Schleswig-Holsteins neuer Kammerchef

"Wir sind für die Patienten da – und nicht für die Renditen"

Dr. Henrik Herrmann (59) ist neuer Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erklärt er, wie Ärzte im Spannungsfeld von Medizin und Ökonomie Haltung bewahren können.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Überzeugt, dass Niedergelassene und Klinikärzte gemeinsam an einem Strang ziehen: Schleswig-Holsteins neuer Kammerchef Dr. Henrik Herrmann.

Überzeugt, dass Niedergelassene und Klinikärzte gemeinsam an einem Strang ziehen: Schleswig-Holsteins neuer Kammerchef Dr. Henrik Herrmann.

© Dirk Schnack

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Herrmann, Sie haben die Wahl um das Präsidentenamt in Schleswig-Holstein mit großer Mehrheit gewonnen und sich dabei gegen einen Kandidaten aus dem niedergelassenen Bereich durchgesetzt. Haben Sie selbst mit einem solchen Zuspruch in der Kammerversammlung gerechnet?

Dr. Henrik Herrmann: Nein, das war sicherlich nicht absehbar und zeigt, dass die Mitglieder unserer Kammerversammlung nicht in den Blöcken niedergelassen und stationär denken. Ich freue mich, dass ich auch viele Stimmen von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten bekommen habe. Ich denke, dass ich vor der Wahl deutlich machen konnte, dass bei den anstehenden Herausforderungen im Gesundheitswesen die ärztliche Selbstverwaltung als Ganzes und nicht nur einzelne Blöcke gefordert sind.

Sie sind seit fünf Jahren Landesvorsitzender des Marburger Bundes und haben angekündigt, dieses Amt als Kammerpräsident niederzulegen. Haben Sie damit bei den niedergelassenen Kollegen gepunktet?

Dr. Henrik Herrmann: Das weiß ich nicht. Mir geht es in erster Linie darum, als Kammerpräsident mögliche Interessenskonflikte zu vermeiden. Wenn ich als MB-Chef zum Beispiel zu einem Streik in einem schleswig-holsteinischen Krankenhaus aufrufe, verträgt sich das schlecht mit dem Amt des Präsidenten der Ärztekammer und verhindert vielleicht für andere Akteure im Gesundheitswesen, neutral mit mir umzugehen – das möchte ich vermeiden.

Außerdem bin ich mir sicher, dass mich das Präsidentenamt zeitlich stark in Anspruch nehmen wird. Da ist die Entlastung vom MB-Amt sicherlich hilfreich.

Sie haben ja sogar ihre Chefarzttätigkeit in Brunsbüttel aufgegeben, um sich ihren standespolitischen Aktivitäten stärker widmen zu können. Werden Sie jetzt zum Vollzeit-Funktionär?

Dr. Henrik Herrmann: Nein. Ich bleibe Leiter des Bildungszentrums für Berufe im Gesundheitswesen im Westküstenklinikum Heide und werde auch weiterhin vertretungsweise in einer allgemeinmedizinischen Praxis tätig sein. Beide Tätigkeiten bedeuten mir viel und ich kann sie mit dem Präsidentenamt in Bad Segeberg gut vereinbaren.

Sie sprechen den Zeitaufwand an – wo werden Sie verstärkt zu finden sein: In der Bundeshauptstadt oder im Norden?

Dr. Henrik Herrmann: Ganz klar: In Schleswig-Holstein. Ich habe das Gefühl, dass ich in dem konstruktiven Gesprächsklima, das hier mit fast allen Akteuren in Politik und Gesundheitsversorgung herrscht, zunächst mehr bewegen kann. Das heißt aber nicht, dass ich den Weg nach Berlin scheue. Ich kann mir gut vorstellen, dort auch von positiven Beispielen, die wir in Schleswig-Holstein erproben, zu berichten und auch in Berlin damit etwas zu bewegen.

Sie fordern eine neue Weiterbildungskultur. Was verstehen Sie darunter?

Dr. Henrik Herrmann: Bislang nehmen viele Kollegen die Weiterbildung eher als Last hin – insbesondere wegen der Arbeitsverdichtung und der fehlenden Zeit. Strukturierte Weiterbildung geht dann im klinischen Alltag häufig unter. Das will ich ändern.

 Ziel der Kammer muss es sein, dass erfahrene Kollegen ihr Wissen gerne weitergeben und es als Auszeichnung verstehen, junge Kollegen an ihrem Wissen partizipieren zu lassen. Und die Weiterzubildenden sollen die Weiterbildungszeit als wertvoll wahrnehmen. Als Kammer sind wir gefordert, an den notwendigen Rahmenbedingungen mitzuarbeiten.

Ist es dafür erforderlich, auf die Gebühr für die Facharztprüfung zu verzichten, so wie Sie es angekündigt haben?

Dr. Henrik Herrmann: Das ist natürlich nur ein kleiner, aber wichtiger Schritt. Viele junge Kollegen nehmen die Kammer doch mit der Facharztprüfung erstmals überhaupt wahr – und an der Stelle verlangen wir gleich Geld von ihnen. Ich halte es für besser, diese Kosten über den allgemeinen Beitrag zu decken.

Sie rufen Ärzte dazu auf, den Wandel im Gesundheitswesen aktiv mit zu gestalten. Was kann der einzelne Arzt denn tun?

Dr. Henrik Herrmann: Offen bleiben für Veränderungen. Den Wandel können wir nicht aufhalten, aber wir können versuchen, ihn aktiv zu gestalten, das Beste daraus zu machen und ihn im Sinne der Ärzteschaft und für unsere Patienten zu beeinflussen.

Im Spannungsfeld zwischen Medizin und Ökonomie fühlen sich viele Ärzte unwohl und beklagen ein "Diktat der Ökonomie". Wie kann die Ärztekammer hier helfen?

Dr. Henrik Herrmann: Indem sie als Ansprechpartner betroffener Ärzte in solchen Fragen bereit und an der Seite der Ärzte steht. Die Kammer hat die Möglichkeit, diese Probleme auf eine andere Ebene zu heben, möglicherweise auch zu moderieren. Wichtig ist mir, dass die betroffenen Ärzte sich an der Stelle nicht allein gelassen fühlen. Natürlich können wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ändern, aber wir können vor einer zu aggressiven Kommerzialisierung im Gesundheitswesen und deren Folgen warnen.

Für die einzelnen Ärzte geht es dabei auch um Haltung: Wir sind für die Patienten da, nicht für die Renditen. Ich bin optimistisch, dass besonders die junge Generation an Kollegen dies verinnerlicht und sich keine Vorschriften machen lässt, mit denen die Sicherheit der Patienten aufs Spiel gesetzt wird.

Zur Person: Dr. Henrik Herrmann

  • Aktuelle Position: Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein, Internist
  • 2013 bis 2018 Vize-Präsident der Ärztekammer, Landesvorsitzender des Marburger Bunds
  • Seit 2001 Mitglied der Kammerversammlung Schleswig-Holstein
  • Leiter des Bildungszentrums für Berufe im Gesundheitswesen im Westküstenklinikum Heide
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