Gastbeitrag zu Nudging

Stupsen Sie doch einmal Ihre Patienten!

Mit ein paar Fragen hat ein Hausarzt viele Patienten zu Besitzern von Organspendeausweisen gemacht. Ein Paradebeispiel für Nudging in der Hausarztpraxis.

Von Mathias Krisam Veröffentlicht: 04.03.2020, 16:18 Uhr
Stupsen Sie doch einmal Ihre Patienten!

© complize | M.Martins / stock.ado

Haben Sie Ihre Patienten auch schon einmal „gestupst“, nicht wortwörtlich, sondern im Sinne des Nudging? Wie leicht und mit welchem Erfolg sich so Verhaltensänderungen anregen lassen, hat der hausärztliche Kollege Dr. Michael Haberland aus Ottobeuren gezeigt.

Mit „Nudges“ (engl. Stupsern) hat es Haberland in seiner Praxis geschafft, dass seine Patienten sich neu mit dem Thema Organspende befassen. In einer Interventionsgruppe hat er es sogar geschafft, dass unter den Teilnehmern sich fast vierzig Prozent zusätzlich einen Organspendeausweis zugelegt haben.

Sein Artikel in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin führt anschaulich und kreativ die Möglichkeiten von Nudges vor Augen (ZfA 2020; 96: 8-11 und Ärzte Zeitung vom 19.2.), die eigentlich viel umfassender im deutschen Gesundheitswesen eingesetzt werden sollten.

Ein Fragebogen reichte schon

Haberland hatte mit Nudges seine Patientinnen und Patienten angeregt, über das Thema Organspende nachzudenken. Dazu teilte er sie in zwei Gruppen ein. Alle Teilnehmer bekamen einen Fragebogen, in dem das Thema Organspende behandelt wurde. Für die zweite Gruppe wurde der Fragebogen um zwei Fragen ergänzt.

Damit konfrontierte Haberland seine Patienten zusätzlich mit der hypothetischen Situation, dass sie selbst eine Organspende benötigten. Und er stellte mit einer weiteren Frage einen Bezug zum Arzt her mit der Frage, ob dieser einen Organspendeausweis besäße.

Haberland zeigt, dass Nudges mit sehr geringem Aufwand, bei absoluter Wahlfreiheit, dezentral und ohne großen politischen oder gesellschaftlichen Aufwand eingesetzt werden können. Gleichzeitig hat er alle formalen Kriterien eines Nudges erfüllt, die die Begründer der Theorie Richard Thaler und Cass Sunstein definiert hatten:

1. Es findet eine Änderung der sogenannten Entscheidungsarchitektur statt.

2. Haberland stützt sich auf vorhandene empirische Evidenz und kann damit vorhersagbar das Verhalten von Menschen positiv zu leiten.

3. Es werden keine Handlungsoptionen eingeschränkt oder vorgeschrieben.

4. Es werden keine signifikanten ökonomischen Anreize gesetzt (wie zum Beispiel finanzielle Vorteile).

5. Das gewünschte Verhalten ist einfach zu vermeiden oder zu umgehen.

Ärztliche Vertrauensbasis

So kann der Einsatz des Fragebogens als Reminder oder Prompt eingestuft werden, also als Erinnerung oder als kurze Information an dem Ort und zum Zeitpunkt, wo und wann eine Entscheidung getroffen wird. Gleichzeitig ist der Aspekt der Personalisierung entscheidend.

Ärztinnen und Ärzte genießen in der Gesellschaft immer noch eine große Anerkennung. Informationen von ihnen, gerade im Kontext von Gesundheit, genießen größeres Vertrauen und erzeugen eine größere Handlungsbereitschaft.

Haberland verwendete allerdings nicht nur den Fragebogen als Reminder (so konnte er bereits erreichen, dass zusätzlich 19 Prozent der Teilnehmer sich einen Organspendeausweis zulegten).

In einer zweiten Version, die er „Nudge-Version“ nannte, platzierte er zwei weitere Fragen, die insbesondere Emotionen ansprechen („Stellen Sie sich vor, Sie oder Ihr Kind bräuchten ein Spenderorgan ...“) und erneut den persönlichen Bezug zu Arzt oder Ärztin herstellen („Glauben Sie, Ihr Arzt hat einen Organspendeausweis?“).

Die letzte Frage zielt auf einen Role-Modelling-Effekt. Mit beiden zusätzlichen Fragen stieg die Zahl der Patienten, die sich einen Organspendeausweis zulegten, letztlich sogar um 38 Prozent.

Haberland bestätigt mit seinem Versuch, was auch wir in unseren Studien, Recherchen und der Praxis immer wieder vorfinden: Um entscheidende Impulse im Gesundheitswesen zu setzen, bedarf es nicht unbedingt zusätzlicher Informationen. Wir sind eher zu viel Gesundheitsinformationen ausgesetzt.

Gesundes Verhalten scheitert häufig gerade nicht an fehlenden Informationen oder Wissen, sondern an Trägheit, Vergessen oder zu hohem (vermuteten) Aufwand.

Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass der Mensch kein rein rationaler Homo oeconomicus ist. Und in der Realität besteht regelmäßig eine Diskrepanz zwischen Wissen oder gar Intention und Verhalten. Jede kritische und nüchterne Selbstreflexion würde dies bestätigen.

Daher wundere ich mich immer wieder, warum Nudging in den Medien noch immer sehr häufig negativ und teilweise als verwerflich dargestellt wird. Ich wünsche mir eine offene und kritische Diskussion über diese Thematik.

Allen Kritikerinnen und Kritikern stelle ich aber die offene Frage: Was hätten Sie gegen eine Intervention einzuwenden, wie sie Hausarzt Haberland vorgenommen hat? Im vergangenen Jahr haben Kollegen und ich eine für Alter, Geschlecht und Bildung repräsentative Online-Umfrage unter 1000 Deutschen durchgeführt.

Sie zeigte, dass die große Mehrheit, circa 90 Prozent der Befragten, Nudging im Kontext von Gesundheit positiv oder mindestens neutral gegenüber steht. Letztendlich geht es ja nicht um Manipulation von Menschen, sondern darum, gesundes Verhalten einfacher und attraktiver zu machen.

Nudges für bessere Impfraten

Gerade im Setting bei niedergelassenen Ärzten sehe ich ein weiteres Thema, bei dem wir als Ärztinnen und Ärzte sehr gut durch Nudges zu besseren Erfolgen als heute kommen könnten: die Impfraten.

In den Medien werden Impfgegnerinnern und -gegner teils sehr prominent dargestellt, obwohl sie nur einen Bruchteil derjenigen ausmachen, die nicht ausreichend geimpft sind. Ein viel größerer Teil der Menschen ist entweder zu bequem, oder sie wissen nicht, dass für sie Impfung empfohlen sind, oder sie vergessen sie einfach.

Ich werde bei jedem Einkauf in Drogerien oder Supermärkten gefragt, ob ich eine Kunden- oder Bonuskarte besitze. Warum werde ich nicht jedes Mal gefragt, ob mein Impfstatus geprüft ist oder ich eine Grippe-Impfung erhalten möchte?

Haberlands Studie könnte ohne Weiteres auch mit dem Ziel höherer Impfraten durchgeführt werden. Die Invasivität durch Nudging wäre viel niedriger als durch die seit 1. März geltende Masernimpfpflicht für ausgewählte Personengruppen.

Aber noch einmal zurück zu Haberlands Versuch, das Thema Organspende bei seinen Patientinnen und Patienten bewusst zu machen. Seine Publikation dazu fiel mitten in die Zeit, in der der Deutsche Bundestag die Widerspruchsregelung für die Organspende abgelehnt hat.

Im Gegenzug wurde eine Gesetzesreform von Abgeordneten um die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock angenommen, wonach die bestehende Zustimmungsregelung ausgebaut wird.

Nudging beim Abholen des Passes

Gegen das Vorhaben eines einfach zugänglichen Online-Portals für die Zustimmung zur Organspende ist nichts einzuwenden. Auch finde ich es einen wichtigen Schritt, Ärzten mehr Anreize in Form von Honoraren zu geben, die Organspende regelmäßig zu thematisieren.

Doch glaube ich nicht, dass dies einen nennenswerten Beitrag zur Erhöhung der Zahl potenzieller Organspender und Organspenden in Deutschland bringen wird.

Denn auch das jetzt beschlossene Modell erfordert ein aktives Handeln der Individuen. Sehr viel sinnvoller finde ich die ebenfalls beschlossenen Maßnahmen, mit denen alle Bürgerinnen und Bürger künftig etwa beim Ausstellen von Ausweisen, Reisepässen oder Führerscheinen über die Organspende informiert werden sollen: Alle Informationen auf einen Blick, ein paar Nudges, damit die Adressatinnen und Adressaten eine Entscheidung treffen können, und dazu eine einfache Möglichkeit, sich in dem Zustimmungsregister anzumelden. Davon verspreche ich mir deutlich mehr.

Vorstöße, wie die von Hausarzt Michael Haberland, machen Lust auf Mehr! Sie führen uns vor Augen, wie einfach wir selbst in unserem eigenen Umfeld Erkenntnisse der Behavioural Insights gewinnbringend anwenden können.

Politische Maßnahmen können hilfreich sein und unterstützen, Nudges aber bieten eine hervorragende Möglichkeit, selbstständig und unmittelbar aktiv zu werden. Also, an alle ärztlichen Kolleginnen und Kollegen: Stupsen Sie Ihre Patienten!

Stupsen Sie doch einmal Ihre Patienten!

© privat

Dr. med. Mathias Krisam

Dr. Mathias Krisam ist Arzt und Sozialwissenschaftler. Er arbeitete am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in der Arbeitsgruppe „Adaptive Rationalität“ und ist Autor des Artikels „Nudging in der Primärprävention: Eine Übersicht und Perspektiven für Deutschland“. Nach seiner Promotion über Case Management in der Gesundheitsversorgung arbeitete er als Berater bei einer führenden Strategieberatung mit dem Fokus auf HealthCare. Im Juni 2019 gründete er die Beratungsagentur „läuft“. Bereits 2019 organisierte er die erste Konferenz zu Nudging und Gesundheit in Deutschland. Er ist Initiator von #Nudge2020.

Fachkonferenz #Nudge2020

Helfen Stupser, die Gesundheitsversorgung zu verbessern? Dieser Frage geht die Konferenz „#Nudge2020“ am 3. und 4. April in Berlin nach. Sie wird bereits zum zweiten Mal ausgerichtet. Über 50 Referenten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft haben zugesagt. Die Tagung richtet sich an Ärzte, Pflegekräfte und alle an der Prävention Interessierte. Themen sind unter anderen die digitale Versorgung, Gesundheitsförderung, Impfen und Hygiene.

Infos und Anmeldung auf www.laeuft.eu/nudge2020

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