Unimedizin Mainz

Hausarztpraxis neben der Notfallaufnahme

Die erste „Allgemeinmedizinische Praxis am Campus“ (APC) wurde auf dem Gelände der Universitätsmedizin Mainz eröffnet. Damit will die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz gemeinsam mit der Universitätsmedizin die Notfallaufnahme entlasten.

Von Anke ThomasAnke Thomas Veröffentlicht:
Professor Norbert Pfeiffer, Dr. Peter Heinz, Dr. Birgit Schulz und Dr. Andreas Fischbach (von links) bei der Vorstellung der APC der Universitätsmedizin Mainz.

Professor Norbert Pfeiffer, Dr. Peter Heinz, Dr. Birgit Schulz und Dr. Andreas Fischbach (von links) bei der Vorstellung der APC der Universitätsmedizin Mainz.

© Anke Thomas

MAINZ. Waren es 2012 noch etwa 12.000 Patienten, die die Notfallaufnahme aufsuchten, sind es mittlerweile jährlich mehr als 16.000 Patienten, erklärte Dr. Andreas Fischbach, Leiter der Notaufnahme der Universitätsmedizin Mainz auf einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung der APC. Davon seien etwa 40 Prozent beziehungsweise gut 6000 Patienten keine Notfälle und könnten vom Hausarzt versorgt werden, so Fischbach weiter.

Viele Patienten könnten gar nicht einschätzen, ob etwa der Brustschmerz gefährlich ist, ob möglicherweise ein Herzinfarkt vorliegt oder einfach zu wenig getrunken wurde, äußerte Professor Norbert Pfeiffer, Vorstandsvorsitzender und Medizinischer Vorstand der Universitätsmedizin Mainz Verständnis für die Patienten. Und der Versuch, mit Schildern oder Informationen diese Patienten zum Beispiel in die Bereitschaftsdienstzentralen zu leiten, hätten bislang nicht gefruchtet, so Pfeiffer.

Eigenbetrieb als Modellvorhaben

Um dieser Entwicklung zu begegnen und die Patienten zu steuern, wurde Ende 2016/2017 die Idee geboren, gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV RLP) die APC am Campus zu eröffnen. „Da den Kassenärztlichen Vereinigungen der Betrieb einer Arztpraxis während der regulären Praxisöffnungszeiten derzeit – mit Ausnahme von unterversorgten Regionen – noch untersagt ist, haben wir die Einrichtung der APC als Modellvorhaben nach § 63 SGB V beantragt, so Dr. Peter Heinz, Vorstandsvorsitzender der KV RLP, der sich beeindruckt und begeistert zeigte vom hohen Standard der „idealen Praxis“.

Etwa eine halbe Million Euro hat die Universitätsmedizin Mainz in Umbaumaßnahmen der Räumlichkeiten und Ausstattung (zum Beispiel ein Ultraschallgerät) der APC investiert. Drei Ärzte, ein Arzt in Weiterbildung und acht MFA sind in der Eigeneinrichtung der KV RLP beschäftigt, die jeweils montags bis samstags von 8 bis 20 Uhr geöffnet ist.

Triage nach Schweizer Vorbild

Die APC ist direkt neben der Notaufnahme angesiedelt. Wenn der Patient die Räumlichkeiten betritt, ist es für ihn nahezu nicht erkennbar, dass es sich um eine allgemeinmedizinische Praxis handelt. Zunächst werden Patienten am Empfangstresen begrüßt. Anschließend führt eine MFA eine IT gestützte Ersteinschätzung mittels des „Strukturierten medizinischen Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland (SmED)“ durch.

Dieses Triage-Verfahren wurde bereits in der Schweiz getestet und auf Deutschland umgestellt. Nach der Ersteinschätzung wird entschieden, ob der Patient doch ein Fall für die Notaufnahme ist oder von den Ärzten der APC beziehungsweise auch von Haus- und Fachärzten der Region versorgt wird.

Die Kosten des Projekts werden jeweils hälftig von den rheinland-pfälzischen Krankenkassen und der KV RLP finanziert. Da in der APC für die Behandlung der Patienten nur die Grundpauschale (circa 26 Euro pro Patient) abgerechnet werden kann, rechnen die Beteiligten mit Verlusten von rund 250.000 Euro pro Jahr. Das liegt auch daran, dass die Patienten nur einmalig in die APC kommen und es keine weiteren Abrechnungsmöglichkeiten (zum Beispiel Chronikerziffern oder HzV-Verträge) gibt.

Sektorenübergreifend arbeiten

Ziel der APC ist insbesondere diejenigen Patienten, die fußläufig die Notaufnahme ansteuern, abzufangen. Dabei handelt es sich erfahrungsgemäß um Patienten, so Fischbach, die beim Hausarzt versorgt werden können.

Geplant ist auch, sich eng mit den Mitarbeitern der Notaufnahme abzustimmen, so Dr. Birgit Schulz, Internistin und Allgemeinärztin, die die APC leitet. Sollte es erforderlich sein, kann die APC auf die Röntgen- oder Laborabteilung der Universitätsmedizin, die ebenfalls nur wenige Meter entfernt liegen, zurückgreifen. Um festzustellen, inwieweit die Versorgung verbessert und eine Patientensteuerung in die richtigen Strukturen mit der APC erreicht werden kann, wird das Projekt evaluiert.

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