Charité

Unverständnis über Schließung der Clearingstelle

Gut zwei Jahre nach ihrer Inbetriebnahme kommt für die psychiatrische Clearingstelle in Berlin Ende 2017 das Aus. Das Land wird dieses zentrale Angebot für Flüchtlinge nicht mehr weiter finanzieren.

Von Julia FrischJulia Frisch Veröffentlicht:
Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat und auf ihrer langen Reise traumatisches erlebt.

Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat und auf ihrer langen Reise traumatisches erlebt.

© NurPhoto/dpa

BERLIN. Schon zu Beginn dieses Jahres wurde der Charité, welche die Clearingstelle seit Februar 2016 betreibt, mitgeteilt, dass eine Finanzierung durch das Landesamt für Flüchtlinge über den 31. Dezember hinaus nicht mehr erfolgen wird.

Als Begründung nannte die Senatsverwaltung für Gesundheit in einer Antwort auf die schriftliche Anfrage eines Abgeordneten, dass die Clearingstelle nur als vorübergehende zusätzliche Einrichtung zum bestehenden Regelsystem fungieren sollte. Dieses übernehme "zunehmend die notwendigen Behandlungsaufgaben". Daher sei ein Betrieb "aus Landesmitteln über den 31. Dezember 2017 nicht angezeigt", heißt es in dem Schreiben.

Die psychiatrische Clearingstelle war geschaffen worden, um traumatisierten Geflüchteten eine zentrale Anlaufstelle zu bieten, die niedrigschwellig und vor allem kurzfristig in der Lage ist, "kultursensibel" über muttersprachliches Personal oder Dolmetscher die Symptome der Menschen diagnostisch einzuschätzen und gegebenenfalls eine Kurzintervention einzuleiten. Darüber hinaus vermittelt die Clearingstelle Bedürftige an die ambulanten Angebote weiter.

Zusätzliche Dolmetscherstellen

Die Gesundheitssenatsverwaltung verweist darauf, dass inzwischen 24 psychosoziale Fachkräfte die "niedrigschwelligen" Kontakt- und Beratungsstellen in den Bezirken unterstützen. Außerdem habe der Senat beim Gemeindedolmetscherdienst zusätzliche Stellen für Dolmetscher zur Verfügung gestellt, "die insbesondere für Geflüchtete im Kontakt mit den Unterkünften und mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst zur Verfügung stehen".

Weiterhin werde geprüft, ob festangestellte Gemeindedolmetscher in psychiatrischen Institutsambulanzen und Fachabteilungen verstärkt eingesetzt werden können.

Ob allein diese niedrigschwelligen Angebote der Bezirke und die Regelversorgung jetzt schon ausreichen, um traumatisierten Flüchtlingen schnell zu helfen, daran hegt die Charité Zweifel. Zum einen, weil die Nachfrage in der Clearingstelle nach wie vor hoch ist. 2016 gab es rund 2550 Patientenkontakte. Bis Mitte Mai 2017 waren es schon knapp 1600 Kontakte, darunter befanden sich 300 Minderjährige.

Kompensation schwierig

Zum anderen, sagt Dr. Joachim Seybold, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Charité: "Mir ist auch nicht bekannt, dass es neben der Clearingstelle eine ambulante Kinder- und Jugendpsychiatrische Versorgung in der Stadt gibt, die ausreichend wäre, um den Wegfall der Clearingstelle zu kompensieren." Deswegen halte die Charité es für sinnvoll, die Clearingstelle weiterhin aus Landesmitteln vorzuhalten, bis Versorgungsengpässe für Flüchtlinge behoben seien. Die Universitätsklinik allein könne diese zentrale Aufgabe nicht kompensieren.

Überrascht von Schließung

Seybold hatte kürzlich in anderem Zusammenhang kritisiert, dass es außerdem nur schwer gelinge, geflüchtete Patienten nach einer Kurzintervention in die ambulante Versorgung weiterzuvermitteln.

Überrascht von der Schließung der Clearingstelle zum Jahresende zeigt sich Dorothee Hillenbrand, Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Berlin. Der Bedarf sei nach wie vor groß. Und die Regelversorgung könne nur einen Teil der Hilfesuchenden versorgen. "Die Clearingstelle als Erst-Anlaufstelle bleibt nach wie vor wichtig und ein Kooperationspartner der Psychotherapeuten", so Hillenbrand.

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