Akademisierung

Reform der nicht-ärztlichen Therapieberufe im Datennebel

Bei der Reform der Berufsgesetze von Therapeuten soll noch im März ein politischer Konsens mit den Ländern erzielt werden. Die Datenlage ist mau.

Von Florian Staeck Veröffentlicht: 03.03.2020, 17:36 Uhr
Die Bundesregierung startet mit einer beschränkten Datenlage in die Reform der nicht-ärztlichen Therapieberufe.

Die Bundesregierung startet mit einer beschränkten Datenlage in die Reform der nicht-ärztlichen Therapieberufe.

© Marco2811 / stock.adobe.com

Berlin. Die Bundesregierung startet mit einer beschränkten Datenlage in die Reform der nicht-ärztlichen Therapieberufe. Ein zentraler Streitpunkt ist der Umfang der geplanten Akademisierung dieser Berufsgruppen.

Doch die Regierung hat keine Angaben darüber, welchen Schulabschluss die Beschäftigten haben, die aktuell in einem Therapieberuf ausgebildet sind. Das geht aus der Antwort der Regierung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervor, die der „Ärzte Zeitung“ vorab vorliegt.

Solange diese Daten nicht vorliegen, könne die Sinnhaftigkeit der Akademisierung nicht beantwortet werden, sagte der FDP-Abgeordnete Dr. Wieland Schinnenburg der „Ärzte Zeitung“. „Wenn ein Großteil der Bewerber nicht über eine Hochschulzulassung verfügt, würde durch eine Zwangs-Akademisierung ein Fachkräftemangel verursacht“, so Schinnenburg. Die Regierung solle verlässliche Daten vorlegen, auf deren Grundlage neue und attraktive Ausbildungswege entwickelt werden.

Flächendeckender Fachkräftemangel bei Physiotherapeuten

Auch auf die Frage nach dem künftigen Bedarf nach Therapeuten sieht sich die Regierung außerstande, „valide Aussagen“ zu treffen. Es werde eine „wachsende Demografie-getriebene Nachfrage“ geben, die sich „künftig nicht entspannen wird“. Die Bundesagentur für Arbeit geht in ihrer jüngsten Engpassanalyse vom Dezember 2019 von einem flächendeckenden Fachkräftemangel bei Physiotherapeuten aus – einzige Ausnahme ist Hamburg.

Die Zahl der Absolventen in der Physiotherapie ist seit 2011 im Sinkflug. Statt ehemals 6450 machten im Jahr 2018 nur noch 5325 Auszubildende ihren Abschluss. Erschwerend kommt hinzu, dass die Perspektiven der Modellstudiengänge für Physiotherapeuten & Co. nach wie vor unklar sind. Die Erprobungsklausel für die Studiengänge gilt noch bis Ende 2021 – welches Fazit die Regierung aus den bisherigen Erfahrungen mit der Akademisierung zieht, geht aus der Antwort nicht hervor.

Verbände fordern Vollkakademisierung

Im November des Vorjahres hatten acht Therapeutenverbände gefordert, noch in dieser Legislatur die Weichen für eine Vollakademisierung zu stellen. Deutschland nehme bisher mit der Ausbildung an Berufsfachschulen eine Sonderstellung ein, argumentierten sie. Die Vermittlung der künftig nötigen Kompetenzen sei nur an Hochschulen möglich, lautet die Marschroute der Verbände. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich in der Vergangenheit immer gegen eine Vollakademisierung ausgesprochen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass nur wenige studierte Therapeuten aus den EU-Staaten nach Deutschland streben. Zwischen 2011 und 2018 wurden nur in 3402 Fällen die Qualifikation von ausländischen Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen als gleichwertig anerkannt. Mit Abstand am häufigsten, in 1569 Fällen, wurden Qualifikationen aus den Niederlanden anerkannt. An zweiter und dritter Stelle folgen Polen (651) und Österreich (135).

Der Zeitplan für die Reform der Berufsgesetze sieht so aus: Noch im März soll „die politische Konsentierung im Rahmen eines Ministertreffens erfolgen“, heißt es. Dann sollen Eckpunkte für ein Gesamtkonzept veröffentlicht werden, die die Basis für die erforderlichen Rechtsänderungen bilden werden, so das BMG.

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Kommentare
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Dr. Detlef Bunk

Die Kirche im Dorf lassen

Vollakademisierung aller Heilhilfsberufe? Eine akademische Ausbildung an einer Universität bedeutet den Erwerb einer methodologischen, wissenschaftlich-erkenntnischtheoretischen Wissensgrundlage für das weitere zu erlernende spezifische Fachwissen, dessen Kenntnis in einem Universitätsexamen unter Beweis zustellen ist. Zudem sollten Aspekte eines gesellschaftlich-kulturellen Grundverständnisses aus einem freiwilligen Studium generale vorhanden sein.
Wollen das Sprach-, Physiotherapeuten, Pflegekräfte und Hebammen wirklich, oder geht es um Anerkennung und ein höheres Einkommen? Eine Diskussion der Wertschätzung nicht-akademischer Berufe in Deutschland scheint mir vonnöten.
Dr. phil. Detlef Bunk,
psychol. Psychotherapeut, Essen


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