Phytotherapie

Ärzte sind wichtige Wegweiser

Gerade wenn es um Phytoarzneien geht, sind Ärzte wichtige Ansprechpartner für Patienten - das zeigt eine aktuelle Studie. Denn die zunehmende Informationsflut macht ärztlichen Rat unentbehrlich.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:
Bei Bagatellerkrankungen greifen Deutsche gerne zur Phytoflasche. ÄrztlicherRat kann dabei durchaus hilfreich sein.

Bei Bagatellerkrankungen greifen Deutsche gerne zur Phytoflasche. ÄrztlicherRat kann dabei durchaus hilfreich sein.

© Schlierner / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Der schulmedizinisch ausgebildete, erfahrene Arzt ist aus Sicht von Gesundheitspolitikern in Deutschland der kompetenteste Ansprechpartner für Patienten auch in Hinblick auf Naturheilmittel und Selbstmedikation.

Er ist demnach hinsichtlich seiner Kenntnisse und seiner Diagnosemöglichkeiten unentbehrlich.

Dazu passt, dass auch immer mehr Schulmediziner für alternative Therapievorschläge offen sind und keineswegs pauschal alles verteufeln, was nicht in die Richtung Schulmedizin passt.

Untersucht hat den Blick von Gesundheitspolitikern auf den Versorgungsalltag der Soziologe Professor Gerhard Schulze von der Universität Bamberg.

In einer unabhängigen, von dem Karlsruher Phytopharma-Spezialisten Dr. Willmar Schwabe geförderten Studie "Schöne neue Gesundheitswelt", die der "Ärzte Zeitung" vorliegt, interviewte Schulze 20 Gesundheitspolitiker aller politischer Couleur aus Bund und Ländern.

Ambivalentes Gesundheitswissen

Die meisten der befragten Politiker kennzeichnen das Gesundheitswissen der Bevölkerung laut Studie als ambivalent: Quantitativ habe es enorm zugenommen, seine Qualität dagegen werde immer fragwürdiger.

Allen Politikern sei die kaum zu bewältigende Informationsflut bewusst - verursacht durch Internet, Massenmedien und Werbung. Fast alle sehen sie das Gesundheitswissen der Bevölkerung überwiegend nicht auf der Höhe der Zeit.

Zunehmende Verwirrung herrsche im Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten, wie zum Beispiel der Indikation oder der Risikoabschätzung - mit Folgen für die Adhärenz. Erschwerend hinzu kämen falsche Vorstellungen vom Heilungsprozess.

Zudem würden mehr und mehr Menschen denken, jede gesundheitliche Störung müsse mit einem Medikament therapiert werden. Dass Beschwerden auch von selbst wieder verschwinden können, gehe im Mainstream der Medikalisierung allmählich unter, so Aussagen befragter Gesundheitspolitiker.

Auf der anderen Seite befürworteten die Politiker laut Studie die mit der Selbstmedikation verbundene Herausforderung zum selbstverantwortlichen Handeln der Patienten. Auf Verständnis stoße der Wunsch vieler Betroffener, bei Beschwerden schnell und ohne Umweg über die Arztpraxis Abhilfe zu schaffen.

Die Studie zeige auch die Skepsis mancher Gesundheitspolitiker gegenüber den OTC-Medikamenten. Die Einwände gingen dabei in zwei Richtungen: Zum einen sei bei einer Reihe von Produkten fraglich, ob sie neben einem möglichen Placebo-Effekt überhaupt wirksam seien.

Wirkungslose Substanzen dürften aber nicht als Arznei bezeichnet werden. Wenn jedoch Wirksamkeit gegeben sei, müsse fachmännische Beratung hinzukommen.

Daran schlössen sich verschiedene Einwände aus medizinischer Sicht an: Selbstmedikation beruhe auf der Indikationsstellung von Laien, ernste Erkrankungen könnten verschleppt werden. Auch fehle es an fachmännischer Kontrolle von Dosierung und Adhärenz.

Vor allem aber seien bestimmte OTC-Arzneien durchaus riskant - erwähnt worden sei unter anderem Paracetamol. Auch könne es bei OTC-Mitteln zu problematischen Interaktionen kommen, die den Patienten unbekannt seien, fanden Gesundheitspolitiker.

Auch die Möglichkeit allergischer Reaktionen auf Naturheilmittel sei ein Thema gewesen.

Vor allem Gesprächspartner aus dem sozialdemokratischen und linken Spektrum seien der Meinung, dass Selbstmedikation das Solidarprinzip unterhöhle.

Nicht der gesundheitliche Bedarf entscheide demnach über die Zugänglichkeit von Medikamenten, sondern der Geldbeutel. Alles, was gesundheitlich notwendig sei, müsse erstattet und möglichst auch verordnet werden, lautete die Forderung.

Quer durch die Parteien - von der FDP abgesehen - hätten die Gesundheitspolitiker schließlich kulturkritische Vorbehalte gegen OTC.

Zwar sei es zu begrüßen, wenn die "Versorgungsmentalität" in der Bevölkerung zurückgehe und die Menschen "nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt rennen", die drohende "Durchmedikalisierung" der Gesellschaft sei jedoch das größere Übel.

Beratungspotenzial bei Apotheken

So vielgestaltig wie die Vorbehalte gegen OTC seien auch die vorgeschlagenen Maßnahmen. Sie reichten von der Wiedereinführung der Rezeptpflicht, vor allem für Schmerzmittel, bis zu einem Werbeverbot für OTC.

Das Spektrum der Möglichkeiten, die Selbstmedikation sicherer zu machen, reiche dabei von der Aufwertung der Beratung in der Apotheke - inklusive Extra-Honorar - über die Transparenz beim aktuellen Medikationsstatus einschließlich OTC auf der elektronischen Gesundheitskarte bis hin zu einer regelmäßigen Überprüfung der Liste der OTC- und rezeptpflichtigen Medikamente.

Eine große Rolle könnte demnach in Zukunft vor allem Prävention über eine institutionalisierte gesundheitsbezogene Bildung in den Schulen spielen.

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