Versorgung unter der Lupe

Frühwarnung durch Bedarfsplanung im Detail

Studien zur kleinräumigen Bedarfsplanung leuchten die Versorgung bis auf die einzelne Praxis aus – und offenbaren erhebliche Schwächen der konventionellen Bedarfsplanungspraxis. Was könnten die Konsequenzen sein?

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Die tatsächliche ärztliche Versorgung weicht allzu oft von der offiziellen Bedarfsplanung ab.

Die tatsächliche ärztliche Versorgung weicht allzu oft von der offiziellen Bedarfsplanung ab.

© phokrates /stock.adobe.com

Ein Versorgungsgrad von 110 Prozent bei Hausärzten, aber Unzufriedenheit in der Bevölkerung, bei Ärzten und Kommunalpolitikern. Das war der widersprüchliche Ausgangspunkt einer Studie zur kleinräumigen Bedarfsplanung, die die Leiterin des Gesundheitsamtes im südbadischen Landkreis Lörrach, Dr. Sonja Wagner, bei der Konferenz Versorgungsforschung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Berlin vorgestellt hat.

110 Prozent Versorgungsgrad bei Hausärzten weist die offizielle Bedarfsplanung für den gesamten Landkreis aus. Um die tatsächliche Versorgungssituation vor Ort zu ermitteln, befragte Wagner 152 Hausärzte, von denen 109 antworteten. Das Ergebnis: Auf einzelne Orte sowie Praxen und deren Einzugsbereich heruntergebrochen, schwankte der Versorgungsgrad zwischen 148 und 78 Prozent – in Randgebieten des Landkreises mit einem Trend zu 50 Prozent.

Wo entstehen weiße Flecken?

Die Daten zur Altersstruktur der Ärzte offenbarten Sprengstoff für die Zukunft: 40 Prozent der antwortenden Ärzte sind über 60 Jahre alt, nur acht Prozent der Ärzte befinden sich in der Weiterbildung – ohne weitere Interventionen würden im Landkreis Lörrach in sieben Jahren 30 Prozent Hausärzte weniger praktizieren.

Eine Analyse der Verkehrsverbindungen und Pendlerströme zeigte, dass sich im Landkreis weiße Flecken der Versorgung bilden würden.

Eruiert wurde in der Umfrage auch, welche Instrumente zur Förderung der hausärztlichen Versorgung als sinnvoll erachtet werden: Fast 60 Prozent der Ärzte plädierten für Investitionshilfen, 75 Prozent für einen Landarzt-Zuschlag beim Honorar, mehr als 80 Prozent wünschen sich eine bessere Willkommenskultur der Kommunen; gemeint sind die Vermittlung von Praxisräumlichkeiten und vorhandene Kita-Plätze. Zwei Drittel der Ärzte wollen sich stärker in der Weiterbildung engagieren. Der Landkreis stehe nun vor der Aufgabe, im Herbst ein konkretes Handlungskonzept zu erarbeiten, so Wagner.

Eine ähnliche Studie stellte Dr. Anne Dahlhaus von der Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt für die Landkreise Gotha und Ilmkreis in Thüringen vor. Ausgangspunkt: Im Kreis Gotha sind 18 Prozent der Hausarztsitze frei, im Ilmkreis gibt es Beschwerden von Ärzten und Patienten.

Wo entstehen Monopole?

Zur Bedarfsermittlung wurden Daten zur Morbidität, Demografie und zum sozioökonomischen Status der Bevölkerung herangezogen. Zur Verfügbarkeit von Ärzten wurden die Abrechnungsdaten der KV genutzt, aus der sich eine Zuordnung von Patienten zu den jeweiligen Praxen ermitteln ließ. Aus den Einzugsbereichen der Praxen können Polygone entwickelt werden, die auf hundert Meter genau zeigen, inwieweit sich Einzugsbereiche von Praxen überschneiden – die Patienten de facto eine Auswahl unter mehreren Ärzten haben; es lassen sich aber auch Versorgungslücken ermitteln.

In der zweiten Stufe der Studie ist jetzt eine Patientenbefragung gestartet, die den Zugang zur Versorgung aus Patientensicht transparent machen soll. Dazu erhielt jede Praxis 100 Fragebögen. Die Auswertung soll im Frühjahr 2018 abgeschlossen sein.

Südlicher Schwarzwald und Thüringen sind längst keine Einzelbeispiele mehr. Nicht nur in strukturschwachen Regionen entstehen Lücken, die in der konventionellen Bedarfsplanung unsichtbar bleiben, weil die Durchschnittsversorgung in der Planungsregion noch keine Auffälligkeit zeigt. Fatal für betroffene Kommunen: Geht der Hausarzt in Pension, fällt als nächstes die Apotheke, Dominoeffekte werden in Gang gesetzt.

Derweil wartet man auf Bundesebene auf den Gemeinsamen Bundesausschuss. Der hat Mitte vergangenen Jahres ein Gutachten in Auftrag gegeben, das Auskunft darüber geben soll, wie in der künftigen Bedarfsplanung sozioökonomische und soziokulturelle Aspekte berücksichtigt werden können. Bis die Expertise vorliegt, wird wohl noch ein Jahr ins Land gehen. Das heißt: Bis aus Berliner Elfenbeintürmen Hilfe kommt, kann die Versorgung in der Region tot sein. Insofern ist es gut zu wissen, dass es vor Ort Instrumente zur Selbsthilfe gibt. Nicht perfekt, aber so brauchbar, dass rechtzeitig Problementwicklungen erkannt und gegengesteuert werden kann.

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