cannabis-Konsums durch eine Lockerung der Regeln erwarten die Experten nicht: "Insgesamt dürfte es keine wesentlichen Erhöhungen der Zahl der Konsumenten an Cannabis geben", sagte Professor Hans Rommelspacher von der Berliner Charité.

Lesen Sie dazu auch:Experten für Einsatz von Cannabis bei SchwerstkrankenKassen gegen Cannabistherapie als GKV-Leistung

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Nationale Politik an Europas Gesundheitszielen ausrichten

© quantic69 | iStock

Politische Perspektive

Nationale Politik an Europas Gesundheitszielen ausrichten

Anzeige | CSL Behring GmbH
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Langfristig überlegen: Kombinationen mit Daratumumab in der Erstlinie

© LASZLO / stock.adobe.com

Neu diagnostiziertes Multiples Myelom

Langfristig überlegen: Kombinationen mit Daratumumab in der Erstlinie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, a Johnson & Johnson company, Neuss
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Abb.  1: Indikationsübergreifendens Therapie-Monitoring in den ersten Behandlungszyklen mit Ribociclib beim HR+/HER2- Brustkrebs

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1]

Früher und metastasierter HR+/HER2- Brustkrebs

Einfach und konsistent: indikationsübergreifendes Therapie-Management mit Ribociclib

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Hausärztin gibt Tipps

Darauf ist in der Kommunikation mit Skabies-Patienten zu achten

Krafttraining bis zur Erschöpfung

„Adonis-Komplex“: Was Ärzte beim Verdacht auf Muskeldysmorphie tun können

Lesetipps
Eine Hand hält ein

© Sergey Nivens / stock.adobe.com

Jetzt abonnieren

Unsere Newsletter in der Übersicht