Mangelhafte Versorgung von Kindern in Sachsen?

Laut einem Kassenreport bekommen Kinder in Sachsen auffällig oft Psychostimulanzien verschrieben. Ein Grund könnte der Mangel an Pädiatern auf dem Land sein, vermuten Experten.

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DRESDEN (tt). In einem Mangel an Kinderärzten und Kinder- und Jugendpsychiatern könnte eine überdurchschnittliche Verschreibung von Psychostimulanzien in Sachsen begründet sein.

Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Dresdner Universitätsklinikum, Professor Veit Rössner, erklärte auf Anfrage der "Ärzte Zeitung", dass beide Faktoren zusammenhängen könnten.

So könnten Ärzte, die nicht auf die Versorgung von Kindern spezialisiert sind, eher bereit sein, Maßstäbe der Erwachsenentherapie anzuwenden und Kindern Medikamente zur psychischen Behandlung verschreiben.

Vor allem in den ländlichen Regionen fehlt es im Freistaat an Pädiatern. Bei Kinder- und Jugendpsychiatern sei der Mangel, so Rössner, in Sachsen noch eklatanter.

"Unfassbare Zahlen"

Im Rahmen der Präsentation des Gesundheitsberichts für 2012 machte zuletzt Rolf Steinbronn, der Vorstandsvorsitzende der sächsischen AOK Plus, auf das Problem übermäßiger Verschreibungen im Jugendbereich aufmerksam.

Der Kasse gehört mehr als jeder zweite sächsische Versicherte an. Steinbronn sprach von "unfassbaren Zahlen".

Demnach würde in Sachsen inzwischen jedes vierte Kind wegen einer psychischen Erkrankung ambulant behandelt. Für Psychostimulanzien, die AOK-Versicherten unter 18 pro Jahr verschrieben würden, seien im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Euro ausgegeben worden.

Eine konkrete Aufschlüsselung, in welchen sächsischen Landkreisen besonders häufig solche Rezepte ausgestellt werden, kann die AOK nicht liefern.

Professor Rössner vom Dresdner Klinikum kann sich allerdings gut vorstellen, dass das in Regionen mit wenigen Kinderärzten und -psychiatern der Fall sein könnte - das träfe vor allem Ostsachsen.

"Wir stellen fest, dass dort, wo die Fachleute fehlen, eine ADHS-Diagnose sehr schnell gestellt wird, oft nach wenigen Minuten. Man braucht da aber mindestens eine fünfstündige Untersuchung bei einem Experten."

Voraussetzung für die Verordnung von Methylphenidat ist im Übrigen, dass die Diagnose von einem erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater oder einem spezialisierten Kinder- und Jugendarzt gestellt worden ist.

Oft "unklare Diagnosen" bei Somatisierungsstörungen

Grundsätzlich, so Rössner, sei es "natürlich besser, wenn Kinder von Ärzten behandelt werden, die das regelmäßig tun".

Bei der Diagnose psychischer Erkrankungen seien deshalb nicht unbedingt Jugendpsychiater nötig, schon ein Kinderarzt sei gegenüber einem Allgemeinmediziner klar im Vorteil.

Rössner nennt als Beispiel Somatisierungsstörungen, die bei einigen Kindern in "unklare Diagnosen" und schließlich Operationen münden. "Das wäre sicher oft vermeidbar, wenn der Einblick eines Experten da wäre."

Dabei gehe es im Übrigen nicht nur um die Versorgung der Kinder, sondern auch um die Beruhigung der Eltern.

Nähere Angaben zum Versorgungsgrad machte jüngst die Barmer GEK in ihrem Arztreport 2012. Demnach gibt es im Freistaat 378 Kinderärzte.

In den großen Städten werden nur wenige Kinder von Allgemeinmediziner behandelt. Im Erzgebirgskreis hatte hingegen fast jedes fünfte Kind im vergangenen Jahr keinen Kontakt zu einem Kinderarzt.

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