Dr. Günther Matheis im Interview

Welche Folgen der abgesagte Ärztetag hat

Der Deutsche Ärztetag sollte am 19. Mai beginnen – doch wegen der Coronavirus-Pandemie findet er erstmals in der Nachkriegsgeschichte nicht statt. Im Interview mit der „Ärzte Zeitung“ erläutert Dr. Günther Matheis, Präsident der Ärztekammer Rheinland-Pfalz, was nun mit den kleinen und großen Themen geschieht, die in diesem Jahr auf der Tagesordnung standen.

Von Anke Thomas Veröffentlicht: 18.05.2020, 04:52 Uhr
Welche Folgen der abgesagte Ärztetag hat

Im letzten Jahr fand der Deutsche Ärztetag in Münster statt. 2020 sollte die Kammer Rheinland-Pfalz Gastgeber sein. Wegen Corona wurde alles abgesagt.

© Michaela Illian

ÄZ: Herr Dr. Matheis, der Deutsche Ärztetag in Mainz wurde abgesagt. Wie ist es zu der Absage gekommen?

Dr. Günther Matheis: Anfang März haben wir schon mal entfernt spekuliert, ob der Ärztetag stattfinden kann. Zehn Tage später war dann klar, dass Großveranstaltungen nicht mehr stattfinden dürfen. Wir haben uns dann mit dem Vorstand der Bundesärztekammer mehrheitlich verständigt, dass wir den Ärztetag absagen werden. Das wurde am 17. März offiziell mitgeteilt.

Welche Folgen der abgesagte Ärztetag hat

Dr. Günther Matheis: Kein Arzt – sowohl in der Niederlassung als auch im Krankenhaus – soll wegen fehlender Fortbildungspunkte in diesem Jahr sanktioniert werden.

© Ines Engelmohr

Es wurde noch spekuliert, dass der Ärztetag eventuell später im Jahr stattfinden wird?

Ich kann Ihnen sagen, dass das gewiss nicht der Fall sein wird. Ursprünglich hatten wir noch überlegt, den Ärztetag um den 3. Oktober hin zu verschieben. Das hätten wir auch schaffen können. Aber dann kam die Mitteilung, dass Großveranstaltungen bis Ende August verboten sind. Das hätte weitere Unsicherheit und Kostenrisiken bedeutet, wenn der Tag erneut hätte abgesagt werden müssen.

Wie hoch sind die Kosten, die bisher entstanden sind, ungefähr?

Ich schätze, dass bislang für die Bundesärztekammer schon deutliche Kosten angefallen sind. Wie viel es am Ende genau ist, wird auch von Stornierungen und Verhandlungen abhängen. Auch wir von der Landesärztekammer müssen erst mal schauen, wie es am Ende aussieht. Wir können noch nicht abschließend sagen, auf welchen Kosten wir sitzen bleiben werden.

Was passiert nun mit den wichtigen Themen, die auf der Tagesordnung des Ärztetages standen?

Zunächst haben wir Lösungen zu formalen Satzungsfragen kreiert – wie etwa Beschlüsse zum Haushalt, die im Umlaufverfahren geregelt werden. Alle anderen Dinge werden erst einmal zurückgestellt. Die zwei großen gesundheitspolitischen Themen, die in Mainz diskutiert werden sollten, waren Klimawandel und Patientensicherheit. Diese werden auf nächstes Jahr in Rostock verschoben, wobei hier wahrscheinlich statt Patientensicherheit mehr das Thema Pandemie auf der Tagesordnung stehen wird.

Dr. Günther Matheis

  • Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz seit 2016
  • Facharzt für Thoraxchirurgie
  • Sektionsleiter Thoraxchirurgie: Abteilung: Herz- und Thoraxchirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Trier seit 2006
  • Vorsitzender Ständige Konferenz „Ärztliche Fortbildung“ bei der Bundesärztekammer. Außerdem unter anderem bei der BÄK Mitglied der Arbeitsgruppe „Fernbehandlung“ (Arbeitspaket 2), Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation, Mitglied der Arbeitsgruppe Richtlinie BÄK „Herz“ und Richtlinie „Qualitätssicherung in der Transplantationsmedizin“.

Auf dem Ärztetag werden immer eine ganze Reihe Beschlüsse gefasst und es werden sehr viele Themen diskutiert und abgestimmt. Bleiben aufgrund der Absage der Veranstaltung nicht viele Dinge auf der Strecke?

Zunächst ist es so, dass die Beschlüsse des Ärztetages Vorschläge sind, die nicht von den Landesärztekammern umgesetzt werden müssen, sondern als Leitplanken zu verstehen sind. Die großen gesundheitspolitischen Themen können dann eben erst nächstes Jahr diskutiert werden. Wegen der Pandemie stockt es derzeit bei den Kammern allerdings, weil die Vertreterversammlungen nicht stattfinden können. So verzögert sich in manchen Kammern beispielsweise die Umsetzung der Weiterbildungsordnung. 2018 hatte der Ärztetag ja eine neue Musterweiterbildungsordnung beschlossen.

Ein großes Thema für die Ärzte und die Kammern ist auch die Fortbildungsverpflichtung. Wegen der Pandemie sind so gut wie alle Fortbildungen abgesagt worden. Als Vorsitzender der Ständigen Konferenz „Ärztliche Fortbildung“ der Bundesärztekammer kann ich Ihnen versichern, dass wir bereits eine Lösung gefunden haben, die grob gesagt die Fortbildungsverpflichtung für Ärzte in 2020 aussetzt.

Kein Arzt – sowohl in der Niederlassung als auch im Krankenhaus – soll wegen fehlender Fortbildungspunkte in diesem Jahr sanktioniert werden. Ärzte sollen auch nicht in die Bredouille kommen, die Fortbildungen für die benötigten Punkte dann allesamt im Herbst nachzuholen zu müssen. Die Lösung ist auch bereits mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss und dem Bundesgesundheitsministerium andiskutiert und wird in Kürze vorgestellt werden.

Gibt es auch etwas Positives, dass Sie der Krise abgewinnen können?

Viele Sitzungen und Besprechungen finden nun virtuell statt. Anfangs war das etwas gewöhnungsbedürftig, aber es klappt prima. Deshalb werden wir sicherlich künftig wegen jeder Sitzung mit kleinerem Teilnehmerkreis nicht mehr unbedingt große Reisen unternehmen müssen, sondern können uns genauso gut per Videokonferenz abstimmen.

Wie ist es für die Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, dass die Veranstaltung nach langer Vorbereitungszeit abgesagt werden musste?

Wir standen schon vor einem Jahr vor großen Herausforderungen, als unser Veranstaltungsort – die Rheingoldhalle – abgebrannt ist. Wir waren damals schon kurz davor, abzusagen und darum zu bitten, dass eine andere Kammer den Ärztetag übernimmt. Aber wir haben dann Lösungen gefunden. Zum Beispiel hatten wir mit der Stadt Mainz vereinbart, dass zusätzlich ein Vorbau errichtet wird, damit wegen der teilweisen Sperrung der Halle alle per Video die Diskussionen verfolgen können. Wir haben also eine ganze Palette an Problemen bewältigt. Dann kam COVID-19. Wir haben unabhängig davon mit der Bundesärztekammer vereinbart, dass der Deutsche Ärztetag 2024 wieder in Mainz stattfinden wird.

Der Deutsche Ärztetag

  • Deutscher Ärztetag: Ist das „Parlament der Ärzteschaft“. Die Hauptversammlung der Bundesärztekammer findet einmal jährlich an wechselnden Orten statt. Die 17 deutschen Ärztekammern entsenden insgesamt 250 Abgeordnete. Sitzungsleiter ist seit 2019 Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der BÄK.
  • Aufgaben: Erarbeitung und Verabschiedung von länderübergreifenden Regelungen zum Berufsrecht (zum Beispiel die Muster-Berufsordnung und Muster-Weiterbildungsordnung). Positionen der Ärzteschaft zu aktuellen gesundheits- und sozialpolitischen Diskussionen diskutieren und der Öffentlichkeit vermitteln.
  • Historie: Seit 1873 jährlich (außer 1912, 1915-17, 1920, 1922/23 und 1932-47). Zusätzlich fanden in der Nachkriegsgeschichte fünf Außerordentliche Deutsche Ärztetage statt.
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