Kassen-Studie

Hausarztmangel - eine Verteilungsfrage?

Eine Studie für den GKV-Spitzenverband relativiert den Hausarztmangel. Hauptprobleme seien die mangelhafte Verteilung der Ärzte und traditionelle Rollenbilder, die Ärztinnen das Leben schwer machten.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:

Ärztemangel in Deutschland - nur ein Verteilungsproblem? Ein neues GKV-Gutachten kommt erneut zu diesem Schluss. Stephan Jansen / dpa

BREMEN. Der Hausärztemangel ist gar keiner - sondern die Primärversorgung leidet unter einem Verteilungsproblem. Zudem würden dem Nachwuchs unnötig Steine in den Weg gelegt.

Das hat der Bremer Gesundheitswissenschaftler Professor Norbert Schmacke in einem Gutachten zur Zukunft der ambulanten Allgemeinmedizin und der hausärztlichen Versorgung dargelegt.

Planung basiere auf Vermutung

Um das Verteilungsproblem in den Griff zu bekommen, müssen die Akteure des Gesundheitswesens einen Perspektivwechsel schaffen, so Schmacke.

Das Gutachten "Die Zukunft der Allgemeinmedizin in Deutschland: Potenziale für eine angemessene Versorgung" hat er im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes erstellt.

Dafür hat er internationale empirische Erfahrungen ausgewertet und Interviews mit Experten aus Praxis, Politik und Wissenschaft geführt.

"Die Ungleichverteilung ist unstrittig", sagte Schmacke der "Ärzte Zeitung", "aber wir halten immer noch an den Bedarfsplanzahlen der 90er Jahre fest."

Für die gegenwärtige Situation basiere die Planung eher auf Vermutungen und Annahmen. Aber statistische Erhebungen zum demografischen Wandel sowie die prognostizierte Arztdichte genügen nicht, um die Weichen für die medizinische Versorgung der Zukunft zu stellen.

Schmacke fordert die kleinräumige Analyse von Qualität und Effizienz der medizinischen Versorgung.

Kinderfrage ein heikler Punkt

Er will Ressourcen heben, statt immer mehr Ärzte zu fordern. So sei etwa eine bessere Kooperation von Haus- und Fachärzten das Mittel der Wahl, um der Ungleichverteilung Herr zu werden.

Um die Hausärzte und ihre Patientenversorgung hierzulande besser streuen zu können, hat er auch auf US-amerikanische Erfahrungen zurück gegriffen.

Die Autoren einer entsprechenden Studie "weisen (…) auf den Extremfall Massachusetts hin, wo sich seit 1979 die Arztzahlen verdoppelt haben und dennoch das Klagen über einen Ärztemangel nicht verstummen will". Auch steige die Patientenzufriedenheit keinesfalls mit der Zahl der Ärzte, hat Schmacke internationalen Studien entnommen.

Besonders analysiert er die Zukunft der Hausärztinnen. Für sie fordert er die gleichen Chancen wie die Männer. 60 Prozent der Medizin-Erstsemester sind Frauen, aber sie kommen erst spät in die Versorgung. Der heikle Punkt sei die Kinderfrage.

Traditionelle Rollenmuster greifen

"Wir waren sehr überrascht, dass nach dem ersten Kind bei den Eltern ganz traditionelle Rollenmuster greifen", sagt Schmacke. "Immer noch tragen die Frauen die Hauptlast der Erziehung." In Skandinavien etwa sei das anders. "Dort gibt es nicht die deutsche Vorstellung von der Rabenmutter."

Es gehe ihm nicht um das Thema "Feminisierung der Medizin", sondern um eine Versorgung, in der Männer und Frauen innerhalb aller Gesundheitsfachberufe (…) gleichberechtigt agieren können, schreibt Schmacke.

"Wir laufen Gefahr, unsere Potenziale zu verschenken. Männer und Frauen müssen in Klinken, in der Lehre und in den Praxen gleichermaßen zu ihrem Recht kommen."

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