Berufspolitik

Liebe Worte, aber keine Taten für Ärztenetze

Mehr Versorgungskompetenz für Ärztenetze - das bleibt Sonntagsreden vorbehalten. Wenn werktags konkrete Politik gemacht wird, überwiegen die Bedenken. Die Koalitionseckpunkte zeigen das.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
"In Netzen liegt die Zukunft der Versorgung" - BMG-Staatssekretär Daniel Bahr (FDP).

"In Netzen liegt die Zukunft der Versorgung" - BMG-Staatssekretär Daniel Bahr (FDP).

© di

BERLIN. Ausgerechnet ein kurzfristig gestrichener Eckpunkt für das Versorgungsgesetz interessierte die am Wochenende in Berlin auf Einladung des NAV-Virchow-Bundes versammelten Gesundheitsnetzwerker am brennendsten:

Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollten ursprünglich nämlich die Möglichkeit erhalten, kooperativen Strukturen von Ärzten oder Praxisnetzen für eine Region und auf Zeit einen lokalen Teilsicherstellungsauftrag zu übertragen. Als Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) am Freitag vor die Presse trat, fehlte dieser Punkt.

Netzwerker wurden aus den Eckpunkten gestrichen

In Teilen der Regierungskoalition herrsche große Skepsis, dass sich neue Monopole herausbildeten, wenn die KVen Verantwortung an kleinere, regionalere Einheiten abgäben, sagte Gesundheitsstaatssekretär Daniel Bahr (FDP), der am Freitag beim "Tag der Netze" des NAV-Virchow-Bundes sprach.

Ungeklärt sei, welche Konflikte - zum Beispiel bei der finanziellen Bereinigung - entstehen könnten, wenn nicht alle Ärzte einer Region dem Netz angehörten, das den Versorgungsauftrag erhalte.

Sieht keine eindeutigen Hinweise, dass Ärztenetze sparen: vdek-Chef Thomas Ballast.

Sieht keine eindeutigen Hinweise, dass Ärztenetze sparen: vdek-Chef Thomas Ballast.

© sbra

Dem Vernehmen nach sollen die skeptischen Stimmen bei den Verhandlungen über die Eckpunkte aus den Reihen der Unionsfraktion laut geworden sein.

Das Bild des nur auf sich selbst vertrauenden Arztes in einer autarken Praxis löst sich allmählich auf. Daniel Bahr bezeichnete die Vernetzung als "Zukunft der Versorgung". Allerdings liegt für den Liberalen auch darin die Chance zum Wettbewerb. "Wir wollen vielfältige Formen der Kooperation ermöglichen", sagte Bahr.

Der zu den jungen Wilden (oder Milden) zählende FDP-Politiker äußerte Kritik an den Kassen, die sich nach dem Auslaufen der Anschubfinanzierung mehr und mehr aus der Integrierten Versorgung zurückgezogen hätten.

Mit der Rückkehr zur Beitragsautonomie via Zusatzbeiträge werde der Wettbewerb der Kassen untereinander aufs Neue entfacht. Das werde auch die Teilnahme an der Integrierten Versorgung für die Kassen wieder interessant machen.

Eine Rückkehr zur Anschubfinanzierung auch über Umwege lehnte Bahr ab. Der NAV-Virchow-Bund hatte in einem Konzeptpapier angeregt, dass zur Finanzierung von Selektivverträgen ein "Innovationsfonds" im Gesundheitsfonds eingerichtet werden solle.

Kassen bezweifeln das Sparpotenzial der Netze

Um zehn bis 13 Prozent günstiger als die Regelversorgung könnten die Netze ihre Regionen versorgen, sagte Dr. Veit Wambach vom Gesundheitsnetz Nürnberg. Die Kassen zweifeln diese Erfolge an. Das behauptete Einsparvolumen und das tatsächlich errechnete weiche voneinander ab, antwortete Thomas Ballast, Chef des Verbandes der Ersatzkassen.

Die Landschaft der Ärztenetze und Versorgungsverbünde ist laut Angaben des NAV-Virchow-Bundes sehr heterogen. Rund 400 Netze, in denen schätzungsweise 30.000 Ärzte aktiv sind, soll es demnach geben. Die Zahl der Praxisnetze, die über nennenswerte Versorgungsaufträge verfügen, ein professionelles Netzwerkmanagement umgesetzt haben, Versorgung gestalten oder teilweise übernehmen, liege aber erst bei rund einem Dutzend, heißt es in dem Konzeptpapier.

Lesen Sie dazu auch: Ärztenetze drängen in die Versorgung

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Praxisnetze am Scheideweg

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