Aktionstag am 5. Juni

Organspende: „Es ist wichtig, dass Sie sich entscheiden“

Die Bereitschaft zur Organspende dokumentieren – dafür wird am Tag der Organspende 2021 geworben. Im Ernstfall ist damit auch den Angehörigen geholfen. Dem greift auch die Politik unter die Arme.

Von Christoph FuhrChristoph Fuhr Veröffentlicht:
Organspendeausweis in den Händen einer Frau.

Kleines Stück Papier, das im Ernstfall große Wirkung haben kann: der Organspendeausweis.

© SvenSimon / dpa / picture alliance

Marie ist 70 Jahre alt und hat vor acht Jahren eine neue Lunge bekommen, „Ich kann jetzt meine Enkelkinder aufwachsen sehen“, sagt sie gerührt, „ich danke meinem Spender“. Manja hat eine neue Niere bekommen und bedankt sich, weil sie jetzt Mama sein kann. Und Burkard, seit 18 Jahren mit neuer Lunge, sagt Danke, „weil es mir jetzt möglich ist, dass ich einfach ein gutes Leben führen kann“.

Zum virtuellen Tag der Organspende am 5. Juni erklären Menschen in kurzen Videos auf Facebook, wie sie in einer schier ausweglosen Lage Spenderorgane bekommen haben und was das für ihr weiteres Leben bedeutet hat. Der 5. Juni ist ein Tag des Dankes und des Gedenkens an die Menschen, die durch ihr „Ja“ im Organspendeausweis Menschenleben verlängert haben.

Aber es geht nicht ums Danken allein. „Entscheide dich in Sachen Organspende! – das ist die zentrale Botschaft dieses Aktionstags, der seit 1983 jedes Jahr am ersten Samstag im Juni stattfindet. „Wir setzen dabei zunehmend auf Interaktion in digitalen und sozialen Medien“, erklärt Dr. Jorit Ness von der Stiftung „Über Leben – Initiative Organspende“. Facebook, Youtube und Instagram werden genutzt, um Menschen wachzurütteln.

Und die Aufforderung, um die es geht, gilt nicht nur für den 5. Juni: Schieb deine Entscheidung nicht länger auf. Zeig Flagge in Sachen Organspende! „Es ist nicht wichtig, wie Sie sich entscheiden, sondern dass Sie sich entscheiden“, rät Jorit Ness.

Oft zählt der vermutete Wille

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat in ihrem aktuellen Studienbericht „Einstellung, Wissen und Verhalten der Allgemeinbevölkerung zur Organ- und Gewebespende“ zwar ermittelt, dass immer mehr Menschen ihre Entscheidung zur Organ- und Gewebespende dokumentieren.

Es gibt aber auch eine Kehrseite: In mehr als der Hälfte aller Fälle, in denen es 2020 die Möglichkeit für eine Organspende gab, waren es Angehörige, die die Entscheidung über Zustimmung oder Ablehnung trafen. Maßstab war dabei oft der vermutete Wille der Verstorbenen, doch nicht wenige Angehörige machten deutlich, dass im Grunde nur ihre eigene Meinung Basis für die Entscheidung sei.

Gabriele Schweigler vom Netzwerk Spenderfamilien für Angehörige und Freunde von Organspendern, kann die Probleme, die in dieser Situation entstehen, exakt beschreiben. Sie weiß um die Zwänge von Menschen, die nicht die geringste Ahnung haben, welche Entscheidung ihre gerade verstorbenen Angehörigen in Sachen Organspende tatsächlich getroffen hätten.

Schweigler formuliert Fragen, die in dieser Situation unbeantwortet bleiben: „Warum habt ihr nicht von eurem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch gemacht und einen Organspendeausweis ausgefüllt? Warum war Organspende nie ein Thema? Gerade in einem Moment, wo wir nicht wissen, wie es ohne euch weitergehen soll, müssen wir die Verantwortung für die Entscheidung übernehmen.“

2869 geschenkte Lebensjahre

Am Tag der Organspende berichten Experten und Betroffene über ihre Erfahrungen – ihr Wissen soll Menschen helfen, eine individuelle Meinung zu entwickeln. Zum Programm gehören auch Musikbeiträge, Statements von prominenten Botschaftern sowie Lesungen von Dankesbriefen von Organempfängern. Über einen Interaktionsbereich können Teilnehmer live ihre Fragen stellen oder sich in Chats mit Experten austauschen.

Ein fester Bestandteil des Tages der Organspende ist auch die Aktion „Geschenkte Lebensjahre“. Betroffene veröffentlichen ihre Zahl an Lebensjahren, die ihnen bisher durch eine Organspende geschenkt worden sind. Im Jahre 2020 fand die Aktion erstmals online statt. Dabei wurde die Rekordzahl von 2869 geschenkten Lebensjahren ermittelt. In diesem Jahr wächst die Aktion weiter – und die Initiatoren setzen auf eine steigende positive Außenwirkung. Es wird heftig für Organspenden getrommelt an diesem Tag– und das nicht ohne Grund.

Die politische Unterstützung für Organspenden ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden.

Dr. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation

Denn noch immer werden in Deutschland viel weniger Organe gespendet als benötigt werden. 9192 Patienten standen Ende des Jahres 2020 bei Eurotransplant auf der Warteliste für ein Spenderorgan. „Ob man Organe spenden würde oder nicht – das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Aber eine Entscheidung, die Leben retten kann“, stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Vorfeld des Aktionstages klar.

Dr. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, lässt keinen Zweifel, dass es bei der Dokumentation des Spenderwillens „noch viel Luft nach oben“ gibt. „Es gab in der Vergangenheit Organspende-Kampagnen, die nicht erfolgreich waren“, stellt er kritisch fest. Zugleich macht er aber im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ deutlich, dass die Zeichen inzwischen auf Veränderung stehen: „Die politische Unterstützung für Organspenden ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden“, sagt Rahmel.

Neue gesetzliche Regelungen

Er setzt dabei zum einen auf ein 2019 in Kraft getretenes Gesetz, das die Zusammenarbeit und die Strukturen bei der Organspende verbessern soll. Und er setzt zum anderen auf das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft, das im ersten Quartal 2022 mit vielen Neuerungen in Kraft tritt: „Uns ist dabei vor allem die Einrichtung eines bundesweiten Online-Registers wichtig, das einfach und leicht genutzt werden kann – das gilt sowohl für die Einträge als auch für die Abfrage“, sagt er. Die persönliche Entscheidung zur Organspende soll in einer Form dokumentiert werden, die viele neue Möglichkeiten eröffnet.

Sein Ausblick ist optimistisch, und er steht mit seiner Meinung nicht allein: „Es ist meine tiefe Überzeugung, dass mit all diesen Maßnahmen in den kommenden Jahren die Zahl der Organspenden erhöht werden kann. Die Trendwende, auf die wir schon so lange warten, ist möglich.“

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