Betrug mit Krebsmitteln

Aufklärung für Ärzte schwierig

Ein Bottroper Apotheker soll Krebsmittel absichtlich zu niedrig dosiert haben. Nun ist die Frage: Welche Patienten sind betroffen? "Die Aufklärung ist extrem schwierig", fürchtet KVWL-Chef Dryden.

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DORTMUND.Wenn Apotheker Krebsmedikamente oder andere Rezepturen panschen, haben behandelnde Ärzte kaum Chancen zu prüfen, inwieweit ihre eigenen Patienten davon betroffen sind. Darauf hat der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Dr. Wolfgang-Axel Dryden aufmerksam gemacht.

Er nahm Stellung zu dem Fall des 46-jährigen Apothekers aus dem westfälischen Bottrop, der unter dem Verdacht steht, Krebsmedikamente zu niedrig dosiert und Hygiene-Regeln missachtet zu haben (wie kurz berichtet).

Dem Pharmazeuten, der in Untersuchungshaft sitzt, wirft die Staatsanwaltschaft Essen vor, in mindestens 40.000 Fällen Infusionen zur Krebsimmuntherapie abweichend von den individuellen durch die Ärzte vorgegebenen Rezepturen zu gering dosiert zu haben. Den Kassen soll er aber die volle Dosis in Rechnung gestellt haben, der wirtschaftliche Schaden wird mit 2,5 Millionen Euro beziffert.

Große Verunsicherung

Die Vorgänge haben bei Krebspatienten aus der Region zu einer massiven Verunsicherung geführt. "Ich befürchte, dass die Aufklärung von Einzelschicksalen extrem schwierig, wenn überhaupt durchführbar ist", sagte Dryden. Gefragt seien jetzt vor allem die Ermittlungsbehörden, die jede einzelne Dokumentation prüfen müssten. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben die Betriebs- und Privaträume des Apothekers durchsucht und Beweismittel sichergestellt.

Es sei allerdings unklar, ob der Weg jedes einzelnen Arzneimittels von der Apotheke zum Patienten und die Bedeutung für jede einzelne Therapie nachvollziehbar seien, betonte Dryden. "Es ist schwer festzustellen, wer ein unterdosiertes Medikament erhalten hat und welchen Einfluss das auf den jeweiligen Krankheitsverlauf hat."

Der KVWL-Chef relativierte damit Äußerungen der nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne), dass verunsicherte Patienten sich an ihre behandelnden Ärzte wenden sollten. "Wir Ärzte wissen nicht, was die Patienten bekommen haben", betonte er.

Ihnen sei nicht bekannt, wer das jeweilige Medikament hergestellt hat. In Nordrhein-Westfalen gibt es nur wenige Apotheker, die Krebsimmuntherapeutika herstellen können. Bei ihnen bestellen in der Regel öffentliche Apotheken die Rezepturen, die Patienten verordnet werden. Das macht die Rückverfolgung extrem schwierig.

Zudem könnten die Ärzte nicht feststellen, ob der unter Verdacht stehende Apotheker die Medikamente tatsächlich in jedem Einzelfall gestreckt hat, sagte Dryden.

Patientenschützer: Ermittlungen ausweiten

Dryden befürchtet, dass es durch die kriminelle Energie eines Einzelnen zu einem erheblichen Vertrauensverlust in die Apothekerschaft kommen könnte. Angesichts der Vorgänge stellt sich für ihn zudem die grundsätzliche Frage, ob die Konzentrationsprozesse im Markt der Arzneimittelversorgung wirklich zweckdienlich sind.

Unterdessen fordern Patientenschützer eine Ausweitung der Ermittlungen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verlangt Untersuchungen wegen des Verdachts der Körperverletzung und der Körperletzung mit Todesfolge.

Das Landeszentrum Gesundheit NRW unterstütze die Ermittler durch Analysen von sichergestellten Medikamentenproben. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt – allerdings geht es dabei bislang nur um Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz. Die Behörde habe das Thema Körperverletzung aber im Blick, heißt es. (iss mit Material von dpa)

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