Verteilungsgerechtigkeit

Fortschritt zwingt zum Nachdenken über Verteilung

Der medizinisch-technische Fortschritt macht immer mehr und neue Therapien möglich. Das ist ein Segen für viele Patienten. GBA-Chef Hecken verweist aber auf die Kehrseite des Fortschritts: Hohe Kosten und Verteilungsprobleme.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 18.12.2017, 15:33 Uhr
Fortschritt zwingt zum Nachdenken über Verteilung

Anlegen einer Fusion: Vor allem die Kosten für Onkologika sorgen immer wieder für Diskussionen.

© Mathias Ernert

BERLIN. In der alternden Bevölkerung nehmen Volkskrankheiten wie Diabetes und koronare Herzkrankheiten immer mehr zu. Gleichzeitig stößt der medizinisch-technische Fortschritt immer neue therapeutische Möglichkeiten aus.

Der Unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), Professor Josef Hecken, hält daher eine Debatte über eine Kostenorientierung im Gesundheitswesen für unausweichlich. Bei der Begutachtung neuer Krebsmedikamente werde der GBA künftig mehr Augenmerk auf die Betrachtung der Lebensqualität legen, hat Hecken angekündigt. Bei einzelnen Therapien wie zum Beispiel dem fortgeschrittenen Melanom mit Metastasen seien die Kosten binnen fünf Jahren um rund das zehnfache auf inzwischen 180.000 Euro im Jahr gestiegen, sagte Hecken bei einer Cognomed-Veranstaltung in Berlin. Der Gewinn an Lebenszeit dadurch sei aber oft von starken Nebenwirkungen und schlechter Lebensqualität beeinträchtigt.

Elf neue Onkologika in der Therapie vermeldet der Verband forschender Pharmahersteller (vfa) für das Jahr 2017. Insgesamt habe sich das Therapiespektrum um 31 neue Medikamente erweitert. "Für Patienten und Ärzte ist es wichtig, dass in der Krebstherapie unterschiedliche Therapieprinzipien verfügbar sind – sei es in Kombination oder als Möglichkeit zur Anschlussbehandlung, wenn der Tumor gegen die erste Therapie resistent geworden ist", sagte Verbandschefin Birgit Fischer am Montag in Berlin.

Der stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, kritisierte den seiner Ansicht nach zu geringen Umfang der Prüfungen neuer Arzneien: "Insbesondere Arzneimittel gegen Krebs werden immer häufiger ohne finale klinische Prüfungen zugelassen", sagte von Stackelberg der Deutschen Presseagentur.

Im Gemeinsamen Bundesausschuss werden offenbar bereits Lösungen diskutiert, die Kosten im Zaum zu halten und vorhandene Ressourcen dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden. Altersabhängige Kostenobergrenzen nach britischem Vorbild (Qalys) soll es nach Auffassung von Hecken in Deutschland nicht geben. "Das wäre unethisch", sagte Hecken.

Fünf Punkte, auch jenseits der frühen Nutzenbewertung, bilden zusammengefasst für Hecken eine mit dem Sozialstaatsprinzip vereinbarte Alternative.

  1. Stringente Nutzen- und Methodenbewertung, zum Beispiel über das AMNOG;
  2. Zentrenbildung im stationären Sektor, über die so hohe Fallzahlen erreicht werden, dass die Overheadkosten sinken und die Qualität steigt;
  3. Gemeinsame ambulante und stationäre Bedarfsplanung, um teure Doppelstrukturen zu vermeiden;
  4. Ausrichtung der Qualitätssicherung auf Diagnose- und Indikationsqualität;
  5. Fokussierung auf die konkrete Lebensqualität und des patientenindividuellen Werts einer Therapieoption. Hecken stellt die Frage in den Raum, ob ein marginaler Überlebensvorteil bei schwersten Nebenwirkungen noch einen Wert darstelle und ob man Patienten nicht viel genauer darüber aufklären müsse, was auf sie zukommen könne.

Dass maximalinvasive Interventionen auch am Lebensende noch ohne Probleme vergütet würden, niedrigschwellige, unterstützende Versorgung wie zum Beispiel Palliativversorgung und allgemeine Stabilisierung Probleme mit der Vergütung durch die Kostenträger verursachen könne, werfe die Frage auf, ob im Gesundheitssystem die richtigen finanziellen Anreize gesetzt würden, sagte Hecken. Hier bedürfe es einer Umsteuerung der Vergütung in Richtung sprechende Medizin.

Innovationsbilanz der Pharmaindustrie

  • 31 neue Therapien stehen insgesamt zur Verfügung
  • 11 Therapien mit neuen Wirkstoffen richten sich gegen Krebs
  • 10 Medikamente mit neuen Wirkstoffen stehen zur Behandlung von Entzündungskrankheiten zur Verfügung
  • 1 neues Antibiotikum ist auf dem Markt. Weitere durchlaufen das Zulassungsverfahren
  • 9 Medikamente mit neuen Wirkstoffen sollen gegen seltene Krankheiten helfen.
  • Quelle: vfa

Lesen Sie dazu auch: vfa-Bilanz: 31 neue Medikamente in diesem Jahr

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