Verbände drängen Spahn

Therapeuten-Ausbildung nur an der Uni?

Die Gesetzespipeline von Jens Spahn wird zum Jahresende noch dicker. Dann sollen Eckpunkte für moderne Berufsgesetze etwa für Physiotherapeuten vorliegen. Deren Verbände wollen eine Vollakademisierung ihrer Berufe.

Von Dr. Florian Staeck Veröffentlicht: 05.09.2019, 16:29 Uhr
Therapeuten-Ausbildung nur an der Uni?

Berufsausbildung, Teil- oder Vollakademisierung? Für Physiotherapeuten eine Grundsatzfrage.

© Coloures-Pic/Stock.Adobe.com

BERLIN. Zwischen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den Verbänden der Heilmittelerbringer bahnt sich ein Grundsatzkonflikt an: Der um die Akademisierung der nicht-ärztlichen Therapeuten. Am Montag will sich der Minister beim „Therapeutengipfel“ in Berlin der Kritik der Verbände stellen.

Bis Ende des Jahres hat das Ministerium mit den Ländern abgestimmte Eckpunkte für eine Reform der Berufsgesetze angekündigt. Zwar hat Spahn in mehreren Gesetzen bereits an der Vergütung von Physiotherapeuten & Co. geschraubt.

Doch zu einem Gesamtkonzept für die Zukunft der Gesundheitsfachberufe gehören moderne Berufsgesetze – und die stammen etwa bei den Physiotherapeuten aus den 90er Jahren.

Das Konfliktpotenzial dieses Vorhabens offenbart sich in einem Antwortkatalog, den Verbände (Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK, Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK), Verband Physikalische Therapie (VPT) und Verband Leitender Lehrkräfte an Schulen für Physiotherapie) im Juli der Bund-Länder-Arbeitsgruppe übermittelt haben, die die Reform vorbereiten.

Die geltende Ausbildung- und Prüfungsordnung entspreche „keineswegs mehr den für eine qualitätsorientierte Patientenversorgung erforderlichen Ansprüchen“, heißt es.

„Höheres Kompetenzniveau“ nötig

Die Vermittlung der künftig nötigen Kompetenzen sei „grundsätzlich nur an Hochschulen möglich“, so dass die hochschulische Ausbildung „den einzig richtigen Weg“ darstelle. Dabei müsse es sich um eine Vollakademisierung handeln: „Um komplexer werdende Versorgungsprozesse, neue Aufgabenfelder und wissenschaftliche Erkenntnisse zu erschließen, benötigen Physiotherapeuten ein höheres Kompetenzniveau“, erklären die Verbände.

Schon bisher gebe es einen Trend zu höheren Bildungsabschlüssen. Nach Daten der statistischen Landesämter hatten im Schuljahr 2017/18 teilweise drei von vier Schülern in Physiotherapie-Schulen eine Berechtigung zum Hochschulzugang vorzuweisen.

Eine Teilakademisierung sei vor diesem Hintergrund keine Option. Das Berufsbild Physiotherapie benötige ein „klares Profil“. Daher müsse es vermieden werden, zwei unterschiedliche Wege der Berufsbefähigung anzubieten, so die Verbände.

20 Prozent-Quorum? Zu wenig!

„Die Attraktivität des Berufsbilds insgesamt steht zur Debatte“, sagte Ute Repschläger, Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV), anlässlich des ersten „Therapiegipfels“ im September 2018.

Dabei machte der Gesundheitsminister deutlich, was er von einer Vollakademisierung etwa bei Physiotherapeuten hält – sehr wenig. 20 Prozent der Auszubildenden eines Jahrgangs hochschulisch auszubilden – dieses Quorum hatte schon vor Jahren der Wissenschaftsrat vorgeschlagen. Das ist dem SHV aber zu wenig.

Angesichts der Anforderungen der künftigen Patientenversorgung sei eine „hochschulische Ausbildung mit hohem Praxisanteil wie im europäischen und internationalen Raum üblich“.

Seit Oktober 2009 erlaubt eine Modellklausel in den Berufsgesetzen von Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten, primärqualifizierende Studiengänge zu erproben. Dieses als Übergangslösung gedachte Nebeneinander von schulischer Ausbildung und Studiengängen existiert nun bereits zehn Jahre.

Verbände wollen über Direktzugang sprechen

Anlässlich des Spitzentreffens am Montag beim SHV werden die Verbände eine weitere Kernforderung wieder auf die Agenda setzen: den Direktzugang zum Therapeuten. Die neuen Berufsgesetze müssten die Grundlagen für den Direktzugang schaffen, denn diese fehlten in der aktuellen Ausbildung, heißt es.

Dabei gehe es Physiotherapeuten nicht um eine selbstständige – arztersetzende – Erstdiagnose. „Das ist nicht unser Ziel“, heißt es im Antwortkatalog für die Bund-Länder-Arbeitsgruppe.

Spahn: „Direktzugang zieht Budgetverankerung nach sich“

Die Patientensicherheit erfordere es aber, dass die Therapeuten im Rahmen eines Screenings Symptome oder Störungen abklären, „die auf eine ernsthafte Erkrankung schließen lassen und einen Erstkontakt zum Arzt erforderlich machen“.

Auf der Wunschliste der Therapeuten steht auch die Möglichkeit, physiotherapeutisch notwendige Hilfsmittel oder digitale Gesundheitsanwendungen verordnen zu können – ohne vorherige ärztliche Verordnung.

Spahn hatte in mehreren Reformgesetzen dafür gesorgt, dass das Blankorezept, bei dem die ärztliche Verordnung weiter der Ausgangspunkt ist, den Therapeuten größere Spielräume bei der Behandlung ermöglicht. Zu wenig, aus der Sicht des SHV.

„Der Direktzugang zieht Budgetverankerung nach sich“, warnte Spahn die SHV-Vertreter im Herbst 2018. Am kommenden Montag könnte deutlich werden, was von den Forderungen der Therapeuten bei der Novelle der Berufsgesetze übrig bleibt.

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