Regieren in der Corona-Pandemie

Spahn im Denklabor der Medizinethik

In der Coronavirus-Pandemie müssen regierende Politiker schnell entscheiden – nach bestem Wissen und oft nach medizinethischen Überlegungen. Beim Ärzteforum des Erzbistums Berlin sprach Bundesgesundheitsminister Spahn über das Regieren in der Pandemie und verriet, welche Entscheidung ihm am schwersten fiel.

Von Madlen Schäfer Veröffentlicht:
Handeln in Zeiten der Ungewissheit (v.l.): Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin und Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied des Ethikrats.

Handeln in Zeiten der Ungewissheit (v.l.): Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin und Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied des Ethikrats.

© Madlen Schäfer

Berlin. Die Coronavirus-Pandemie schränkt den Alltag aller Menschen ein, um Leben zu schützen. Doch einige Gruppen traf und trifft es härter als andere: Geplante Operationen wurden in Krankenhäusern verschoben, Besuchsverbote in Pflegeheimen sperrten Angehörige aus, in Kliniken starben Menschen häufig alleine. Im schlimmsten Szenario hätten Ärzte sogar entscheiden müssen, welche Patienten sie behandeln und welche nicht (mehr).

Gerade in der Pandemie zeigt sich die Wichtigkeit der medizinethischen Reflexion. Weitere ethische Fragen rund um die Pandemie stehen an – etwa die: Welche Personen sollen zuerst einen möglichen Impfstoff erhalten? Diesem Generalthema widmete sich das Ärzteforum des Erzbistums in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Berlin.

Die Krise als Denklabor

Ärzte konnten ihre Anliegen teilen mit Gesundheitsminister Jens Spahn, Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, sowie Andreas Lob-Hüdepohl von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) und Mitglied des Deutschen Ethikrats.

„Jede Krise ist ein Denklabor“, sagte Erzbischof Heiner Koch. Gesundheitsminister Spahn befinde sich seit Anfang des Jahres in einem solchen Denklabor. Die Regierung musste schnell Entscheidungen treffen – und dies gerade zu Beginn ohne ausreichenden Kenntnisstand über das Virus.

Deshalb hätte die Regierung immer nach bestem Wissen reagiert, sagte Spahn. „Ich habe mich gefragt, mit welchem Vorwurf hätte ich besser umgehen können: Zu vorsichtig oder zu unvorsichtig zu sein?“, so Spahn.

Spahns schwerste Entscheidung

Das Verbot über Besuche in Pflegeheimen war so eine Entscheidung. „Das war echt mit das Schwerste“, sagte Spahn. Ulrike Kostka war davon nicht nur beruflich betroffen, weil die Caritas Träger verschiedener Pflegeeinrichtungen ist, sondern auch unmittelbar. „Ich konnte meinen Vater nur hinter einer Plexiglasscheibe sehen, zwei Tage später ist er gestorben“, erzählt sie.

Da in Pflegeheimen die Menschen mit dem höchsten Risiko leben, schwer an Corona zu erkranken und daran zu sterben, seien gute Besuchs- und Hygienekonzepte gefragt.

Um Situationen wie im Frühjahr gar nicht erst wieder entstehen zu lassen, seien alle gefragt. „Die Maske nervt tierisch, aber sie hilft einen Unterschied zu machen“, sagte Spahn in Richtung den Kritikern dieser Maßnahme.

Priorisierung bei Impfungen

Sobald ein Impfstoff gegen COVID-19 verfügbar ist, wird die Nachfrage das Angebot in den folgenden Monaten übersteigen. Deshalb erarbeitet Andreas Lob-Hüdepohl gemeinsam mit seinen Kollegen im Deutschen Ethikrat derzeit eine Impf-Strategie. „Wichtig ist, dass es vermutlich eine Priorisierung geben wird“, sagt Lob-Hüdepohl.

Die Triage war ebenfalls ein Thema, das den Ethikrat in den vergangenen Monaten beschäftigt hat. Derzeit wäre die Behandlung eines COVID-19-Patienten auf die Erfolgsaussichten hin ausgelegt. „Dann haben wir eine Bewertung von Leben“, erklärt Lob-Hüdepohl.

Und wer solle am Ende bewerten können, dass das Leben etwa einer 32-jährigen Mutter zweier Kinder dem eines 82-Jährigen vorgezogen wird? Es seien jene lebensentscheidenden Fragen, auf die es im Ernstfall ankomme.

Drohen neue Engpässe bei der Schutzausrüstung?

Für den Ernstfall vorbereitet sahen sich die Ärzte im Frühjahr nicht, es fehlte überall an Schutzausrüstung. Ein Internist aus Berlin bemängelte, dass eine solche Unterversorgung auch im Herbst und Winter drohe.

„50 Kittel kosten bis zu 1000 Euro. Das ist mit der Versichertenpauschale nicht zu machen“, kritisierte er. Lediglich bei Einmalhandschuhen und Kitteln gebe es einen Engpass, entgegnete dagegen Spahn.

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