Health Literacy

Wenn man den Beipackzettel nicht versteht

Wann wird eine Leseschwäche für die Gesundheit gefährlich? Eine Initiative des AOK-Bundesverbands und der Stiftung Lesen will auf diese Frage Antworten finden.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Den Beipackzettel lesen und verstehen können, hilft Gesundheitsprobleme zu vermeiden.

Den Beipackzettel lesen und verstehen können, hilft Gesundheitsprobleme zu vermeiden.

© Bernd_Leitner / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

BERLIN. Arztsuche, Beipackzettel, Dosierungsempfehlungen, Hygienevorschriften: Wer sich im Gesundheitswesen orientieren will, sollte lesen können – schon alleine aus Gründen des Selbstschutzes. Nicht alle verfügen über diese Absicherung gegen Gesundheitsgefahren aufgrund von Informationsdefiziten.

Für mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland ist das Gesundheitswesen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie gelten als funktionale Analphabeten und können Texte nicht oder nur schwer lesen.

Die Kompetenzmängel reichen jedoch weit darüber hinaus: Einer Untersuchung der Universität Bielefeld zufolge hat mehr als jeder zweite Bundesbürger Probleme, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und einzuordnen. Dies betrifft insbesondere ältere Menschen, Menschen mit chronischer Erkrankung, Menschen mit geringem Bildungsstatus und Menschen mit Migrationshintergrund.

Hausärzte helfen

Als Orientierungshelfer stehen die Hausärzte bei den Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz ganz vorne. Ihrem Rat vertrauen rund 80 Prozent der Menschen, geht aus einer vor zwei Jahren veröffentlichten Untersuchung der Universität Bielefeld hervor. Fachärzte stehen mit 40 Prozent an zweiter Stelle. Familie und Apotheker stehen noch vor dem Internet, das lediglich 30 Prozent für vertrauenswürdig halten.

Künftig soll zusätzlich ein neuer Präventionsansatz greifen. Die Stiftung Lesen und der AOK-Bundesverband haben am Mittwoch das Projekt "HEAL – Health Literacy im Kontext von Alphabetisierung und Grundbildung" aus der Taufe gehoben. Ziel soll sein, Situationen im Alltag von Menschen zu identifizieren, in denen Leseschwächen zu Gesundheitsgefährdungen führen können. Bis April 2019 soll dieser Zugewinn an Wissen zur Verfügung stehen.

"Wer Beipackzettel nicht verstehen, Medikamente nicht richtig dosieren und Hygienevorschriften nicht befolgen kann, gefährdet sein körperliches Wohlbefinden", sagte AOK-Bundesverbandsvorsitzender Martin Litsch bei der Auftaktveranstaltung in Berlin. Im Umkehrschluss bedeute das, dass eine Verbesserung der Schriftsprachkompetenz sich positiv auf die Gesundheit der Menschen auswirke.

Politik am Ball

Die Politik hat den Handlungsbedarf bereits erkannt. Das aktuelle Projekt "HEAL" wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. Bereits Mitte 2017 hat der damalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Vertreter der Ärzteschaft und der Gemeinsamen Selbstverwaltung sowie der privaten Krankenversicherer zur Gründung einer Allianz für Gesundheitskompetenz angestoßen.

Der AOK-Bundesverband, die Universität Bielefeld, die Hertie School of Governance und die Robert Bosch Stiftung haben zudem den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz aufgestellt. Die vier Akteure drängen unter anderem darauf, Gesundheitsthemen über das Bildungssystem bereits in frühen Jahren zu vermitteln.

Die Ziele des Aktionsplans werden von der Nationalen Koordinierungsstelle Gesundheitskompetenz vorangetrieben. Die Bielefelder Untersuchung habe bestätigt, dass Kenntnisse von Krankheitsbewältigung, Prävention und Gesundheitsförderung bei rund 90 Prozent der Menschen im Land höchstens ausreichend ausfallen, bei rund der Hälfte sogar als problematisch bis inadäquat klassifiziert werden müssten, sagte Dr. Dominique Vogt von der Berliner Hertie School of Governance am Mittwoch in Berlin.

Das Spektrum weit verbreiteter Verständnisschwierigkeiten reicht laut Vogt von der intellektuellen Verarbeitung von Informationen über eine Krankheit, über Entscheidungen für oder gegen eine Impfung bis zur Fehlinterpretation von Angaben auf Lebensmittelverpackungen. Knapp zehn Prozent der befragten Menschen gab an, ihren Arzt nicht zu verstehen. Drei Viertel findet sich im Gesundheitssystem nicht zurecht.

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