Studie

Woher unsere Arznei-Wirkstoffe kommen

Wirkstoffe sollen wieder stärker in Europa hergestellt werden, das möchten auch einige deutsche Gesundheitspolitiker. Eine Studie liefert wichtige Daten – und zeigt, dass das schwierig werden kann.

Veröffentlicht: 07.10.2020, 16:11 Uhr
Herstellung von Arzneimitteln. In Europa werden immer weniger Arzneimittel produziert, in Asien dagegen immer mehr.

Herstellung von Arzneimitteln. In Europa werden immer weniger Arzneimittel produziert, in Asien dagegen immer mehr.

© industrieblick/stock.adobe.com

Berlin. Der „Aufbau einer strategisch positionierten europäischen Gesundheitsindustrie“ zählt zu den gesundheitspolitischen Schwerpunkten der deutschen EU-Ratspräsidentschaft.

Eine aktuelle Studie im Auftrag des Branchenverbands „progenerika“ liefert nun erstmals Daten, wie die Wirkstoffproduktion global aufgestellt ist. Die wichtigste Botschaft lautet: Europa hat in den vergangenen 20 Jahren seine Spitzenposition in der Wirkstoffproduktion weitgehend eingebüßt. Die Zentren dieser Industrie liegen inzwischen in China und Indien. Das mache die Lieferketten anfällig.

Ein überraschendes Ergebnis sei, dass nach wie vor ein Drittel der Wirkstoffproduktion in Europa liege, kommentierte progenerika-Geschäftsführer Bork Bretthauer die Ergebnisse der von der Unternehmensberatung MundiCare erstellten Studie „Woher kommen unsere Wirkstoffe?“. Untersucht wurden ausschließlich generische Wirkstoffe.

Die zentralen Ergebnisse sind:

  • Zwei Drittel der für eine Wirkstoffproduktion notwendigen Zulassungen halten Unternehmen in China und Indien; in Deutschland liegen lediglich fünf Prozent.
  • Die Produktionsstätten konzentrieren sich auch in Asien an wenigen Standorten, was Klumpenrisiken bedeutet.
  • Für ein Sechstel der Wirkstoffe gibt es gar keine europäische Produktion mehr.
  • Für mehr als die Hälfte aller Wirkstoffe gibt es weltweit fünf Hersteller oder weniger.
  • Die in Europa verbliebene Wirkstoffproduktion konzentriert sich auf niedrige Volumen und komplexe Herstellungsprozesse.

Der Trend zur Verlagerung der Wirkstoffproduktion müsse gestoppt werden, forderte Bretthauer bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse am Mittwoch in Berlin. Dafür müsse das „Dogma der billigen Arzneimittelpreise“ fallen. Die durchschnittlichen Tagestherapiekosten für die auf dem Markt befindlichen Generika seien bei sechs Cent angekommen.

Nach 30 Jahren Preismoratorien und Festbeträgen liege der Ball im Feld der Politik. Wenn sie Versorgungssicherheit wolle, müsse sich das Einkaufsverhalten nicht mehr nur alleine am Preis, sondern auch an der Sicherheit der Lieferketten und Umweltstandards ausrichten, sagte Bretthauer. „Es darf uns bei der Diskussion über mehr Liefersicherheit nicht nur um Wirkstoffe gehen“, sagte Bretthauer. Das politische Ziel müsse eine alle Fertigungsschritte umfassende Produktion in Europa sein. (af)

Mehr zum Thema

Corona

WHO rät von Remdesivir bei COVID-19 ab

Baden-Württemberg

Sektorenmauer bremst Arzneisicherheit aus

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Check von und Lunge und Herz: Bei COPD-Patienten, die eine relevante kardiovaskuläre Erkrankung aufweisen, ist das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe deutlich erhöht.

Schwere Verläufe

Pneumologen definieren COVID-19-Risiken für Lungenkranke

Ein Schild weist auf ein Corona-Testzentrum hin. Neue Regelungen sollen zum 1. Dezember kommen.

COVID-19-Pandemie

Neue Corona-Testverordnung ab Dezember