Kind und Karriere

Im Alter sind Ärztinnen die Verlierer

Die Medizin wird weiblich. Aber: Ärztinnen, die sich für Kinder entscheiden, nehmen damit Einbußen bei Versorgungsbezügen im Alter in Kauf. Höchste Zeit für mehr Gerechtigkeit.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Die Entscheidung für ein Kind sorgt bei Ärztinnen im Alter mitunter für finanzielle Einbußen.

Die Entscheidung für ein Kind sorgt bei Ärztinnen im Alter mitunter für finanzielle Einbußen.

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NEU-ISENBURG. Ein berufstätiges Paar, das sich entscheidet, Kinder zu bekommen, hat drei Jobs: in seinem Beruf, in ihrem Beruf - und dann ist da noch die Leitung dieses "kleinen Familienunternehmens".

Was in Arztfamilien am Ende des Lebens herauskommt, wenn das traditionelle Familienbild der Adenauer-Ära gelebt wird - er macht Karriere, sie steigt in den Beruf wieder ein, wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind -, kann man anhand der Ergebnisse einer Studie zur gesundheitlichen und sozialen Situation von Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand ablesen. Sie war vom Deutschen Ärztinnenbund (DÄB) initiiert worden.

Demnach unterscheidet sich die soziale Situation von Ärztinnen im Ruhestand erheblich von jener ihrer ehemaligen Kollegen: Bei 60 Prozent der Ärzte in Rente liegt das monatliche Einkommen über 3000 Euro, unter den Ärztinnen im Ruhestand erhält nur jede fünfte so viel. 90 Prozent der befragten Männer leben in fester Partnerschaft, doch nur jede zweite Frau.

Und: Männer haben signifikant häufiger als Frauen Kinder und Enkel. Die Befragung hat bereits in den Jahren 2007 bis 2008 in Schleswig-Holstein sowie bei Mitgliedern des DÄB stattgefunden, wurde aber jetzt erst veröffentlicht. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 73 Jahren.

Jede dritte Ärztin im Ruhestand lebt alleine

Die wahrscheinlichste Interpretation dieser Daten ist die: Es waren die Ärztinnen, die mit den Kindern zu Hause geblieben sind - meist jahrelang. Der Wiedereinstieg in den Beruf erfolgte erst spät, oft ohne abgeschlossene Facharztausbildung. Geht die Partnerschaft in die Brüche, ist es ein bekanntes Phänomen, dass Akademiker sehr viel leichter eine neue Partnerin finden als Akademikerinnen einen Partner.

Ärztinnen entscheiden sich aus beruflichen Gründen womöglich nur für ein Kind, während ein Arzt unter Umständen mehrere Kinder von verschiedenen Partnerinnen hat. Dies würde die Unterschiede bei der Zahl der Nachkommen erklären sowie die Tatsache, dass laut Studie jede dritte der in Schleswig-Holstein befragten Ärztinnen im Rentenalter allein lebt, während keine neun Prozent der Männer allein sind.

Die gleiche Erhebung in den neuen Bundesländern wäre wahrscheinlich anders ausgefallen. Doch hier geht es nicht um historische Vergleiche. Es geht um Gerechtigkeit unter den Bedingungen eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats. Um es klar zu sagen: Die großen Unterschiede der Lebenssituation zwischen Ärztinnen und Ärzten in dieser Altersgruppe sind ungerecht.

Natürlich kann der Staat nicht für privates Glück verantwortlich gemacht werden. Es muss aber endlich tief ins Bewusstsein der Gesellschaft dringen, dass es eine Lebensaufgabe ist, Kinder großzuziehen, sie behutsam und fürsorglich auf die Schiene in ein eigenes, selbstständiges Leben zu setzen.

Diese Aufgabe erfolgreich zu meistern, ist relevant für die Gemeinschaft. Die Kinder werden zu Bürgern, die in der Lage sein müssen, die Aufgaben der alten Generation zu übernehmen und die Gesellschaft weiter zu gestalten.

Die Ungerechtigkeit besteht darin, dass diese Erziehungsleistung in Deutschland unzureichend anerkannt wird, eine Leistung, die in der Vergangenheit und bis heute vor allen Dingen die Frauen erbringen. Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung von Pensionen, eben auch beim Vergleich der Bezüge von Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand.

Work-Life-Balance als große Herausforderung

Was bedeutet das für die Zukunft? Es ist richtig und notwendig, dass - auch im Gesundheitswesen - Veränderungen auf den Weg gebracht werden, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie künftig besser ermöglichen sollen.

Das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Unternehmen, die jährlich Millionen erwirtschaften und dafür auf hoch qualifiziertes Personal angewiesen sind, müssen auch für ein günstiges privates Umfeld dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen: Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Hilfe bei der Wohnungssuche. Warum nicht auch die Vermittlung von Haushaltshilfen? Krankenhäuser sind solche Unternehmen. Viele ihrer Angestellten sind Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung - künftig vor allem Ärztinnen!

Und was die Bezüge im Alter angeht: Eine Familie mit Kindern ist eine Einheit. Welcher Partner während der Kindererziehungszeit wie viel zum Familieneinkommen beisteuert, sollte irrelevant sein: Wäre das gemeinsame Einkommen in diesem Zeitraum für beide Partner gleichberechtigt Grundlage der Rentenansprüche, würde der Part der Kindererziehung endlich auch in dieser Hinsicht aufgewertet.

Wie die familiäre Aufgabenverteilung stattfindet, ist selbstverständlich Privatsache. Für Männer ist folgendes Ergebnis der DÄB-Studie bedenkenswert: Die befragten Ärzteseniorinnen waren in vielen Lebensbereichen zufriedener als die Männer - das galt auch für den Lebensstandard. Geld und Karriere allein machen eben nicht glücklich. Jedenfalls dann, wenn man sich einmal bewusst für Kinder entschieden hat.

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