Kritik beim Westfälischen Ärztetag

Wenn der Rettungsdienst zum Taxi wird

Ärzte und Politiker geißeln beim Westfälischen Ärztetag den Status quo der Notfallversorgung. Auch bei der Qualifikation der Ärzte gebe es Handlungsbedarf.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Viele Einsätze von Notfallsanitätern und Ärzten haben kaum mehr etwas mit ihrer Qualifikation zu tun, hieß es beim Westfälischen Ärztetag.

Viele Einsätze von Notfallsanitätern und Ärzten haben kaum mehr etwas mit ihrer Qualifikation zu tun, hieß es beim Westfälischen Ärztetag.

© Mathias Ernert / Deutsches Rotes Kreuz

Münster. Die häufige Fehlinanspruchnahme des Rettungsdienstes durch die Patienten ist nicht nur in finanzieller Hinsicht ein Problem, sondern auch in qualitativer, warnt Wolfgang Heuer, Stadtrat in Münster.

Viele Einsätze von Ärzten und Notfallsanitätern hätten nichts mehr mit ihrer Qualifikation zu tun, sagte Heuer beim 13. Westfälischen Ärztetag in Münster. „Wer es immer mit Aufgaben zu tun hat, die nicht seiner Ausbildung entsprechen, wird nicht nur demotiviert, sondern dequalifiziert.“

Das Bild des Lebensretters werde zurzeit in Teilen ad absurdum geführt, sagte der SPD-Politiker, der in Münster als Beigeordneter für das Rettungswesen zuständig ist. Der Rettungsdienst werde in der Bevölkerung zunehmend als Taxi wahrgenommen. „Ich hoffe, dass in Zukunft Maßnahmen greifen, die diese Entwicklung stoppen.“

Patienten müssen in die richtige Versorgung gelotst werden

In den Krankenausambulanzen ist die Entwicklung ähnlich wie beim Rettungsdienst, findet Heuer. Auch dort führe die deutliche Zunahme der Inanspruchnahme dazu, dass Ärzte und Pflegekräfte nicht mehr die Leistungen erbringen können, für die eigentlich Notaufnahmen da sind.

Er warnte aber davor, die Schuld ausschließlich den Patienten zuzuweisen, wenn sie die falschen Anlaufstellen in Anspruch nehmen. „Selbst Experten wissen häufig nicht, was die richtige Allokationsentscheidung ist, wie soll es dann der Patient wissen?“

Die Patienten müssten an die Hand genommen und in die richtige Versorgungsebene geführt werden, sagte Daniel Fischer, Chefarzt in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Lippe und Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Lippe. Dabei müsse verhindert werden, dass die Patienten sich Schlupflöcher suchen und doch wieder dorthin gehen, wo sie wollen.

Damit eine Notfallreform gelingt, sollten die Strukturen den Bedürfnissen der Patienten Rechnung tragen, betonte Fischer. „Es muss aus Patientensicht geplant werden, und die Prozesse müssen angepasst werden.“

Sicherstellung gemeinsam durch Kliniken und Vertragsärzte

Die Notfallversorgung muss nach seiner Überzeugung von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern gemeinsam sichergestellt werden. „Die Krankenhäuser können es wahrscheinlich nicht alleine, die Niedergelassenen auch nicht.“ Beide Seiten könnten voneinander lernen und ein standardisiertes Vorgehen abstimmen.

Handlungsbedarf sieht Fischer bei der Qualifikation der Ärzte, die an der Notfallversorgung teilnehmen. „Bei Notärzten ist das über die Kammern geregelt“, sagte er. Weniger klar sei die Lage bei den niedergelassenen Kollegen. Für den ärztlichen Notfalldienst reiche es aus, dass die Kollegen niedergelassen sind und sich regelmäßig zum Thema Notfall weiterbilden, monierte er.

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