Direkt zum Inhaltsbereich

Huber warnt vor Entsolidarisierung in der GKV

Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens bedroht nach Ansicht des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Wolfgang Huber, die Prinzipien der gesetzlichen Krankenversicherung: Würden Patienten aus ökonomischen Gründen "blutig" aus der Klinik entlassen, seien Grenzen überschritten.

Von Bülent Erdogan Veröffentlicht:

BERLIN. Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, sieht das sozialstaatliche Fundament der gesetzlichen Krankenversicherung zunehmend gefährdet. Die in den vergangenen Jahren erfolgte "starke Betonung der Eigenverantwortung und der Vorsorge für sich selbst" bedrohe die "Vorfahrt der Solidarität" unter den Menschen, mahnte Huber als Gastredner auf dem 1. Deutschen Kassenärztetag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin.

Huber: Kranke und Gesunde sind in ihrer Würde gleich

Das biblische Menschenbild weise dem leidenden, zur Selbsthilfe nicht mehr fähigen Menschen die gleiche Würde zu wie dem leistungsfähigen Gesunden, Starken und Schönen. Ziel sei die Überwindung des Leids. "Die Solidargemeinschaft nach christlichem Verständnis hält die Gleichheit der Kinder Gottes fest", sagte der Geistliche. "Wer sich der Hilfeleistung verweigert, wird nicht nur schuldig an dem, der in Not ist, sondern auch am eigenen Leben." Eine Gesellschaft, die die Solidarität für die Schwachen nicht mehr aufbringe, schade am Ende nur sich selbst.

Die Gesundheitsversorgung sei ein "Bewährungsort für die Humanität", so der Ratsvorsitzende mit Blick auf die zunehmende Ökonomisierung der Versorgung und den Versuch, Rationalisierungsreserven zu heben. Diese Ausrichtung überschreite ethische Grenzen, wenn Kliniken ihre Patienten aus Kostengründen "blutig" entlassen.

Der Zugang zum Gesundheitssystem dürfe nicht von Alter, Einkommen, Geschlecht oder Aufenthaltsstatus der Menschen abhängig gemacht werden, so Huber. Notwendig sei eine nachhaltige Versorgung, die den ganzen Menschen in den Blick nehme. Gerade arme Menschen seien auf eine leicht zugängliche Gesundheitsversorgung in ihren Vierteln angewiesen. Dazu gehöre, dass Hausärzte in ihrer Funktion als "Lotsen" auch mit Beratungsstellen, Pflege- und Sozialdiensten kooperieren.

Allerdings wandte sich Huber gegen den Gedanken, die GKV könne ein "totales Versorgungssystem" ohne Eigenverantwortung des Einzelnen bieten. Darüber hinaus seien auch Familie, Nachbarn und Freunde zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet.

"Solidarität ist keine Garantie auf Gesundheitskonsum, sondern wechselseitige Verantwortung für gesunde Verhältnisse", sagte Huber. Ohne eine gesunde Lebensführung der Versicherten sei die GKV künftig nicht mehr finanzierbar. Auch einer Priorisierung von Leistungen, wie von Bundesärztekammerpräsident Professor Jörg-Dietrich Hoppe vehement gefordert, erteilte er keine kategorische Absage. Die Verteilung der Ressourcen in der GKV müsse dann aber transparent, verlässlich und für die Bürger nachvollziehbar stattfinden. Dagegen abzugrenzen und abzulehnen sei hingegen eine auf einzelne Personengruppen zielende Rationierung von Leistungen, etwa durch Altersgrenzen.

Der Vizechef der KBV, Dr. Carl-Heinz Müller, sagte, der von der Politik forcierte Wettbewerb dürfe nicht dazu führen, dass Qualitätsstandards unterschritten würden. Qualitätsverbesserungen aus Verträgen außerhalb des Kollektivvertrags müssten langfristig allen Patienten zugutekommen. Allerdings seien Fortschritte bei der Qualität der Versorgung bisher nicht nachweisbar. Der bislang "ungeordnete Wettbewerb" mit einer Benachteiligung des KV-Systems drohe derweil, den Kollektivvertrag auszuhöhlen.

KBV warnt vor dem Aus für den Kollektivvertrag

Müller warnte vor einem Zusammenbruch der flächendeckenden vertragsärztlichen Versorgung. Als Hausarzt wolle er niemals in die Situation kommen, Patienten ablehnen zu müssen, weil deren Kasse mit ihm keinen Vertrag habe, sagte Müller. "Ich möchte jeden Patienten gleich gut und leitliniengerecht behandeln können." Er wolle Arzt für alle Kassen sein und nicht zum Arzt für eine Kasse werden.

Lesen Sie dazu auch: Was frustriert Ärzte - und verschärft den Ärztemangel? Ärzte fühlen sich zunehmend fremdbestimmt

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Tipps der Bundesärztekammer

Wie Ärzte Fake News und Deepfakes erkennen

Das könnte Sie auch interessieren
An der Frankfurt School of Finance & Management im Norden der Mainmetropole wird auch in diesem Jahr der Tag der Privatmedizin 2026 ausgerichtet. Die Veranstaltung ist für den 21. November angesetzt. (Archivbild)

© Frankfurt School of Finance & Management

Update

Praxiswissen und Innovation

Privatmedizin: Anregungen für die Praxis in Frankfurt am 21. November

Logo Medibiom

© Medibiom

MEDICE

MEDIBIOM – Darmgesundheit neu gedacht!

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Dr. med. Gerhard M. Sontheimer (ANregiomed, Region Ansbach) und Holger Baumann (Kliniken der Stadt Köln, v.l.) haben in der Praxis gute Erfahrungen mit Systempartnerschaften gemacht.

© Philips

Mehr Spielraum für moderne Prozesse in der Klinik

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Philips GmbH Market DACH, Hamburg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kongress in Chicago

Herzkongress AHA 2026: Diese Studien könnten die Praxis verändern

Heute Preisverleihung

Galenus-von-Pergamon-Preis: Das sind die Kandidaten

Lesetipps
Frau in der Arztpraxis hält sich den Kopf fest

© CineLens / peopleimages.com / Stock.adobe.com

„Rettungskiste“ für die Praxis

Chronische Schmerzen: 5 Tipps fürs Patientengespräch

Porträt von Professor Helmut Schatz

© airborne77 / stock.adobe.com

Spurenelemente

Zink und Testosteron: Wann ist eine Substitution sinnvoll?