Generika-Übernahmekarussell wird schneller

Kurz nach Adolf Merckles Tod wurde bekannt: ratiopharm muss verkauft werden. Doch das Generika-Unternehmen ist nicht das erste seiner Sparte, das den Besitzer wechselt. Einige deutsche Generikaanbieter sind schon durch mehrere Hände gegangen.

Von Bertold Schmitt-Feuerbach Veröffentlicht:

Die israelische Teva, größter Generikahersteller der Welt, ist mit der jetzt abgeschlossenen Übernahme des US-Unternehmens Barr (Platz vier auf der Welkrangliste) noch größer geworden. Teva kommt damit auf einen weltweiten Umsatz von 13,6 Milliarden Dollar (Basis: pro forma 12- Monatswert vom September 2007 bis September 2008).

Mit der Fusion wechselt auch die AWD.pharma in Radebeul bei Dresden den Besitzer. Sie gehört nun zu Teva Deutschland. Die deutschen Teva-Unternehmen sollen zügig zusammengeführt werden. Die neue Teva Deutschland liegt mit ihren Tochterunternehmen nach den Sandoz-, ratiopharm- und Stada-Firmenfamilien sowie betapharm auf Rang fünf der größten Generikaunternehmen in Deutschland.

Ursprünglich aus dem DDR-Kombinat Germed hervorgegangen, kam AWD erst zur Degussa AG, dann wurde das Unternehmen vom kroatischen Generikahersteller

Pliva gekauft, der wiederum von Barr übernommen wurde. Die AWD.pharma ist

nur ein Beispiel für die wachsende Konzentration auf dem Generika-Weltmarkt, die mittelbar oder unmittelbar auch deutsche Generikafirmen betrifft (siehe unten stehende Übersicht).

Bei den Deals mischen auch forschende Pharmaunternehmen mit, in der Vergangenheit vorwiegend als Verkäufer, immer häufiger aber auch wieder als Käufer. Von ihren Generikafirmen getrennt haben sich in den vergangenen Jahren zum Beispiel Bayer (Basics), Pfizer (Heumann) und zuletzt die Merck KGaA in Darmstadt (Merck dura, heute Mylan dura). Andere große forschende Pharmaunternehmen setzen dagegen auf Generika und schaffen sich damit ein zweites Standbein.

Umsatzverfall bei Alt-Originalen

Denn innovative Arzneimittel bringen ihnen nur so lange gute Umsätze, wie die Produkte unter Patentschutz stehen. Nach Patentablauf und der Einführung der ersten Nachahmer gehen die Umsätze drastisch zurück. Im Wettbewerb mit den Generikaherstellern müssen die Originalhersteller ihre Preise senken, gleichzeitig wird ein großer Teil der Patienten auf die generischen Arzneimittel umgestellt. In Deutschland beschleunigen Festbeträge, der Rabattdruck der Krankenkassen und eine mit 85 Prozent besonders hohe Generikaquote diese Entwicklung. In etwa neun von zehn Fällen, in denen ein Nachahmerpräparat mit einem wirkstoffgleichen nicht mehr patentgeschützten Original konkurriert, schreiben Ärzte das Generikum aufs GKV-Rezept. Fast 19 Prozent Umsatzrückgang verzeichnete das Marktforschungsunternehmen Insight Health von Januar bis November des vergangenen Jahres für die Alt-Originale der forschenden Hersteller, während die Umsätze mit Generika um 6,4 Prozent gestiegen sind.

Große forschende Arzneimittelkonzerne, die sich im Generikamarkt engagieren, betreiben das Forschungs- und das Generikageschäft in voneinander getrennten Sparten und Unternehmen, denn die Aufgaben und die verlangten Fähigkeiten unterscheiden sich stark. Generikaanbieter müssen umfangreiche Patentrecherchen betreiben. Von ihnen wird vor allem Schnelligkeit verlangt. Sie müssen dafür sorgen, dass die Genehmigungen der Arzneimittelbehörden rechtzeitig vorliegen und die Arzneimittel rechtzeitig produziert und konfektioniert sind, um pünktlich zum Patentablauf des Originals im Markt zu sein.

Dieses Geschäft betreibt zum Beispiel Sandoz erfolgreich. Unter diesem Namen firmiert die weltweit tätige Generikasparte des forschenden schweizerischen Pharmakonzerns Novartis. Sandoz hat 2005 den Brüdern Dr. Andreas und Dr. Thomas Strüngmann Hexal, nach Umsatz die Nummer eins im deutschen Generikamarkt, abgekauft und damit seine Stellung im Weltmarkt deutlich ausgebaut. Die Sandoz-Gruppe, die heute ihre internationale Unternehmenszentrale am Sitz von Hexal in Holzkirchen hat, steht auf Platz zwei der Generika-Weltrangliste.

Forschende Konzerne treten jetzt als Käufer auf.

Sein Debüt im Generikamarkt gibt gerade Daiichi-Sankyo. Der japanische Arzneimittelkonzern hat im November eine Aktienmehrheit von knapp 64 Prozent am größten indischen Pharmakonzern Ranbaxy erworben. Ranbaxy exportiert in 125 Länder, unterhält Niederlassungen in 46 Staaten und Produktionsstätten in sieben Ländern. 2007 wurde ein Umsatz von rund 1,6 Milliarden Dollar ausgewiesen. Das Unternehmen gehört zu den zehn größten Generikaherstellern der Welt. In Deutschland ist Ranbaxy über ihre Tochter Basics vertreten, dem ehemaligen Generikabereich von Bayer.

Auch Sanofi-Aventis engagiert sich im internationalen Generikamarkt. Der Konzern will den tschechischen Hersteller Zentiva übernehmen. Das deutsche Generikageschäft von Sanofi-Aventis betreibt Winthrop Arzneimittel. Ein Grund für die Fusions- und Übernahmewelle im Generikamarkt ist auch, dass die Unternehmen mehr Investitionen stemmen müssen, um erfolgreich zu sein.

Hohe Investitionen für Biosimilars

Denn längst geht es nicht mehr nur darum, chemisch-synthetisierte Wirkstoffe nachzubauen. Mit dem Patentablauf von immer mehr Biopharmazeutika entsteht ein ganz neuer Markt. Diese auf lebenden Zellen beruhenden Arzneimittel sind sehr viel schwieriger nachzuahmen als chemische Substanzen. Für diese Generikaklasse hat sich in der EU der Begriff Biosimilars durchgesetzt. Für sie gelten sehr viel höhere Zulassungsanforderungen als für die klassischen Generika. Nur potente Unternehmen können in diesem Geschäft erfolgreich sein. In der Entwicklung von Biosimilars stehen Unternehmen wie Sandoz/Hexal, Stada und die jetzt zum Verkauf stehende ratiopharm ganz vorne.

Solche Engagements sind für die Unternehmen auch deshalb essenziell, weil sich das Umsatzwachstum im Generikasegment insgesamt verlangsamt hat. Nach Angaben des international tätigen Marktforschungskonzerns IMS Health haben die weltweiten Umsätze im Zwölfmonatszeitraum per Ende September 2008 nur noch um 3,6 Prozent zugenommen. In der gleichen Vorjahreszeit waren es noch über elf Prozent.

Eigentümerwechsel im deutschen Generikamarkt
Transaktionen in letzten drei Jahren
Unternehmen Heutiger Eigentümer Frühere Eigentümer
Actavis Deutschland GmbH
(Generikalinie ISIS/Puren)
Actavis (Island) Alpharma (USA), davor Schwarz Pharma
AWD.pharma GmbH Teva (Israel) Barr (USA), davor Degussa
Basics GmbH Daiichi Sankyo, mehrheitlich (Japan) Ranbaxy (Indien), davor Bayer
betapharm Arzneimittel GmbH Dr. Reddys (Indien) 3i (GB), davor Familie Strüngmann
Heumann Pharma GmbH Torrent (Indien) Pfizer (USA)
Hexal AG Sandoz / Novartis (D/CH) Familie Strüngmann
Mylan dura GmbH (ehem. Merck dura) Mylan (USA) Merck KGaA
Quelle: PMS Pharma Marketing Service, Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG
Die Generikaindustrie ist international heterogener strukturiert als die forschende Pharmaindustrie. Europa und die USA sind weniger dominant. Eine wichtige Rolle spielen zum Beispiel indische Konzerne.
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