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Alte Menschen mit Krebs - zu alt für eine Tumortherapie?

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Von einer Chemotherapie können auch betagte Krebspatienten profitieren.
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Von einer Chemotherapie können auch betagte Krebspatienten profitieren. © Bilderbox

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Schätzungen zufolge wird bereits im Jahr 2020 jeder fünfte krebskranke Patient mindestens 80 Jahre alt sein. Für diese Altersgruppe gibt es bislang kaum Daten aus Studien, die Anhaltspunkte bieten, wie die Tumortherapie aussehen sollte. Denn in klinischen Studien liegt das mediane Alter von Tumorpatienten deutlich unter dem Alter, das Patienten mit der jeweiligen Krebserkrankung in der Allgemeinbevölkerung aufweisen. Außerdem finden sich in klinischen Studien überdurchschnittlich fitte ältere Patienten, sodass die Ergebnisse nicht einfach auf die tägliche Praxis übertragen werden können, bemängeln Professor Friedemann Honecker vom Onkologischen Zentrum am Universitätsklinikum HamburgEppendorf und der Geriater Professor Gerald Kolb vom St. Bonifatius-Hospital Lingen / Ems.

Alte Menschen sind eine sehr heterogene Patientengruppe, da die altersspezifischen Besonderheiten sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. So sind bei der Entscheidung für eine Tumortherapie außer Komorbiditäten und Polypharmazie auch die altersbedingten Einschränkungen von Organfunktionen - vor allem der Nieren, der Lunge und des Herzens - zu berücksichtigen. Unter Chemotherapie kommt es bei Älteren zudem vermehrt zu Toxizitäten. Betroffen sind vor allem die Schleimhäute (Mukositis und Diarrhö), die kardiale und die Knochenmarksfunktion. Aufgrund einer geschwächten Infektabwehr treten auch häufiger als bei Jüngeren schwere Infektionen auf. Sie haben nach Chemotherapie ein erhöhtes Risiko für eine febrile Neutropenie oder eine Sepsis, so die beiden Mediziner in ihrer zertifizierten Fortbildung "Geriatrische Onkologie".

Bei alten Patienten hilft ein geriatrisches Assessment, um die individuelle therapeutische Belastbarkeit abzuschätzen.

Bei alten Patienten hilft ein geriatrisches Assessment, um die individuelle therapeutische Belastbarkeit abzuschätzen.

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All diese Besonderheiten und der Mangel an Erkenntnissen aus klinischen Studien für diese Altersgruppe tragen zur Unsicherheit darüber bei, welche therapeutische Vorgehensweise angemessen ist, um sowohl eine Über- als auch eine Unterbehandlung zu vermeiden.

Um Behandlungsbarrieren abzubauen, sei es notwendig, spezifische Studien mit älteren Patienten aufzulegen, wie eine Metaanalyse von vier Studien zur Therapie bei metastasiertem nicht-kleinzelligem Bronchial-Ca verdeutlicht hat: In diesen altersspezifischen Studien wurden signifikant mehr alte und hochbetagte Patienten sowie solche mit eingeschränktem Allgemeinzustand behandelt als in nicht altersspezifischen Studien. Zudem war die Therapie in den altersspezifischen Studien mit signifikant weniger Nebenwirkungen und Toxizitäten verbunden, ohne dass dadurch die Effizienz beeinträchtigt wurde.

Allerdings wurden in derzeit laufende Studien in erster Linie fitte ältere Kranke einbezogen. Studien mit abgestuftem Therapiekonzept für Subgruppen (eingeteilt nach einem geriatrischen Assessment in fitte, eingeschränkt therapiefähige und gebrechliche Patienten) gibt es bisher nicht, so die Autoren. Mit Hilfe eines geriatrischen Assessments, wie es zum Beispiel die Arbeitsgruppe Geriatrische Onkologie der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie erarbeitet hat, kann die individuelle therapeutische Belastbarkeit abgeschätzt werden.

Ein weiterer Schritt, um valide Erkenntnisse zur Therapie bei über 70-jährigen Patienten zu gewinnen, ist die Erfassung von Daten in prospektiven klinischen Patientenregistern - zum Beispiel im IN-GHORegister. (mar)

Zu dem Modul "Geriatrische Onkologie" (nur für Fachkreise)

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