Individualisierung

Verheißung oder Marketingstrategie?

Die Erfolge der stratifizierten Medizin werden bei einer Tagung des vdek kritisch bewertet. Der Pathologe Professor Dietel sieht das anders.

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MÜNCHEN. Viele Patienten fühlen sich angesichts von Technik und Naturwissenschaft in der Medizin nicht mehr als Person wahrgenommen. Auch der Trend zu einer Vereinheitlichung und Standardisierung trage dazu bei, erklärte Professor Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg, bei einer Fachtagung in München.

Vor diesem Hintergrund klinge der Begriff der "personalisierten Medizin" verheißungsvoll. Tatsächlich handele es sich bei der "personalisierten Medizin" aber um eine Strategie von Unternehmen, die ihre Produkte marktfähig machen wollen.

"Die Individualisierungsmetapher liegt im Trend" und sei auch in anderen Wirtschaftsbereichen zu beobachten, sagte Maio bei der Tagung des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) und der Hanns-Seidel-Stiftung.

Genau genommen gehe es um eine Stratifizierung von Medizin, indem Medikamente ausgeschlossen werden, die bei bestimmten Patienten nicht wirken, erläuterte Maio. Dadurch würden unnötige Behandlungen vermieden, was grundsätzlich zu begrüßen sei.

Allerdings führe dieses Vorgehen auch zu einer Ausgrenzung von Patientenpopulationen. Auch für die Non-Responder müsse es eine Versorgung geben. Die Entscheidung darüber dürfe aber nicht der Industrie überlassen bleiben, meinte Maio.

Kassen sehen sich innovationsfreundlich

Die prädiktive biomarkerbasierte Diagnostik als Voraussetzung zur Applikation eines zielgerichteten Arzneimittels sei längst Realität und werde in der Onkologie jeden Tag angewandt, erklärte Professor Manfred Dietel, Direktor des Instituts für Pathologie der Charité in Berlin.

Mehr als ein Drittel aller Tumorpatienten würden in der Charité bereits prädiktiv getestet. Die damit erzielten Behandlungsergebnisse seien zum Teil beeindruckend, so Dietel.

Für die Kassen sei der Nutzen für die Patienten Hauptkriterium bei der Beurteilung medizinischer Innovationen, sagte Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen: "Wir sind innovationsfreundlich."

Doch nicht immer gebe es ausreichend gesicherte Erkenntnisse zur Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit neuer Therapien. Hinzu komme, dass in der personalisierten Medizin industriepolitische Überlegungen darüber entscheiden, bei welchen Krankheiten geforscht wird, kritisierte Elsner.

Die Forschung müsse jedoch am Versorgungsbedarf ausgerichtet sein. "Das geht nur mit staatlich geförderten Forschungsprogrammen", so Elsner. (sto)

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