Versorgung

Psychiatrie-Kongress setzt auf Trialog

10.000 Teilnehmer aus 130 Ländern. Der Weltkongress der Psychiatrie in Berlin ist eröffnet. Gegen das Großereignis gibt es Widerstand.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:

BERLIN. Psychische Krankheiten werden längst als Volkskrankheiten eingeordnet. 300 Millionen Menschen weltweit litten an Depressionen, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). 47 Millionen seien an einer Demenz erkrankt, 21 Millionen an Schizophrenie. Der Berufsstand der Psychiater sieht die Bedeutung seines Fachs wachsen. Die wirtschaftlichen Effekte der Krankheitslast sind gewaltig. Die Fachgesellschaft beziffert sie allein für Europa auf 450 Milliarden Euro im Jahr. Weltweit müsse man von 2,5 Billionen US-Dollar ausgehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von zwölf Milliarden Arbeitstagen durch psychische Erkrankungen bis 2030 aus.

Betroffenenverbände haben Proteste vor Ort gegen die Großveranstaltung angekündigt. Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) demonstriert gegen Zwang und Gewalt in der Psychiatrie.

Die DGPPN und die World Psychiatric Association setzen bei vielen der 900 Veranstaltungen auf einen Trialog aus Betroffenen, Angehörigen und Psychiatern. Zwang werde bei akuter Selbst- und Fremdgefährdung durch den Patienten ausgeübt, bestätigt DGPPN-Präsident Professor Arno Deister im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Die ethische Rechtfertigung dafür sei das Ziel, die Selbstbestimmungsfähigkeit des Patienten wieder herzustellen. Rund fünf bis sieben Prozent der Patienten seien betroffen. Alle Zwangsmaßnahmen würden von Gerichten angeordnet.

Vier große Themenblöcke sollen auf dem Kongress diskutiert werden, sagt Deister: Grundlagenforschung, die vergleichsweise neue deutschsprachige Psychopathologie, die Komorbidität von psychischen und somatischen Erkrankungen und das Verhältnis von Psychiatrie und Gesellschaft.

Gesundheitspolitik wird ebenfalls Thema. An die nächste Regierung richtet Deister die Forderung nach struktureller Forschungs- und Wissenschaftsförderung für die psychiatrischen Fächer. Zudem benötigten sie klare Rahmenbedingungen für die Personalbemessung. "Wir müssen kompetente Zeit bezahlen", sagt Deister. Um die Qualität der Versorgung unabhängig vom Ort der Versorgung zu machen, solle die Politik auf sektorenübergreifende Versorgung setzen und die Grenzen zwischen den Sozialgesetzbüchern angehen.

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