Interview mit Biogen Deutschland-Chef

Die Neurologie wird die neue Onkologie

Die Präzisionsmedizin wird für die Neurologie immer interessanter. Davon ist Dr. Wolfram Schmidt, Deutschland-Geschäftsführer von Biogen, überzeugt. Bei der Behandlung der spinalen Muskelatrophie spricht er von einer Sprunginnovation – und in puncto Alzheimer-Forschung will Biogen am Ball bleiben.

Von Wolfgang van den BerghWolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
Dr. Wolfram Schmidt (li.): Appell für faire Preise. Hier im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh.

Dr. Wolfram Schmidt (li.): Appell für faire Preise. Hier im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh.

© ANDREAS ZITT

Ärzte Zeitung: Fast auf den Tag genau ist es zwei Jahre her, dass Biogen die EMA-Zulassung für Nusinersen zur Behandlung der spinalen Muskelatrophie (SMA) bekommen hat. Biogen sprach damals von einem Durchbruch. Hat sich das bewahrheitet?

Dr. Wolfram Schmidt: Und ob sich das bewahrheitet hat! Seit Einführung von Spinraza® ist nichts mehr so, wie es einmal war. Bis vor zwei Jahren konnten Kinder mit SMA weder sitzen noch laufen. Im späteren Verlauf der Erkrankung konnten sie nicht einmal eigenständig atmen.

Heute entwickeln sich solche Kinder nahezu normal. Das bestätigen jetzt auch aktuell die Ergebnisse der Phase-II-Studie NURTURE. Ja, man kann von einem medizinischen Durchbruch sprechen. Und darauf sind wir auch ein bisschen stolz.

Dr. Wolfram Schmidt

  • Aktuelle Position: Seit Juli 2018 Geschäftsführer der Biogen GmbH in Ismaning
  • Ausbildung: Studium der Chemie an den Universitäten Ulm und Bayreuth; Promotion
  • Karriere: Schmidt begann seine berufliche Laufbahn als Pharmareferent bei Boehringer Ingelheim, bevor er bei Merck Sharp & Dohme (MSD) in verschiedenen Managementpositionen weltweit operative Verantwortung übernahm. Vor seinem Wechsel zu Biogen war er in verschiedenen Führungspositionen bei Roche, zuletzt als Global Head of Biologics Strategy bei der Roche AG in Basel tätig. Davor war er Geschäftsführer bei Roche Pharma in Österreich und vorher in gleicher Position bei Roche Pharma Finnland.

Und wie sieht es beim Einsatz von Spinraza® bei Teenagern und Erwachsenen aus? Haben Sie den Evidenzbeleg liefern können?

Schmidt: Wir haben bis heute über 7500 Patienten mit dem Wirkstoff behandelt – in allen Altersklassen und in allen Schweregraden. Wir erwarten noch in diesem Monat erste Therapieempfehlungen von den Experten aus deutschen Fachzentren, die sich vor allem mit den adulten SMA-Patienten beschäftigt haben. Was wir jetzt schon wissen ist, dass wir in dieser Altersklasse nicht nur die angestrebte Stabilisierung, sondern sogar häufig eine Verbesserung erreichen können.

Verfolgt man die Presse, dann ist die Diskussion über den hohen Preis des Arzneimittels nie ganz verstummt. Was halten Sie dem entgegen?

Der Ursprung des Erfolges von Spinraza® geht 40 Jahre zurück. Das war die Zeit der Firmengründer, übrigens beide Nobelpreisträger, die die Grundlage für diese Forschung gelegt haben: das heißt 40 Jahre intensive Forschung mit einem enormen Studienaufwand, mit Erfolgen und mit Rückschlägen. Im AMNOG-Prozess hat Spinraza® als erstes Orphan Drug einen erheblichen Zusatznutzen zugesprochen bekommen.

Und Sie wissen, wie schwer das ist, aufgrund der geringen Patientenzahlen, so starke Daten zu liefern. Das ist nur möglich mit einem enormen Aufwand und höchster Qualität. Ich bin überzeugt, dass der Preis für Spinraza® den Nutzen und den Wert, den diese Sprunginnovation bringt, fair abbildet.

Heißt das übersetzt, dass die Innovationskraft pharmazeutischer Unternehmen in Deutschland nicht mehr Wert geschätzt und das Risiko zu scheitern ausgeblendet wird?

Schmidt: Nach zehnjähriger Tätigkeit im Ausland bin ich seit einem Jahr wieder in Deutschland. Bei allen Vergleichen mit anderen Ländern bietet unser System die Möglichkeit, Innovationen zu fördern und zu unterstützen. Das muss man fairerweise zugestehen. Allerdings sehe ich für die Orphans dunkle Wolken am Horizont aufziehen.

Just zu diesem Zeitpunkt geht das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) bei den Orphans teilweise in die falsche Richtung – übrigens auch gegen den erklärten europäischen Willen, Orphan Drugs zu fördern.

Inwiefern?

Schmidt: Es geht um Preisabschläge, die selbst bei Präparaten vorgenommen werden sollen, die zwar einen Zusatznutzen haben, der allerdings wegen fehlender Daten noch nicht quantifizierbar ist. Wenn das so ausgelegt wird, wie es geschrieben steht, dann fördern wir nicht mehr die Innovation, und es wird weniger Forschung stattfinden.

Sie haben es angesprochen, immer kleinere Subgruppen bedeuten, dass es immer schwieriger wird, den Evidenzbeleg zu liefern. Hier gibt es die Tendenz, zusätzliche Daten zuzulassen. Die Rede ist von Registerdaten und Real-World-Evidenz?

Schmidt: Das ist eine gute Entwicklung, Registerdaten und Real-World-Evidenz in die Bewertung mit einzubeziehen. Wie so oft steckt der Teufel im Detail, wenn es darum geht, welche Kriterien gelten sollen, um einen Zusatznutzen zugesprochen zu bekommen.

Was wäre hier wichtig?

Schmidt: Drei Dinge: Wir sind zur Zusammenarbeit bereit, um diese Kriterien gemeinsam mit den HTA-Organisationen zu entwickeln. Zudem sollten die Kriterien so gestaltet sein, dass sie auch international akzeptiert werden. Um eine valide Aussage treffen zu können, müssen wir über die Grenzen Deutschlands hinaus vernetzte Register oder Real-World-Evidenz aufsetzen. Schließlich müsste ein Zusatznutzen auf der Grundlage solcher Daten auch einmal anerkannt werden.

Biogen bezeichnet sich als der „Pionier in der Neurowissenschaft“. Inwiefern trifft das auf die Indikationen Multiple Sklerose (MS) und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) zu?

Sie spüren heute noch in der Firma den Pulsschlag und das Herz der Gründer. Biogen ist das am längsten bestehende unabhängige Biotech-Unternehmen auf der Welt. Nehmen Sie das Beispiel MS. Wenn sie als Arzt vor 20 Jahren den Menschen die Diagnose überbringen mussten, dann war das assoziiert mit Rollstuhl, Behinderung, Depression und oftmals auch mit frühem Tod.

Heute gibt es ein ganzes Portfolio an Medikamenten, das Ärzten zur Verfügung steht. Über 40 Prozent der MS-Patienten profitieren weltweit von einem Medikament aus der Biogen-Forschung. Das gleiche hoffen wir, auch bei ALS, Alzheimer, Parkinson und anderen Indikationen zu erreichen.

Welches Potenzial steckt da noch in der Pipeline?

Schmidt: Die Biogen-Pipeline umfasst derzeit 25 Programme mit dem großen Schwerpunkt auf Neurologie und Hirnforschung. Allein seit 2017 sind 18 neue Programme hinzugekommen. Sie umfassen neueste Wirkmechanismen und Technologien in der gesamten Breite der Neurologie und Elementen der Immunologie sowie Ophthalmologie.

Von MS, Parkinson, ALS, Alzheimer bis hin zu Schlaganfall, genetischen Augenerkrankungen sowie systemischem Lupus. Übrigens: In den vergangenen zehn Jahren haben wir jeweils rund 20 Prozent unseres Umsatzes in Forschung reinvestiert – und sind übrigens auch in Deutschland mit über 20 aktiven klinischen Studien präsent.

Beim Thema Alzheimer-Forschung reißen die Hiobsbotschaften nicht ab – leider. Vor zwei Jahren hatte Biogen sechs Wirkstoffe in unterschiedlichen Entwicklungsstadien in der Pipeline. Jetzt gab’s den Rückschlag mit Aducanumab. Was nun?

Schmidt: Unsere Antwort darauf ist: weitermachen! Wir hatten sechs Programme im Alzheimer-Bereich. Damit sind wir führend in der Alzheimer-Forschung. Ja, wir hatten jetzt einen Rückschlag. Manche behaupten, dass zwölf Jahre Forschung an der Amyloid-These verloren sind.

Als ausgebildeter Forscher sehe ich das anders: Wir lernen sehr viel aus diesen Misserfolgen und müssen nach vorne schauen. Wir stehen zu unserem Versprechen, dass wir Menschen mit dieser schlimmen Erkrankung eines Tages werden sehr gut behandeln können.

Das heißt, Sie bleiben am Ball und verfolgen die unterschiedlichen Ansätze in der Forschung weiter?

Schmidt: Ja, absolut.

Gibt es dazu eine klare strategische Ansage aus dem Headquarter, die auch die Anleger beruhigen kann?

Schmidt: In der Tat erhalte ich derzeit Fragen, ob wir denn überhaupt noch Investoren für diese Forschung bekommen. Dazu muss man das Geschäftsmodell verstehen. Das heißt, wir müssen heute das Geld verdienen und die Ressourcen dafür schaffen, um die Forschung für die Therapie von morgen zu finanzieren. Und das geht nur, wenn man wirtschaftlich arbeitet und jahrzehntelange Forschungsanstrengungen dann fair bezahlt.

Welche Rolle spielt dabei auch Ihre Forschung an Biosimilars?

Schmidt: Eine wichtige. Wir sehen uns als verantwortlichen Gesundheitspartner im System. Wenn wir auf der einen Seite wertvolle und hoch potente Innovationen auf den Markt bringen, um damit schwerst kranken Patienten zu helfen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass die Mittel zur Verfügung stehen.

Beispiel Rheumatologie: Hier haben wir das gesamte Portfolio mit drei Biosimilars-TNFalpha-Blockern, die heute schon vielen tausenden Patienten helfen und zugleich ein Einsparungspotenzial von Hunderten von Millionen Euro pro Jahr in Deutschland haben. Ich will nicht verschweigen, dass es im GSAV Entwicklungstendenzen bei den Biosimilars gibt, die wir kritisch sehen.

Welche?

Schmidt: Es geht um die für 2022 vorgesehene Substitution in der Apotheke. Wenn der Gesetzgeber hier dem Arzt die Entscheidungsfähigkeit wegnimmt, haben wir ein Problem. Zudem sehe ich die Gefahr, dass wir dann weniger Wettbewerb haben und Firmen sich möglicherweise aus dem Biosimilar-Markt zurückziehen werden.

Biogen gehört mit zu den Treibern von Entwicklung und Forschung in einer Zeit, in der der Wandel in der Medizin rasant voranschreitet. Stichwort Präzisionsmedizin. Hier reden wir oft über die Onkologie. Welche Chancen ergeben sich hier für die Neurowissenschaften?

Schmidt: Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr intensiv mit der Onkologie beschäftigt und mein Herz schlägt für die Präzisionsmedizin. Wir sprechen heute in unserem Unternehmen darüber, dass die Neurologie die neue Onkologie sein wird. Die Neurologie ist dort, wo die Onkologie vor 15 Jahren war.

Was Sie heute in der Onkologie mit Genomic Profiling machen, indem sie Genmutationen des Tumors über die Welt hinaus matchen können, auf der Suche nach anderen Patienten mit vergleichbaren Mutationen, wird es auch schon bald in der Neurologie geben.

Dabei ist die Konzentration auf Biomarker der richtige Weg. Es gibt bei uns im Haus eine Forschergruppe, die sich damit beschäftigt, Krankheiten besser und frühzeitiger zu identifizieren und zu individualisieren. Darüber hinaus würde Genomic Profiling auch bei den vielen genetisch bedingten neurologischen Erkrankungen Sinn ergeben.

Wo sehen Sie in den Neurowissenschaften das größte Erfolgspotenzial für Patienten?

Schmidt: Ich bin der Meinung, dass wir in den etablierten Indikationen beginnen müssen. Im MS-Bereich sehe ich großes Potential, insbesondere was den Einsatz telemedizinscher Devices angeht, schneller auf bestimmte Krankheitsepisoden zu reagieren. Das gleiche gilt für Parkinson oder auch andere Indikationen. Eine spannende Entwicklung, die sicherlich auch durch die Digitalisierungsdebatte vorangetrieben wird.

Biogen GmbH

  • Branche: Weltweit führendes Biotechnologie-Unternehmen mit Sitz in Cambridge, USA. Konzentration auf die Bereiche Multiple Sklerose, neurodegenerative Erkrankungen sowie seltene genetische Krankheiten. Biogen verfügt über das umfangreichste Portfolio zur Bekämpfung der Multiplen Sklerose. Im Bereich seltene Erkrankungen hat Biogen ein erstes Medikament gegen spinale Muskelatrophie entwickelt. Im Bereich Alzheimer hat Biogen aktuell mit fünf Wirkstoffen eine der größten Pipelines.
  • Internationaler Umsatz 2018: 13,5 Mrd. US-Dollar
  • Investitionen F&E 2018: 2 Mrd. US-Dollar
  • Mitarbeiter: 350 in Deutschland, weltweit 7900
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