Gesetzliche Krankenversicherung

Warkens Streichkonzert: Das sollen Ärzte, Krankenhäuser und Pharma beisteuern

Die Sanierung der gesetzlichen Krankenversicherung ist ein Milliarden-Poker. Kritisch daran ist: Die Rettungsaktion von Gesundheitsministerin Nina Warken birgt Risiken für die Versorgung mit vertragsärztlichen und stationären Leistungen.

Veröffentlicht:
Sorgt für Misstöne: Die Komposition der geplanten Sanierung der Gesetzlichen Krankenversicherung findet nicht nur Beifall.

Sorgt für Misstöne: Die Komposition der geplanten Sanierung der Gesetzlichen Krankenversicherung findet nicht nur Beifall.

© stokkete / stock.adobe.com

Berlin. Die Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) geht mit harten Einschnitten in der ambulanten und der stationären Versorgung einher. Auch die freie Wirtschaft ist betroffen. Die fehlenden Mittel belaufen sich nach Berechnungen der Finanzkommission Gesundheit im kommenden Jahr auf 15,3 Milliarden Euro. Bis 2030 könnte die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben der GKV bei mehr als 40 Milliarden Euro liegen.

Immer vorausgesetzt, das umstrittene Beitragsstabilisierungsgesetz von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nimmt alle parlamentarischen Hürden, sollen die Vertragsärztinnen und Vertragsärzte bereits im kommenden Jahr auf rund 2,7 Milliarden Euro verzichten, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf Anfrage der Ärzte Zeitung mitgeteilt. Zu Einnahmeausfällen im Vergleich zur aktuellen Situation kommt es demnach auch in den Folgejahren.

KBV: Versorgungstiefe in Gefahr

KBV-Chef Dr. Andreas Gassen hat bereits angekündigt: „Eine der heutigen vergleichbare Versorgungstiefe kann dann nicht mehr angeboten werden.“ Vom Streichkonzert der Regierung betroffen sind zum Beispiel extrabudgetäre Leistungen nach dem 2019 eingeführten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) oder Zusatzvergütungen im Zusammenhang mit der elektronischen Patientenakte (ePA).

Auch im stationären Sektor sollen Sparmaßnahmen greifen. In zahlreichen Krankenhäusern könnten die Lichter sogar endgültig ausgehen, warnt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). „Die kirchlichen und freigemeinnützigen Krankenhäuser werden als erste vom Markt verschwinden“, sagt der Vorstandsvorsitzende der DKG, Dr. Gerald Gaß. Gut 500 dieser Häuser sind in der Versorgung aktiv.

Kliniken: Mittelentzug von 5,1 Milliarden Euro

Im Jahr 2027 sollen die Krankenhäuser laut Gesetzentwurf 5,1 Milliarden Euro weniger erhalten. Bis 2030 belaufe sich der „Mittelentzug“ voraussichtlich auf insgesamt 12,8 Milliarden Euro, rechnet die DKG vor. Die Pflegebudgets sollen gedeckelt werden.

Die Ausgaben für Arzneimittel haben die für die ambulante Versorgung überholt – laut Ersatzkassenverband lagen sie zuletzt bei rund 55,2 Milliarden Euro. Das Bundesgesundheitsministerium will die Pharmaindustrie mit einem an der Entwicklung der Arzneimittelausgaben orientierten – dynamischen – Herstellerabschlag auf patentgeschützte Medikamente an den Sparmaßnahmen beteiligen.

Der Schritt soll gut eine Milliarde Euro im Jahr 2027 und dann aufwachsend bis 2030 zwischen fünf und sechs Milliarden Euro an Einsparungen für die Kassen bringen. Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) hat in seiner Stellungnahme zum GKV-Gesetz vorgerechnet, dass die Branche durch Festbeträge sowie individuelle und gesetzliche Rabatte bereits einen Sparbeitrag leiste. 2025 habe dieser bei 29 Milliarden Euro gelegen.

Pharma-Kritik am dynamischen „Zwangsrabatt“

vfa-Chef Han Steutel: „Dieses Gesetz macht sämtliche Erfolge der Pharmastrategie zunichte.“ Statt die Branche zu stärken, scheine es nun das Ziel zu sein, „sie zu vertreiben“. Die Unternehmen bräuchten „Planbarkeit und langfristige Stabilität. Ein dynamischer „Zwangsrabatt“ torpediere das.

Schlussendlich werden auch Patientinnen und Patienten zur Kasse gebeten: So sollen die Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente auf mindestens 7,50 Euro und maximal 15 Euro je Packung steigen. Bisher waren es fünf bis zehn Euro. Bei einem Klinikaufenthalt sollen 15 Euro pro Tag statt bisher zehn Euro fällig werden. Das Krankengeld soll von 70 auf 65 Prozent des Bruttogehalts sinken. (af/hom)

Lesen sie auch
Lesen sie auch
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kolumne aus Berlin

Die Glaskuppel zur Prävention: Mehr als Kochkurs und Yogamatte

Hausarzt und Gebietsärztin im Interview

Hausarztvermittlungsfälle: Wo es hakt und wie es besser ginge

Das könnte Sie auch interessieren
Der Gesundheitsdialog

© Janssen-Cilag GmbH

J&J Open House

Der Gesundheitsdialog

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

© Springer Medizin

Johnson & Johnson Open House-Veranstaltung am 26. Juni 2025 beim Hauptstadtkongress

Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
J&J Open House beim Hauptstadtkongress

© [M] Springer Medizin Verlag

Video zur Veranstaltung

J&J Open House beim Hauptstadtkongress

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Ist das AMNOG bereit für HIV-Innovationen?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Martinsried
Arzneiforschung: Von Innovationen profitieren nicht nur Patienten, sondern immer auch die Gesellschaft als Ganzes.

© HockleyMedia24 / peopleimages.com / stock.adobe.com

Nutzenbewertung

Arznei-Innovationen: Investition mit doppeltem Nutzen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Hausarzt und Gebietsärztin im Interview

Hausarztvermittlungsfälle: Wo es hakt und wie es besser ginge

Lesetipps
Ein älterer Mann liegt wach im Bett und kann nicht schlafen. Eine Uhr auf dem Nachtkasten zeigt kurz vor 3 Uhr an.

© amenic181 / stock.adobe.com

α-Synuclein-Abbau fördern

Parkinson: Wieso guter Schlaf besonders präventiv wirkt