Brexit fatal

Kommen Englands Arzneien notfalls per "Luftbrücke"?

Eine Luftbrücke für London: Per Flugzeug direkt vom Hersteller, räsonierte jüngst der britische Gesundheitsminister, könnten bei einem No Deal-Brexit Medikamente aus der EU eingeflogen werden. Starker Tabak, meint unser Londoner Blogger Arndt Striegler.

Arndt StrieglerVon Arndt Striegler Veröffentlicht:
Die Scheidung zwischen Großbritannien und der EU könnte hässlich werden. Per Luftbrücke müssten Patienten zur Not versorgt werden.

Die Scheidung zwischen Großbritannien und der EU könnte hässlich werden. Per Luftbrücke müssten Patienten zur Not versorgt werden.

© meatbull / stock.adobe.com

LONDON. Pharmaunternehmen in Großbritannien haben in den vergangenen mehr als zwei Jahren seit dem Brexit-Referendum "hunderte Millionen Pfund" investiert, um sicher zu stellen, dass Patienten im Königreich auch nach dem EU-Austritt weiter mit Arzneimitteln versorgt werden können. "Wir sind auf alle möglichen Fälle vorbereitet", so der britische Pharmaverband (Association of British Pharmaceutical Industry, ABPI).

Dass sich der einflussreiche Verband jetzt öffentlich zum Thema Brexit zu Wort meldet, ist kein Zufall. Zwei Gründe: 1. begann vor wenigen Tagen nach einer (unverständlich langen Pause) die neue Sitzungsperiode des britischen Unterhauses. Und dort wird es um nicht weniger als die Zukunft des Landes gehen. Damit ein Brexit-Deal überhaupt noch zustande kommen kann, muss dieser innerhalb der kommenden Monate im Parlament beraten und beschlossen werden.

Grund Nummer zwei: Es sieht derzeit tatsächlich danach aus, als ob es zu einem No-Deal-Brexit-Szenario kommen könnte.

Nicht nur Säbelrasseln

Mehrere ranghohe Minister bezeichneten die Chancen für einen No Deal als "mehr als 50/50". Es wäre falsch, dies als politisches Säbelrasseln abzutun, bevor der Brexit-Poker in Kürze in die entscheidende Phase gehen wird. Die Chancen auf eine Einigung stehen in der Tat schlechter denn je. Und das sorgt hier in Old-old-England nicht nur die Pillenmacher, sondern nun ja quasi das ganze Land.

Wie ernst die Lage selbst von der fast schon peinlich dauer-optimistisch daher kommenden Regierung May eingeschätzt wird, zeigt die Tatsache, dass erst vor wenigen Tagen der britische Gesundheitsminister Matt Hancock gestehen musste, dass bereits Vorbereitungen laufen, nach dem 29. März 2019 Medikamente mit einer Art Luftbrücke direkt von den Herstellern im EU-Ausland ins Königreich zu transportieren.

Hancock wörtlich: "Wir können es nicht riskieren, dass Patienten in Großbritannien Brexit-bedingt ohne Arzneimittel da stehen."

Sollte es dazu kommen, dass Großbritannien am 29. März kommenden Jahres ohne einen Deal aus der EU fliegt und sollte es deshalb zum Chaos in den britischen Seehäfen kommen, wo überforderte Zollbeamte die plötzlich anfallende Papierflut nicht bewältigen können, sollen laut Hancock Medikamente "notfalls direkt vom Hersteller" in die britischen Kliniken und Hausarztpraxen des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) geschafft werden.

Die Kosten dafür dürften beträchtlich sein. Und Hancock versicherte in London, diese Kosten würden zumindest zum Teil vom britischen Steuerzahler getragen.

Downing Street ohne Ideen

Allein die Tatsache, dass so ein "Luftbrücken-Szenario" für Medikamente öffentlich von britischen Ministern ins Spiel gebracht wird, zeigt, wie prekär die Lage inzwischen ist. Mehr als zwei Jahre sind seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 vergangen. Doch konkrete und realistische Vorstellungen, wie sich die Damen und Herren in der Downing Street die Zeit nach der EU-Mitgliedschaft konkret vorstellen sie fehlen weiterhin.

Wobei eingeräumt werden muss, dass es zwar einige Ideen gibt, wie eine künftige Zusammenarbeit zwischen EU und Großbritannien aussehen könnte. Doch diese Ideen sind derart realitätsfern und geradezu verrückt, dass in Brüssel niemand mehr daran glauben mag, dass das ganze Trauerspiel ein Happy-End haben könnte.

Wenn selbst ein bekennender Brexit-Fan wie der angesehene ehemalige Chef der britischen Notenbank Bank of England, Melvyn King, Regierungschefin May "Inkompetenz hoch drei" vorwirft, dann muss etwas ganz gehörig schief gelaufen sein.

Showdown für Teresa May?

Alles hoffnungslos also? Nicht ganz. Die nächste Klippe und vielleicht entscheidende Schlacht wird Ende September geschlagen, wenn sich die Regierungspartei zu ihrer alljährlichen Jahreskonferenz trifft.

Bereits jetzt kursieren Gerüchte, wonach der ehemalige Außenminister und EU-Feind Boris Johnson versuchen könnte, Theresa May zu stürzen. Sollte das passieren, dann "Bye Bye" Hoffnung und "Hello" Luftbrücke.

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Aktuelle Forschung

Antikörper – die Verkuppler der Krebsmedizin

Leitartikel zur Pflegeversicherung

Herr Minister Lauterbach, in der Pflege brennt es lichterloh!

Lesetipps
Prof. Florian Wagenlehner, Urologe an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Leitlinienautor der S3-Leitlinie zur unkomplizierten Harnwegsinfektion, gibt an, dass eine nichtantibiotische Therapie als Alternative zur antibiotischen Behandlung erwogen werden kann, da wie Studien gezeigt haben, bei ungefähr zwei Drittel der Patientinnen auf Antibiotika verzichtet werden könne.

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Blick in die überarbeitete Leitlinie

Auf Antibiotika verzichten? Was bei unkomplizierter Zystitis hilft