Versorgungsforschung

MS-Therapie stößt an Grenzen

Das "Weißbuch Multiple Sklerose" deckt Versorgungsdefizite auf. Fachleute setzen sich für eine Verkürzung der Zeit bis zur sicheren Diagnose und zum Therapiebeginn ein.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:

Bis zur Diagnose vergeht immer mehr Zeit

BERLIN. Die Multiple Sklerose befällt Menschen vor allem in der ersten Lebenshälfte. Häufig betroffen sind junge Frauen. Im Alter unter 30 Jahren sind vier Fünftel der MS-Patienten weiblich. Die Lebensplanung, die berufliche Karriere, Kinderwünsche - mit der Diagnose der unheilbaren Krankheit MS werden die Karten neu gemischt.

Die Versorgung der je nach Datenquelle zwischen 143.000 und 200.000 MS-Patienten bezeichnen Ärzte inzwischen als gut, weisen aber auch ausdrücklich auf klar gezogene Grenzen hin.

"Die wissenschaftlichen Erfolge haben die MS zu einer beherrschbaren Krankheit gemacht, auch wenn sie weiterhin unheilbar ist", sagte Professor Judith Haas, Ärztliche Leiterin des Zentrums für Multiple Sklerose am Jüdischen Krankenhaus in Berlin und Vorsitzende der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) am Mittwoch in Berlin.

Anlass war die Vorstellung des "Weißbuch Multiple Sklerose", das im Mai im Springer Verlag erscheint. Herausgeber ist das Berliner IGES-Institut, Sponsor der Arzneimittelhersteller Novartis.

Weniger schwer behinderte Patienten

Die therapeutischen Optionen durch Arzneimittel werden kontinuierlich mehr. Auch im laufenden Jahr erwartet Judith Haas neue Wirkstoffe. Der frühe Einsatz verlaufsmodifizierender Medikamente kann das Leben der Patienten erleichtern.

Der Anteil schwer behinderter MS-Patienten gehe zurück. Benigne MS-Verläufe mit zehn und mehr Jahren ohne wesentliche Beeinträchtigungen nähmen zu und erfassten bereits zehn Prozent der Patienten, berichtete Haas. Ärzte spielen eine starke Rolle bei der Akzeptanz von Therapien für die Patienten. Rate der Arzt zu einer MS-Therapie, willigten 80 Prozent der Patienten in eine Therapie ein, ohne Entscheidungshilfe nur 60 Prozent.

Die Autoren des Weißbuchs plädieren daher für eine weitere Verkürzung der Zeit bis zur sicheren Diagnosestellung (siehe Grafik). Voraussetzung dafür seien zum Beispiel kürzere Wartezeiten auf Magnetresonanztomografien für mögliche MS-Patienten und standardisierte MRT-Protokolle.

Sorgen bereiten strukturelle Therapiehindernisse. So kritisiert der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Neurologen (BDN), Dr. Uwe Meier, dass der Gemeinsame Bundesausschuss vielen dieser Präparate keinen Zusatznutzen zuerkenne. Quoten über Aut-idem-Ausschlüsse und Richtgrößen führten dazu, dass sich Ärzte selbst für leitliniengerechte Verordnungen rechtfertigen müssten, sagte Meier.

Verzögerungen beim Therapiebeginn sind auch der Knappheit von Expertise geschuldet. Die fachärztlichen Ressourcen zur Behandlung der MS seien auf Kante genäht. "Wir brauchen Bedarfsplanung und intelligente Versorgungskonzepte", fordert Meier.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat den Auftrag, bis Ende des Jahres die ambulante Bedarfsplanung neu aufzusetzen. Meier appellierte an den GBA, die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) für MS-Kranke bald zu ermöglichen. Dann könnten die Komorbiditäten in Zusammenarbeit mit Katheterspezialisten in der Pflege und Therapeuten im Team besser behandelt werden.

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