Gastbeitrag

Von der Ukraine lernen: Wie funktioniert Versorgung in Krankenhäusern unter Kriegsbedingungen

Kliniken sind Teil der kritischen Infrastruktur. Die Berliner Krankenhausgesellschaft ließ sich von Spezialisten aus der Ukraine dazu informieren, womit die Belegschaften rechnen müssen, wenn im NATO-Bündnisfall hierzulande Kriegsverletzte versorgt werden müssten.

Ein Gastbeitrag von Marc Schreiner und Leila Harhaus-Wähner Veröffentlicht:
Ein Soldat ist durch mehrere Splitter verwundet. Ein Schrapnell steckt in seinem Bauchbereich. Die Mediziner versorgen ihn.

Ein Soldat ist durch mehrere Splitter verwundet. Ein Schrapnell steckt in seinem Bauchbereich. Die Mediziner versorgen ihn.

© Till Mayer

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat die sicherheitspolitische Lage in Deutschland verschärft. Konsequenterweise beziehen Experten den NATO-Bündnisfall in ihre Überlegungen ein. Grundannahme ist, dass etwa 1.000 Verwundete am Tag in Deutschland behandelt werden müssten, etwa 100 in Berlin. Krankenhäuser in Deutschland wären dann in der Verantwortung, als Teil der Zivilschutz-Infrastrukturen zusätzliche Aufgaben zu übernehmen.

Kliniken müssen sich als Teil der für die Versorgung der Bevölkerung kritischen Infrastruktur demnach auf diese Szenarien vorbereiten. Die Berliner Krankenhausgesellschaft hat gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege mit dem Rahmenplan „Zivile Verteidigung in Berliner Krankenhäusern“ ein Instrument geschaffen, das beschreibt, wie Krankenhäuser in besonderen Krisen- und Notlagen handlungsfähig bleiben.

Flankiert wird der Rahmenplan mit Fachveranstaltungen für Krankenhausentscheider. Diese Fachveranstaltungen dienen nicht nur dem Austausch auf Landesebene, sondern greifen auch internationale Erfahrungen aus aktuellen Krisen- und Kriegsszenarien auf.

Um aus den Erfahrungen der ukrainischen Krankenhausärzte und -geschäftsführer zu lernen, lud die Berliner Krankenhausgesellschaft mit Unterstützung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine Delegation von Ärzten und Managern ukrainischer Krankenhäuser zum Erfahrungsaustausch ins Bundeswehrkrankenhaus.

Gelegenheit für die Einladung der Delegation bot die Vermittlung mikrochirurgischer Kompetenzen im Rahmen des ORTHO-CARE-Programms durch das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin, das Bundeswehrkrankenhaus Berlin sowie durch die Charité - Universitätsmedizin Berlin.

Meist kommt es zu Mehrfachverletzungen

Teilnehmer der Konferenz kamen aus Krankenhäusern des ORTHO-CARE-Programms, den Traumanetzwerken in Berlin und Brandenburg, den plastisch-chirurgischen und unfallchirurgischen Fachgesellschaften und der Ärztekammer. Auch Gäste aus Polen nahmen teil.

Die Ergebnisse der Konferenz lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Gäste haben aufgezeigt, dass die Mehrbelastung für ein ukrainisches Krankenhaus durch verwundete Soldaten bei bis zu 70 Prozent gegenüber Friedenszeiten liegt.

Mehr als 80 Prozent der Verletzungen beträfen die Extremitäten. Meist komme es zu Mehrfachverletzungen von Knochen, Hautweichteilmantel, Nerven und Gefäßen. Tatsächlich sind im ukrainischen Gesundheitssystem plastisch-mikrochirurgische Kompetenzen zur Behandlung von Komplexverletzungen kaum vorhanden. Amputationen sind daher die Regel.

  • Die Wundversorgung wird aufwändiger, je länger die Evakuierung eines Verletzten dauert.
  • Die Erstversorgung an der Front oder nahe der Front beschränkt sich auf die Stabilisierung der Verletzten, Sicherung von Geweben und den temporären Wundverschluss.
  • Aufgrund der erschwerten Behandlungsbedingungen werden nur rund 20 verschiedene Behandlungen vor Ort vorgenommen.

Mit dem Anfall verletzter Soldaten hätten sich in der Ukraine die Intensivkapazitäten verdoppelt, die traumatologischen verdreifacht. Das gesamte Versorgungssystem sei auf die Versorgung von Kriegsversehrten ausgerichtet, berichteten die Teilnehmer. Dafür stünden 400 Militär- und 800 zivile Krankenhäuser mit insgesamt 100.000 Betten bereit, dazu eigens errichtete Reha-Kliniken. An der Front würden medizinische Eingreiftruppen vorgehalten, es gebe Evakuierungszüge und Schulen zur Unterweisung in taktischer Medizin. In jeder der 24 Regionen des Landes werde ein maximalversorgendes Krankenhaus betrieben.

Die Verteilung der Patientinnen und Patienten werde zentral gesteuert. Freie (Intensiv-)Betten würden täglich dem Gesundheitsministerium gemeldet. Dort würden auch die Behandlungsstandards und die Allokation der Ressourcen festgelegt.

Militärpersonal werde bevorzugt behandelt, zivile Versorgungsbereiche müssten mit Einschränkungen leben. Die Ukrainer berichteten, dass die Bevölkerung diese Form der Triage und Wartelisten für elektive Behandlungen akzeptierte.

Prof. Leila Harhaus-Wähner hat seit Oktober 2024 die Professur für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie der Charité-Universitätsmedizin inne. Sie ist zugleich Leiterin der Klinik für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie am BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (UKB). Harhaus-Wähner ist Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit Zusatzbezeichnung Handchirurgie.

Marc Schreiner ist Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft

Herausforderungen entstünden auch für die rehabilitative Versorgung. Amputationen erfordern eine aufwändige prothetische und rehabilitative Infrastruktur. Kliniken hätten eigene Kompetenzen für Rehabilitation und Prothetik erarbeitet und Werkstätten für Prothesen eingerichtet. Um das medizinische know how weiterzuentwickeln, habe die Ukraine ein strukturiertes Meldesystem für Patienten aufgebaut. Dessen Ergebnisse trügen zur Verbesserung der Prothetik und zur Entwicklung von Innovationen bei.

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Zu Beginn des Krieges seien bis zu zehn Prozent des medizinischen Personals und der Verwaltungsangestellten der Krankenhäuser geflohen. Diese Lücke sei noch nicht geschlossen, berichteten die Ukrainer. Deshalb müsse das Leistungsspektrum überwiegend auf kriegsmedizinische Leistungen reduziert werden.

Die Universitäten bildeten jedoch weiter aus. Die Curricula seien an die Bedarfe eines Gesundheitswesens im Kriegsmodus angepasst worden. Zivile Krankenhäuser wurden als systemkritische Einrichtungen eingestuft. Damit sei ihr Personal dem Zugriff des Militärs entzogen.

Begrenzung des Leistungsspektrums

Eine Fokussierung des Gesundheitswesens auf kampfassoziierte Traumata und eine Begrenzung des sonstigen Leistungsspektrums kann im Bündnisfall in Deutschland relevant werden. Um die akutstationären sowie rehabilitativen Bedarfe zu ermitteln, lassen sich die Erfahrungen aus der Ukraine heranziehen.

Daraus lässt sich der Personalbedarf in den Regionen ableiten, auch der in Bezug auf rekonstruktiv-chirurgische Behandlungskapazitäten beziehungsweise die Weiterbildung auf diesem Gebiet. Die systematische Auswertung dieser Erkenntnisse ist eine zentrale Grundlage für eine vorausschauende und bedarfsgerechte Vorbereitung des deutschen Gesundheitswesens auf einen Bündnisfall.

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Kommentare
Jean Lange 12.03.202617:35 Uhr

Die aktuellen Bestrebungen, das Gesundheitswesen auf einen möglichen Krieg vorzubereiten, sind nicht nur besorgniserregend, sondern verfassungsfeindlich. Das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet den Staat in Artikel 26 eindeutig zur Friedenswahrung und verbietet Handlungen, die darauf abzielen, einen Krieg vorzubereiten oder die internationalen Beziehungen so zu gestalten, dass ein friedliches Zusammenleben der Völker gefährdet wird.
Indem das Gesundheitswesen nun in den Dienst der Kriegsvorbereitung gestellt wird, wird nicht nur das Vertrauen der Bevölkerung in eine Institution untergraben, die dem Schutz des Lebens und der Gesundheit verpflichtet ist, sondern es wird auch gegen den Geist und den Buchstaben des Grundgesetzes verstoßen. Das Gesundheitswesen hat die Aufgabe, Leben zu retten und Leiden zu lindern – nicht, sich an Vorbereitungen zu beteiligen, die auf die Bewältigung von Kriegsfolgen abzielen.
Solche Maßnahmen sind ein klarer Schritt in Richtung Militarisierung der Gesellschaft und stehen im Widerspruch zur Friedenspflicht, die das Grundgesetz dem deutschen Staat auferlegt. Die Vorbereitung des Gesundheitswesens auf Kriegsszenarien ist nicht nur ein falsches Signal, sondern eine gefährliche Normalisierung von Krieg als vermeintlich unvermeidbarem Ereignis. Dies untergräbt die grundlegenden Werte unserer Verfassung, die auf Frieden, Humanität und der Unantastbarkeit der Menschenwürde basieren.
Statt Ressourcen in die Vorbereitung auf Krieg zu investieren, sollte die Bundesregierung ihre Anstrengungen verstärken, Konflikte diplomatisch zu lösen und damit seine verfassungsrechtliche Verpflichtung zur Friedenswahrung erfüllen.
Die Brandmarkung dieser Aktionen als verfassungsfeindlich ist daher nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig, um die Grundprinzipien unserer Demokratie zu verteidigen und sicherzustellen, dass das Gesundheitswesen seiner eigentlichen Aufgabe treu bleibt: dem Schutz des Lebens und nicht der Vorbereitung auf dessen Zerstörung.

Dr. Karlheinz Bayer 12.03.202617:31 Uhr

Das glaube ich nicht!
Sollen wir uns zuerst von den Russen überfallen lassen um zu wissen was Krieg ist?

Jean Lange antwortete am 12.03.202618:03 Uhr

Deutschland weiß mindestens seit 1945 sehr wohl und genau, was Krieg ist. Welchen NATO-Bündnisfall phantasieren Sie herbei ? Kennen Sie die Hintergründe des Ukrainekonflikts ? Russland hat absolut kein Interesse an einem "Überfall" auf uns oder den anderen "willigen" €uropäern, es sei denn wir (d.h. NATO) provozieren tüchtig weiter.

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