Pflegende Angehörige

Größter Pflegedienst der Nation geht am Stock

Im Vorfeld des Kongresses „Pflege 2020“ betonen Vertreter von Politik und Kassen die Bedeutung pflegender Angehöriger. Die aber werden von der Aufgabe mitunter erdrückt. Bei einem Problem soll es nun Abhilfe geben.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 23.01.2020, 16:46 Uhr
Größter Pflegedienst der Nation geht am Stock

Für pflegende Angehörige gibt es bereits viele Unterstützungsangebote. Sie werden allerdings nur wenig in Anspruch genommen.

© Felix Kästle / dpa

Berlin. Pflegende Angehörige dürfen auf einen leichteren Zugang zu Unterstützungsleistungen hoffen. Neben einer „erhöhten Sichtbarkeit“ bestehender Angebote arbeite die Koalition derzeit an einem „flexibler zu nutzenden Entlastungsbudget“, sagte der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, bei einem Pressegespräch zum Fachkongress „Pflege 2020“ am Donnerstag in Berlin.

Großer Fachkongress ab Freitag

Zu der von Springer Pflege ausgerichteten Veranstaltung werden ab Freitag rund 1700 Pflegekräfte aus Krankenhäusern, Heimen und ambulanten Pflegediensten erwartet. Eröffnet wird der Kongress von Bundesseniorenministerin Dr. Franziska Giffey und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD).

Schon heute werde über die Pflegeversicherung ein breites Spektrum an kombinierbaren Unterstützungsmöglichkeiten für „Deutschlands größten Pflegedienst“, die pflegenden Angehörigen, bereitgestellt, sagte Westerfellhaus. Statistiken zeigten allerdings, dass diese Leistungen „nur zu einem geringen Teil in Anspruch genommen“ würden. Ein Grund dafür sei, dass Antragswege teilweise zu komplex seien. Außerdem gebe es zu viele Leistungen, deren Sinn und Bedeutung sich für Betroffene nicht automatisch erschlössen. „Hier müssen alle Verantwortlichen dringend nachbessern.“

Gros der Pflegebedürftigen von Angehörigen betreut

In Deutschland werden derzeit etwa zwei Drittel der mittlerweile knapp vier Millionen pflegebedürftigen Menschen von Angehörigen oder Freunden zu Hause gepflegt. Untersuchungen – etwa des Zentrums für Qualität in der Pflege – zeigen, dass sich rund 70 Prozent der pflegenden Angehörigen von der Pflegeaufgabe physisch und psychisch überlastet fühlen. Nicht wenige müssen zudem den eigenen Job und die Pflege eines Familienmitglieds unter einen Hut bringen.

Der Vorstand des Vereins „PflegeZukunfts-Initiative“ Elimar Brandt brachte in diesem Zusammenhang „Pflegeguides“ in Betrieben ins Spiel. Der Pflegeguide vermittele den Kontakt zum Vorgesetzten, unterstütze bei Gesprächen mit dem Arbeitgeber, wenn es um veränderte Arbeitszeiten und Zeitkontingente gehe, oder stehe einfach nur beratend zur Seite.

„Mehr verrückte Ideen für Pflege“

Nachgedacht werden könne auch über „Seniorentagesstätten“ (Seta), so Brandt. In diesen könnten pflegebedürftige Senioren – ähnlich wie Kinder in Kitas – tagsüber niedrigschwellig betreut werden. „Morgens vor Dienstbeginn den zu Pflegenden zur Seta bringen und nach Dienstschluss wieder abholen zu können, würde eine enorme Entlastung für pflegende Angehörige bedeuten.“ Brandt rief dazu auf, „mehr verrückte Ideen“ zu entwickeln. „Nur dann verrücken wir etwas in der Pflege.“

Der stellvertretende Vorstandschef der AOK Nordost, Hans-Joachim Fritzen, betonte, Pflegebedürftige wie Angehörige bräuchten „Kümmerer“, die sie bei der Herausforderung Pflege beraten und unterstützen. Nicht selten stünden viele der Betroffene vor einem „Pflege- und Paragrafendschungel“. Die Pflegestützpunkte leisteten hier bereits gute Arbeit. Allein im Nordosten Deutschlands gebe es mittlerweile mehr als 70 dieser Beratungs- und Anlaufstellen. Die Stützpunkte würden „gut in Anspruch genommen – aber erst dann, wenn der Pflegefall eintritt“.

Steigende Eigenanteile ein Problem

Als problematisch stufte Fritzen die steigenden Eigenanteile von Pflegebedürftigen an, die in Heimen lebten. Hier brauche es rasch Lösungen, um Pflegebedürftige nicht über Gebühr zu belasten. Es brauche eine „faire und nachhaltig gesellschaftlich getragene Finanzierung“, betonte Fritzen. Insgesamt stelle er aber eine „große Bereitschaft in der Gesellschaft fest, mehr für die Pflege auszugeben“.

Fritzen wies darauf hin, dass die Gruppe der pflegenden Angehörigen „extrem unterschiedlich“ sei. Die Bandbreite reiche von Jugendlichen über Ehepartner und Eltern bis hin zu Senioren und Menschen unterschiedlichster Kulturen.

Die AOK habe daher einen neuen Zugangsweg zum Thema Pflegen zu Hause herausgebracht, mit denen pflegende Angehörige in ihrem Alltag unterstützt werden sollten. Die Publikation von Springer Pflege ist ein Print- und Online-Angebot und länderspezifisch für verschiedene AOKs aufbereitet. Es soll durch den „Pflegedschungel“ lotsen und vermittele zudem praktische Tipps bei sämtlichen pflegerischen Aufgaben.

„Angehörige brauchen bessere Lobby“

Ein derartiges Angebot sei dringend nötig, betonte die frühere Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Marie-Luise Müller, die heute ihren an ALS erkrankten Ehemann pflegt. „Als Organisatorin und Casemanagerin verbringe ich unendlich viel Zeit. Die Einarbeitung fällt sogar mir als Kennerin des Sozialgesetzbuch-Systems schwer“, sagte die gelernte Krankenschwester und langjährige Pflegedirektorin der Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden.

Pflegende Angehörige bräuchten in der öffentlichen Debatte eine „bessere Lobby“, so Müller. Sie wolle sich daher für die Gründung einer „Bundesarbeitsgemeinschaft pflegender Angehöriger“ einsetzen.

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Kommentare
Prof.Dr. Peter Kolominsky-Rabas, MBA

Guten Morgen Herr Hommel,

klasse Beitrag! Zur schwierigen Situation der pflegenden Angehörigen und zur Versorgung von Menschen mit Demenz haben wir diese Woche unsere Ergebnisse publiziert.

In Deutschland leben zurzeit ca. 1,7 Millionen Menschen mit Demenz.
Rund 70 Prozent von ihnen werden zuhause von Angehörigen versorgt – Deutschlands „größtem Pflegdienst“.
Demenz-Diagnosen werden häufig zu spät gestellt, so dass Patienten nicht rechtzeitig und nicht bedarfsgerecht versorgt werden. Weil es immer noch keine wirksamen Arzneimittel gibt, ist aber die Versorgung dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe umso dringender.

Wie lange dauert es bis die Diagnose einer Demenz gestellt wird?
Welche Unterstützung nehmen Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in Anspruch?
Wie belastet sind die pflegenden Angehörigen mit der Versorgung ihrer Familienmitglieder?
Wie werden Menschen mit Demenz vor ihrem Tod versorgt?

Diese und weitere Fragen untersuchte der Bayerische Demenz Survey (BayDEM) in drei unterschiedlichen Regionen.
Zum ersten Mal liegen nun bevölkerungs-basierte Daten vor, die zeigen, wie die Versorgung von Menschen mit Demenz unter Alltagsbedingungen aussieht. Die Ergebnisse der BayDem-Studie wurden am 22.01.2020 in der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ veröffentlicht:
https://www.thieme.de/de/gesundheitswesen/aktuelle-ausgabe-3885.htm

MfG
Prof. Peter Kolominsky-Rabas
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Univ.-Prof. Dr. med. Peter Kolominsky-Rabas, M.B.A.
Digitales Demenzregister Bayern
Interdisziplinäres Zentrum für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Email: peter.kolominsky-rabas@fau.de
Web: www.digidem-bayern.de

Dr. Albrecht Fuchs

Es freut mich, daß die Diskussion über Verbesserungen in der Pflege in Gesellschaft und Politik an Fahrt gewinnt. Meine Frau durfte in dieser Woche nach 10 Jahren dementieller Erkrankung heimgehen. 3 Jahre zu Hause und 7 Jahre im Pflegeheim von mir täglich gepflegt/ betreut. Ausgehend von der Erkenntnis, daß bei einer Demenz in der Regel 2 Personen erkrankt sind, ein weiterer "verrückter" Vorschlag. Schaffung einer "Bundearbeitsgemeinschaft leidender Angehöriger"

Mag. Gertrud Rust

Eine große Hilfe für pflegende Angehörige wäre auch die Sicherstellung der sog. Verhinderungspflege bei Ausfall der Betreuungsperson. Ich habe 10 Jahre meine Eltern gepflegt, über die Hälfte dieser Jahre war kein Urlaub und nur selten ein freies Wochenende möglich, da ambulante Pflegedienste die regelmäßige "Dauerbetreuung" bevorzugen, denn: "wir müssen ja auch Geld verdienen", so der Kommentar einer Pflegedienstleiterin. Bei unregelmäßigen Einzeleinsätzen sei das schwer möglich und erfordere einen zu hohen organisatorischen Aufwand. Zudem wurden auch bereits vereinbarte Pflegeeinsätze unvorhersehbar abgesagt. Diese mangelhafte Verlässlichkeit ist eine Riesenzusatzbelastung für betreuende Angehörige, die ohne zeitweise Ruhepausen an den Rand ihrer Kräfte gelangen. Dies in meinem Fall auch noch als Brustkrebspatientin.


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