Faktencheck

Früherkennung nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen

Was hat ein Patient von einer Vorsorge-Untersuchung beim Arzt? Reduzierte Erkrankungsrisiken oder vielleicht sogar eine risikoreiche Überdiagnostik?

Von Raimund Schmid Veröffentlicht: 26.11.2019, 16:17 Uhr
PSA-Test in der Praxis: Ein echtes Screening könnte zu Überversorgung führen.

PSA-Test in der Praxis: Ein echtes Screening könnte zu Überversorgung führen.

© Sherry Young / stock.adobe.com

Bad Orb. Der Nutzen von Früherkennungsuntersuchungen wird in der Fachöffentlichkeit immer breiter dargestellt als deren potenzielle Risiken. Bei der practica 2019 nahm Dr. Alfred Haug, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Bremen, daher einen Faktencheck zu gängigen Screening- und Vorsorge-Untersuchungen vor. Sein Fazit: Der Nutzen vieler Screenings werde oft überschätzt, das Risiko falsch-positiver Befunde unterschätzt.

„Die Irrtümer der Ärzte: Nutzen & Risiken häufiger Screening-Untersuchungen“, war das Thema des Workshops, den Haug bei der practica 2019 in Bad Orb angeboten hat. Am Beispiel des Mammografie- und des Prostata-Screenings nahm Haug dabei eine Gesamtbewertung vor. Beispiel Mammografie-Screening:

  • Von 1000 Frauen, die nicht am Screening teilnehmen, sterben fünf an Brustkrebs, von den teilnehmenden Frauen sind es vier. Somit kann das Screening die Aussicht, an Brustkrebs zu sterben, reduzieren.
  • Das Screening reduziert hingegen nicht das Risiko, an irgendeiner Krebsart zu sterben. Denn von 1000 Frauen sterben 22 an Krebs, ganz egal, ob sie am Screening teilgenommen haben oder nicht.
  • Bei vier von fünf Frauen mit Befund ist dieser falsch-positiv. Damit wird mit dem Screening bei 80 Prozent der betroffenen Frauen „falscher Alarm“ ausgelöst, der auch schädliche medizinische Prozeduren zur Folge haben kann (Biopsien, Bestrahlungen, Chemotherapie und Operationen).

Manche wollen Klarheit haben

Unabhängig von der Strahlenbelastung von Mammografie-Untersuchungen über 20 Jahre, die wiederum bei 7 von 100 000 Frauen selbst zu Brustkrebs führen können, ist laut Haug die Chance groß, während dieser Zeitspanne selbst „ein auffälliges (meist falsch) positives Testergebnis zu bekommen.“ Und dennoch sollten Allgemeinärzte in der Praxis gerade bei den Patienten für ein Screening plädieren, die emotional stark belastet sind und schlichtweg Klarheit haben wollen.

Dabei sollten die Hausärzte wie auch die Gynäkologen aber in jedem Fall auch über die Risiken aufklären, was laut Haug gerade bei den Gynäkologen häufig unterbleibt.

Keine Senkung des Sterberisikos

Wie sieht nun aber der Faktencheck zum PSA-Test und zur Tastuntersuchung der Prostata aus?

  • Das Risiko von Männern, an Prostatakrebs zu sterben, ist mit und ohne PSA Test/Tastuntersuchung der Prostata (fast) gleich niedrig oder hoch.
  • Das Sterberisiko insgesamt kann mit dem Screening nicht gesenkt werden.
  • Die Risiken, die vom Screening ausgehen, sind nicht zu unterschätzen: 160 von 1000 Männern werden unnötigerweise biopsiert. 20 von 1000 werden unnötigerweise operiert oder bestrahlt, mitunter mit nicht unbeträchtlichen Nebenwirkungen (Inkontinenz, Impotenz).

Aufgrund dieser Datenlage empfahl Haug den teilnehmenden Allgemeinärzten, in Anlehnung an die Empfehlungen der neuen DEGAM-Leitlinie „Schutz vor Überversorgung“ den PSA-Test selbst im Beratungsgespräch in der Praxis nicht zu thematisieren. Nur wenn der Patient von sich aus nach dem PSA-Test frage, sollte der Hausarzt über Nutzen und Risiken ausgewogen informieren. Wie beim Mammografie-Screening gilt aber auch hier, dass man dann nicht vom PSA-Test abraten sollte, wenn der Patient mit der – vermeintlichen – Klarheit eines Testergebnisses besser leben könne.

160 von 1000 Männern werden nach der Prostata-Vorsorge unnötigerweise biopsiert. 20 von 1000 werden unnötigerweise operiert – bekanntlich mit teilweise beträchtlichen Nebenwirkungen. Diese Zahlen nannte Allgemeinarzt Dr. Alfred Haug in seinem Workshop bei der practica 2019.

Die teilnehmenden Allgemeinärzte des practica-Workshops wiesen aber am Ende auf zwei weitere Einflussfaktoren hin, die für die Entscheidungsfindung pro oder contra Screening eine bedeutende und häufig unterschätzte Rolle spielen.

Wenn von Seiten von engen Freunden und nahen Angehörigen „Druck“ auf den Patienten ausgeübt werde, die Potenziale eines Screenings zu nutzen, sollte sich der betreuende Hausarzt nicht dagegen stemmen, um den Druck auf den Patienten nicht noch weiter zu erhöhen.

Familiäre Vorbelastung ändert alles

Und bei familiärer Vorbelastung für eine bestimmte Krebserkrankung falle die Gesamtbewertung für ein entsprechendes Screening komplett anders aus. Dem konnte sich Haug nur anschließen, zumal bei familiär vorbelasteten Patienten die Rate gerade der falsch-positiven Befunde deutlich reduziert ist.

Um so notwendiger ist es daher, so Haug abschließend, dass Hausärzte ihre Patienten stets durch sachkundige Information in die Lage versetzen sollten, unter Berücksichtigung seiner individuellen Situation selbst eine kompetente Erscheinung Pro oder Contra Vorsorgeuntersuchung zu treffen.

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