Inzidenz-Debatte

Fachleute warnen vor eindimensionalen Corona-Markern

Die Inzidenz der Neuinfektionen soll weitgehend durch die Hospitalisierungs-Inzidenz ersetzt werden. Fachleute warnen davor und plädieren für tiefer differenzierte Warninstrumente. Am Dienstag tagt dazu der Gesundheitsausschuss.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Soll die Sieben-Tage-Inzidenz der wegen COVID in den Krankenhäusern aufgenommenen Patienten neuer Maßstab werden? Experten sind uneins.

Soll die Sieben-Tage-Inzidenz der wegen COVID in den Krankenhäusern aufgenommenen Patienten neuer Maßstab werden? Experten sind uneins.

© Christophe Ena/dpa

Berlin. Die Formel für die Messung der Vierten Corona-Welle ist noch nicht gefunden. Am Dienstag berät der Gesundheitsausschuss einen Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes. Der sieht vor, die Sieben-Tage-Inzidenz der wegen COVID in den Krankenhäusern aufgenommenen Patienten zum „wesentlichen Maßstab“ für das Ergreifen von Schutzmaßnahmen zu machen. Die bisher geltende Inzidenz der Neuinfektionen soll nur noch eine Nebenrolle spielen. Fachleute sind mit den Plänen nicht rundum glücklich. Die Pläne zur Änderung des IfSG sollen mit dem „Aufbauhilfegesetz“ beraten und verabschiedet werden.

DIVI-Experte sieht Änderungsbedarf

Mit Professor Christian Karagiannidis hat ein führender Intensivmediziner in einer Stellungnahme die Ausrichtung des Gesetzentwurfes kritisiert. Die weitgehende Ausrichtung an der Hospitalisierungsrate, wie dies der Änderungsantrag vorsehe, lasse die Infektionsdynamik und mit der Inzidenz der Neuinfektionen ein wichtiges Frühwarnsystem außer Acht.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters plädiert für eine gleichzeitige Berücksichtigung der Sieben-Tage-Inzidenz der Infektionen auf je 100.000 Einwohner, die Zahl der Neuaufnahmen von COVID-Patienten in Krankenhäusern je 100.000 Einwohner binnen einer Woche und den Anteil der COVID-Patienten auf Intensivstationen.

Die Inzidenz der Neuinfektionen bleibe der wichtigste Frühindikator, weil sie sowohl die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Infektionen als auch Alter und regionale Verteilung als „frühester Parameter“ wiedergebe. Besonders ins Auge genommen werden sollten die Sieben-Tages-Inzidenzen der über 35-Jährigen, schreibt Karagiannidis. Sie dominierten im Wesentlichen die Belegung der Intensivstationen. Der Impffortschritt in dieser Altersgruppe sollte daher im Auge behalten werden. Jüngere Altersgruppen seien auf Intensivstationen „deutlich seltener“.

Aufmerksamer Blick auf die über 35-Jährigen

Liege die Sieben-Tage-Inzidenz der über 35-Jährigen jenseits von 100, sei das eine rote Linie. Das gelte ebenso für eine Hospitalisierungs-Inzidenz von zehn COVID-Neuaufnahmen je Woche und eine Belegung der Intensivstationen zu 15 Prozent oder mehr mit COVID-Patienten. Der Impffortschritt in dieser Altersgruppe sollte daher im Auge behalten werden. Jüngere Altersgruppen seien auf Intensivstationen „deutlich seltener“.

Sobald die Intensivstationen zu etwa 15 Prozent mit COVID-Patienten belegt seien, müsse davon ausgegangen werden, dass vor allem die Maximalversorger, Universitätskliniken und Schwerpunktkliniken aus dem Regelbetrieb heraus müssten, um alle Patienten adäquat versorgen zu können, merkt Karagiannidis an. Das würde ein Aufschieben von Operationen und Einschränkungen bei der Behandlung von Nicht-COVID-Patienten bedeuten.

Schrappe und Knieps schlagen „Indikatoren-Sets“ vor

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um die ehemaligen Gesundheitsweisen Professor Matthias Schrappe und Professor Gerd Glaeske hält die Sieben-Tage-Inzidenzen der Neuinfektionen und der Hospitalisierungen ebenfalls für „störungsanfällig“. Eine Vergleichbarkeit „kleinräumiger Regionen“ sei darüber nicht gegeben, heißt es im 8. Positionspapier der Gruppe zur Corona-Politik. Derzeit komme es zu einer „unentwirrbaren Verstrickung von Resten der Lockdown-Politik“ mit dem „Regelungsbedarf resultierend aus den Konflikten um die Impfung“.

Stattdessen sollten „multidimensionale Indikatoren-Sets“ zur Steuerung der Pandemiemaßnahmen herangezogen werden. Sie könnten Stratifizierungen nach Alter und Impfstatus, Erhebungen zu Komorbiditäten, sozioökonomischen Faktoren und Positivraten nebst Testfrequenzen enthalten. Zudem sollten eine ebenfalls nach Komorbidität und Positivitätsrate spezifizierte Hospitalisierung, Intensivbelegung und Beatmungspflichtigkeit berücksichtigt werden.

Eine solche Ausrichtung sei in der Politik allerdings derzeit nicht erkennbar. Stattdessen sei der etablierte und eingespielte korporatistische Steuerungsmodus des Gesundheitswesens einer „hierarchischen ad-hoc-Steuerung“ gewichen. Gesundheitsminister Spahn wirft die Gruppe, zu der auch der Chef des BKK-Dachverbands Franz Knieps und die ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Hedwig Francois-Kettner gehören, „politischen Aktionismus“ vor, seinem Ministerium „mangelnde operative Kompetenz“.

Mehr zum Thema

Risikofaktoren

Hohes Darmkrebsrisiko von Männern nur teilweise zu erklären

Labore

Vierte Corona-Welle ebbt weiter deutlich ab

Schlagworte
Das könnte Sie auch interessieren
Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

© Pascoe Naturmedizin

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Claudia Vollbracht, Humanbiologin und medizinische Wissenschaftlerin beim Unternehmen Pascoe

© [M] Privat; Levan / stock.adobe.com

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Wie Vitamin-C-Infusionen bei COVID-19 helfen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pascoe
Das sagt die Wissenschaft: Vitamin C und COVID-19

© Maksim Tkachenko / Getty Images / iStock

SARS-CoV-2 und COVID-19

Das sagt die Wissenschaft: Vitamin C und COVID-19

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Schüler auf dem Gang vor dem Lehrerzimmer. Gilt für Personal in Kitas, Schulen und Krankenhäusern bald eine Impfpflicht? Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, ist dafür.

© Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB/

In Kitas, Schulen und Kliniken

Pädiater für COVID-Impfpflicht bei einigen Berufen

Präsenz im Haushalt rund um die Uhr könnte teuer werden, wie eine aktuelle Urteilsbegründung des Bundesarbeitsgerichtes nahelegt.

© Marcel Kusch / dpa / picture alliance

Urteilsbegründung

Rund-um-die-Uhr-Pflege? Dann gibt es auch Lohn für 24 Stunden