Versorgung im Jahr 2060

"Was auf uns zukommt, ist nicht finanzierbar"

Deutschland wird älter. Die umfassende Versorgung mit Gesundheitsleistungen ist bedroht. Ein Institut wagt den Blick in die Zukunft.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 10.12.2012, 17:59 Uhr
Die Zukunft Deutschlands sieht älter aus als die Gegenwart. Familienersetzende Strukturen sind gefragt.

Die Zukunft Deutschlands sieht älter aus als die Gegenwart. Familienersetzende Strukturen sind gefragt.

© imago stock & people

BERLIN. Die Alterung der Gesellschaft wird das Gesundheitswesen und darin vor allem die Pflege vor enorme finanzielle und organisatorische Herausforderungen stellen.

Die Gesellschaft und die Politik seien darauf nicht vorbereitet, sagte Professor Fritz Beske bei einem seiner letzten Auftritte in der Bundespressekonferenz.

Beske, der am 12. Dezember 90 Jahre alt wird, stellte die Untersuchung "Versorgungsprognose 2060" vor, den letzten inhaltlichen Band der Schriftenreihe des Fritz Beske Instituts für Gesundheits-System-Forschung (igsf) in Kiel.

Die Ausgaben der Pflegeversicherung werden bis 2060 von heute rund 20 Milliarden Euro auf 42 Milliarden Euro im Jahr steigen, lautet ein Ergebnis der Prognose.

Die wachsende Zahl von Alleinlebenden mache gewaltige Investitionen in eine nicht mehr nur familienergänzende sondern vielmehr familienersetzende Pflegeinfrastruktur nötig, betonte Beske.

Die bis 2060 benötigten zusätzlichen 1,2 Millionen stationären Pflegeplätze könnten 150 Milliarden Euro kosten. Nicht eingerechnet seien die Mittel für den zusätzlichen Bedarf an rund 780.000 Pflegekräften.

Arbeit geht Vertragsärzten nicht aus

Trotz der bis 2060 von derzeit 82 Millionen auf 65 Millionen abnehmenden Bevölkerung nähmen die Leistungsanforderungen in den Krankenhäusern und Arztpraxen sowie in der Arzneimittelversorgung zu, prognostizieren die Kieler Wissenschaftler.

Die ambulante vertragsärztliche Versorgung steht dabei vor einem Sinken der absoluten Leistungszahlen. Entwarnung in Sachen Ärztemangel geben die Vorhersagen des Kieler Instituts deshalb nicht.

Auf 100.000 Einwohner gerechnet steige der Bedarf an ambulanten Leistungen demnach im Vergleich zu 2010 bis 2050 um zehn Prozent. Erst dann soll die Phase der Stagnation beginnen.

Wachsen werde der Bedarf vor allem durch die komplexen Behandlungen älterer Menschen mit mehreren Krankheiten.

Es werde auch Fachgruppen geben, die weniger als heute gebraucht würden, sagte Beske voraus. Darunter fielen Gynäkologen und Kinderärzte.

Gesundheit nicht mehr finanzierbar?

"Was auf uns zukommt, ist nicht finanzierbar", sagte Beske. Die Schuldenbremse werde dafür sorgen, dass eine Subventionierung der gesetzlichen Krankenversicherung wie derzeit künftig eine Illusion sein werde.

Die Einnahmen würden dann die Höhe der Ausgaben bestimmen. Klinikschließungen, Abstriche bei Kuren und bei der stationären Rehabilitation seien die Folgen.

Er rate den Gesundheitspolitikern, das Thema Rationalisierung schnell anzugehen, sagte Beske. Und hatte auch gleich einen konkreten Vorschlag parat.

Das größte Defizit des Gesundheitswesens sei der Mangel an Qualitätssicherung. Eine Steigerung der Ergebnisqualität zum Beispiel bei der Endoprothesenversorgung würde die Zahl der Leistungen senken und Kosten sparen.

Beske forderte, eine sozial gerechte Gesundheitsversorgung für alle aufrecht zu erhalten.

"Mir geht es darum, dass auch in Zukunft bei geringeren Ressourcen, sehr viel weniger Geld und weniger Fachkräften eine Ordnung in der Verteilung des Mangels besteht", sagte Professor Fritz Beske.

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