Hintergrund

Was macht eigentlich ein Pflegestützpunkt?

Die Union war skeptisch, die Ärzte auch - aber Gesundheitsministerin Ulla Schmidt setzte sich durch und schuf die Rechtsgrundlage für Pflegestützpunkte. Ein Modell in Marburg zeigt den Nutzen.

Von Gesa Coordes Veröffentlicht:

Als Ewald Egerding aus Biedenkopf-Kombach (Kreis Marburg-Biedenkopf) nach einem schweren Sturz mit Becken- und Wirbelverletzungen ins Krankenhaus kam, reagierte seine Frau Marie-Luise mit Furcht und Ratlosigkeit. Nicht nur wegen der Angst um ihren 72-jährigen Ehemann. Sie wusste auch nicht, wie sie als 69-Jährige den Alltag mit ihm in Zukunft bewältigen sollte.

Hilfe in der Krise fand Marie-Luise Egerding beim ersten und bislang einzigen hessischen Pflegestützpunkt, der seinen Sitz im Marburger Hinterland hat. Die ganze häusliche Infrastruktur musste umgekrempelt werden. Dazu mussten Stolperfallen wie Schwellen und Teppiche aus der Wohnung verschwinden, Haltegriffe angebracht und ein Krankenbett angeschafft werden. Inzwischen kann Ewald Ewerding zumindest mit einem Rollator gehen.

Diana Gillmann vom Pflegestützpunkt organisierte den Pflegedienst, klärte die finanziellen Fragen, half bei der Einrichtung und vermittelte einen Gesprächskreis für Angehörige. Die Unterstützung hat dem Paar Mut gemacht.

Der Fall ist typisch für ihre Arbeit, sagt Diana Gillmann. Die meisten Angehörigen seien völlig überfordert, wenn ihr Partner oder die Eltern nach einem Schlaganfall, einem Sturz oder durch Demenz Pflege brauchen. Sie haben kaum Zeit - deswegen kommt die Mitarbeiterin oft zu ihren Kunden nach Hause. Und sie sehen sich einer unüberschaubaren Fülle von Pflegediensten, Ärzten, Sozialdiensten, Altenheimen, Reha-Teams, Pflegebegleitern und Therapeuten gegenüber. Hier setzt die Beratung des Pflegestützpunktes an, der alle Leistungserbringer koordiniert. "Für viele Angehörige ist die Pflege an sich nicht das größte Problem", sagt Gillmann: "Aber sie fühlen sich oft allein gelassen und überfordert."

Die Betroffenen fürchten ein Chaos bei der Organisation.

Eingerichtet wurde der Pflegestützpunkt unter Trägerschaft des Diakonischen Werks. Ziel ist es, dass die Pflegebedürftigen möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden leben können. Seit dem Start im April 2008 wurden allein im Altkreis Biedenkopf mehr als 700 Menschen beraten.

Der Erste Kreisbeigeordnete Karsten McGovern (Grüne) hält das Modell für ausgezeichnet: "Es gibt eine zentrale Anlaufstelle, die den Kunden die Chance bietet, sich wirklich umfassend zu informieren", erklärt der Sozialdezernent des Kreises, in dem eine schwarz-gelb-grüne Koalition regiert.

Dabei stieß das von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) vorangetriebene Projekt beim Koalitionspartner Union wie auch bei Ärzten zunächst auf scharfe Kritik. Die CDU fürchtete eine neue bürokratische Struktur. Die Koalition einigte sich auf einen Kompromiss, nach dem jedes Bundesland selbst über die Einrichtung von Pflegestützpunkten entscheidet. Das Land Hessen hat sich für die Anlaufstellen ausgesprochen. "Sie bieten Rat und Hilfe aus einer Hand", lobt Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger.

Hessens Kammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch hält die Anlaufstellen allerdings für überflüssig. Das glaubt auch die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer Dr. Cornelia Goesmann: "Wir haben zumindest keinen Bedarf für Hunderte von Stützpunkten bundesweit gesehen." Das Geld solle besser in die Pflege gesteckt werden.

Goesmann empfiehlt ein Modell, das in Hannover-List erprobt wird. Dort hat eine Arztpraxis mit vier Hausärzten, einer Apotheke und einer Pflegerin einen Stützpunkt gegründet: "Diejenigen, die die Patienten jahrelang versorgt haben, sollen sich weiter um sie kümmern", erklärt die Ärztin. Offen bleibt freilich, ob alle Ärzte das so können und wollen.

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