Studie der Bertelsmann Stiftung
Delegation: Produktivitätsgewinn für die Praxis – Versorgungssicherheit für die Region
Rezept gegen den Landärztemangel: Bei Delegation in größtmöglichem Stil können Primärversorger ganz erheblich Arztzeit kompensieren.
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Der Klassiker im NäPA-Repertoire. Doch qualifizierte Assistenzkräfte können mehr als Hausbesuch.
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Hamburg/Gütersloh. Wie viel hausärztliche Vollzeitkapazität ließe sich durch konsequente Delegation an qualifizierte, nicht-ärztliche Assistenzkräfte aufwiegen? Die Antwort, die das Beratungsunternehmen Optimedis im Auftrag der Bertelsmann Stiftung anhand zweier realer Praxisbeispiele ermittelt hat: wenigstens rund zwei Drittel. Die Fragestellung ist zwar vorrangig von versorgungspolitischen Überlegungen motiviert – „Hausärztemangel beseitigen: Nicht-ärztliches Personal sollte mehr Aufgaben übernehmen“ –, doch aus betriebswirtschaftlicher Mikroperspektive ebenfalls interessant.
Für ihre Kalkulation haben die Analysten zwei Leuchttürme der Praxislandschaft unter die Lupe genommen: Das MVZ Birkenallee in Papenburg (Emsland) und die Gemeinschaftspraxis Hausärzte am Spritzenhaus in Baiersbronn (Nordschwarzwald). In beiden Betrieben ist Delegation eine tragende Säule – wenngleich strukturell unterschiedlich. Besonders beeindruckend in Papenburg, wo mit fast 3.200 Patienten je Arzt (Vollzeitäquivalent, Q1/2025) ein Mehrfaches der, wie versichert wird, durchschnittlichen Behandlungsfälle je Arzt (1.084) eines „konventionell organisierten“, direkt oder indirekt kommunal geführten ländlichen MVZ bewältigt werden.
Unterschiedliche Praxen – ähnlicher Entlastungseffekt
Diese Differenz könne „nicht durch eine höhere Produktivität der Ärztinnen und Ärzte allein erklärt werden, sie erklärt sich erst durch die systematische Delegation an Physician Assistants und NäPA“, heißt es. Im MVZ Birkenallee waren zum Zeitpunkt der Erhebung vollzeitäquivalent vier Ärzte, elf Physician Assistants und drei NäPA tätig. Auch in Baiersbronn (3,6 Ärzte, 1,2 PA und 4,5 NäPA) liegt die Produktivität mit rund 1.800 Fällen im Berichtsquartal weit über den Vergleichspraxen.
In Papenburg gingen in die Berechnungen delegationsfähige EBM-Leistungen (insbesondere Geriatrie, Hausbesuche, Wundversorgung) sowie sechs weitere medizinische Leistungen ein, die im EBM in Pauschalen versteckt sind (unter anderem etwa DMP-Verlaufskontrollen, Infusionstherapie oder ADHS-Testungen Erwachsener). Hinzuaddiert wurde noch der Assistenten-Anteil an Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben. Insgesamt ergibt sich daraus für die 14 Delegationskräfte des MVZ-Verbunds ein „Entlastungsvolumen von 8,2 bis 9,7 Arzt-Vollzeitstellen“.
Einschließlich weiterer Übernahmen (Aufklärung, Beantwortung von Patientenfragen) sei davon auszugehen, resümieren die Optimedis-Autoren, „dass weitergebildete Praxisassistenzberufe nach dem Modell des MVZ Birkenallee unter ärztlicher Supervision im Schnitt rund 65 Prozent des ansonsten erforderlichen Zeitvolumens von Hausärztinnen und -ärzten ersetzen können“.
Im Süden der Republik werden ähnliche Werte erreicht. Obwohl beide Praxisbetriebe nicht eins zu eins vergleichbar sind. So zeige die BAG in Baiersbronn ein „deutlich fokussierteres Leistungsprofil“ – etwa hinsichtlich Chronikerbetreuung, Psychosomatik oder Prävention. Dort sei man „stärker gesprächs- und betreuungsorientiert“ während im Norden in Kooperation mit Fachpraxen und Kliniken sogar „ein erhebliches Maß diagnostischer Leistungen“ erbracht werde, „die aufgrund des Hausarztstatus‘ der Praxis nicht KV-abrechnungsfähig sind“.
Lernkurve zu erwarten
Außerdem habe man am Spritzenhaus einen „sehr hohen HzV-Anteil“, die Labordiagnostik komplett an eine Laborgemeinschaft ausgegliedert und erziele Rationalisierungseffekte auch mittels Digitalkompetenz, die sich beispielsweise in einer selbst entwickelten Patienten-App niederschlägt.
Während hier die 1,2 Physician Assistants (eine Vollzeitkraft und ein PA-Student, der mit 20 Prozent angesetzt wird) Akuttermine, Verlaufskontrollen und Präventionsleistungen übernehmen sowie in der Chronikerversorgung unterstützen, sind die nicht-ärztlichen Assistenten („VERAH“) vor allem für Hausbesuche (Routine- und Akutanlässe), Wundversorgung, technische Diagnostik sowie Kontrollen im DMP-Kontext zuständig. Insgesamt veranschlagt Optimedis für Baiersbronn eine Versorgungskapazität je Delegationskraft zwischen 60 und 71 Prozent einer Hausärztin oder eines Hausarztes in Vollbeschäftigung.
Zusammenfassend heißt es, über beide Innovationspraxen gemittelt betrage „die durchschnittliche Entlastung auf Delegationskräfte (PA/NäPA) bezogen circa 65 Prozent einer Vollzeit-Arztstelle“. Delegationsanteile in ländlichen Standard-MVZ lägen weit darunter – im Leistungsbereich Geriatrie etwa nur bei zehn Prozent, in der technischen Diagnostik bei fünf Prozent oder 15 Prozent bei Hausbesuchen.
In Zukunft sei, idealtypische Arbeitsteilung vorausgesetzt, wohl mit noch höherem Entlastungspotenzial zu rechnen: Mittelfristig prognostiziert Optimedis wenigstens 70 Prozent eines vollbeschäftigten Arztes, bei weiter zunehmender Teilzeitquote unter Medizinern sogar 80 Prozent, „da über die nächsten Jahre von einem Produktivitätszuwachs, einem Erfahrungslernen und insbesondere von einer erhöhten digitalen Unterstützung ausgegangen werden muss“. (cw)








