MB-Umfrage

Klinikärzte stoßen an ihre Grenzen

Alarmruf aus den Krankenhäusern: Ökonomischer Druck und Bürokratie zerfetzen die Nerven der angestellten Ärzte. Eine Mitgliederbefragung des Marburger Bundes offenbart zudem: Mehr als jeder fünfte Klinikarzt denkt darüber nach, den Beruf aufzugeben.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 23.01.2020, 10:08 Uhr
Klinikärzte stoßen an ihre Grenzen

Gestresste Klinkärzte sind offenbar keine Seltenheit: 49 Prozent der Befragten gaben an, sich häufig überlastet zu fühlen.

© pathdoc / stock.adobe.com

Berlin. Die Ärzte in Krankenhäusern leisten 65 Millionen Überstunden im Jahr. Permanente Arbeitsüberlastung, hoher Zeitdruck und immer mehr Bürokratie bleiben nicht ohne Konsequenzen.

Mehr als jeder fünfte Arzt im Krankenhaus (21 Prozent) denkt darüber nach, das Stethoskop endgültig an den Nagel zu hängen. Hochgerechnet sind das mehr als 45.000 Krankenhausärzte.

Das geht aus einer Mitgliederbefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) hervor. Erstmals haben mehr weibliche als männliche Ärzte teilgenommen.

Im Schnitt 6,7 Überstunden pro Woche

Jeder der 186.000 hauptamtlichen Krankenhausärzte leistet ausweislich der Umfrageergebnisse 6,7 Überstunden in der Woche (siehe nachfolgende Grafik).

63 Prozent der Befragten liegen mit ihrer Wochenarbeitszeit jenseits der vom Arbeitszeitgesetz vorgegebenen 48 Stunden (siehe nachfolgende Grafik).

Immerhin 26 Prozent gaben an, von ihren Arbeitgebern Überstunden weder vergütet noch durch Freizeit ausgeglichen zu bekommen.

„Unter den aktuellen Bedingungen kompensiert man als Klinikarzt das maximal ökonomisch ausgepresste deutsche Gesundheitssystem auf Kosten der eigenen Gesundheit, des Privatlebens, seiner Zufriedenheit und Freude am Beruf“, fasste ein Umfrageteilnehmer sein Unbehagen zusammen.

Auch die Tatsache, dass mit der Gesellschaft auch die Ärzte älter werden, schimmert durch die Antworten durch: „Mit zunehmendem Alter wird es schwieriger, der zunehmenden Grenzbelastung standzuhalten“, argumentierte ein anderer.

Zeitfresser Bürokratie

Als „Skandal“ bezeichnete MB-Chefin Dr. Susanne Johna den Zeitfresser Bürokratie. Jeder Arzt im Krankenhaus muss sich laut Umfrageergebnis jeden Arbeitstag mindestens eine Stunde Verwaltungstätigkeiten widmen. 35 Prozent gaben sogar vier Stunden an.

Zum Vergleich: Bei der Umfrage im Jahr 2013 sagten nur acht Prozent der Befragten, vier Stunden durch den Formularkrieg gebunden zu sein.

Dieses Ergebnis korrespondiert mit der Aussage von 77 Prozent der Krankenhausärzte, die sich mehr Unterstützung von den Klinikverwaltungen wünschen. Als gut bis sehr gut bezeichnen dagegen mehr als 70 Prozent der Ärzte die Zusammenarbeit mit der Pflege.

Diesen Punkt griff die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) in einer ersten Reaktion auf die Umfrageergebnisse auf. „Es sind oft sinnlose Bürokratiearbeiten, die Ärzte von ihrer eigentlichen Arbeit abhalten“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Allein die MDK-Prüfungen lösten in zwei Millionen Fällen im Jahr „Rechtfertigungsbürokratie“ aus.“ Die Krankenkassen müssen zur Vernunft kommen“, so Baum. Tausende Vollzeitarztstellen könnten freigeschaufelt werden, schon wenn man die bürokratischen Anforderungen halbiere.

Drei von vier Ärzten fühlen sich gesundheitlich beeinträchtigt

Das ungute Gefühl, in ungesunden Verhältnissen arbeiten zu müssen, ist laut Umfrage weit verbreitet. Die Arbeitsverdichtung und der ökonomische Druck der Klinikbetreiber bringen immer mehr Ärzte an ihre Grenzen.

Rund drei Viertel der Teilnehmer an der MB-Umfrage fühlen sich durch ihre Arbeitszeitgestaltung gesundheitlich beeinträchtigt. Nach Schlafstörungen müde treffen sie dann auf die zu behandelnden Patienten, für die sie aber eigentlich keine Zeit haben.

„Wer auf Dauer an seinen eigenen Ansprüchen scheitert und keine Zeit hat für Gespräche mit Patienten und kollegialen Austausch, fängt irgendwann an, die eigene Tätigkeit infrage zu stellen“, warnte Johna. Dies dürfe weder der Politik noch den Krankenhausträgern gleichgültig sein.

Die Folgen sind nicht banal. 15 Prozent der Befragten waren von ihren Arbeitsverhältnissen schon einmal derart psychisch belastet, dass sie sich in ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Behandlung begeben mussten. Diagnose „Burn out“.

Für die Umfrage des Marburger Bundes wurden dem Bericht zufolge im September und Oktober 2019 insgesamt rund 6500 angestellte Ärzte, die zu über 90 Prozent in Krankenhäusern tätig sind, befragt. Durchgeführt wurde die Online-Befragung vom Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME).

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Kommentare
Birgit Hackenberg

Der größte Skandal ist doch, dass das seit mindestens 20 Jahren so ist. Aber keine Besserung ist in Sicht, stattdessen gibt es immer neue Auflagen, die von der eigentlichen Tätigkeit als Arzt abhalten. Wem seine eigene Gesundheit wichtig ist, der kann sich nur beruflich verändern.
Das gleiche gilt fürs Pflegepersonal, statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern, werden billige Kräfte aus dem Ausland als Lösung präsentiert.
Da heißt es, auf die eigene Gesundheit achten, um besser nicht als Patient ins Krankenhaus zu müssen.
Da sind die Bezahlung von Apps auf Krankenkasse doch nur ein Witz. Daran zeigt sich schon, dass Vernunftdenken in der Politik nicht auf der Tagesordnung steht.

Dr. A. Constantin Rocke

Das ist ein Skandal! Aber in den Medien hört man seit Jahren nur „Pflegenotstand“ - wer trägt denn die Verantwortung für die Patienten? Wir Ärzte! Im niedergelassen Bereich geht die Gängelung durch Politik und Versicherungen weiter: Eingriffe in die ärztliche Therapiefreiheit und Praxisorganisation, Budgetierung, überbordende Bürokratie, Regressgefahr, flatrate-Medizin. Ich kann jedem Kollegen nur raten, sich klarzumachen, was er und seine Leistungen wert sind und dementsprechend zu handeln. Wir müssen zusammenstehen oder wir werden weiter von Politik (jedweder couleur) und Versicherungen entmündigt und degradiert.


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