WHO-Liste

In-vitro-Diagnostika: Treiber für eine gesündere Welt oder doch nur ein Papiertiger?

Die Weltgesundheitsorganisation hat eine Liste mit 113 essenziellen In-vitro-Diagnostik-Tests zur Bekämpfung von Infektions- und anderen Krankheiten erstellt. Diese sollen vor allem Entwicklungsländern helfen. Nur eine schöne Vision?

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
In ländlichen Gegenden mit rudimentären Gesundheitsinfrastrukturen fehlt es oft auch an Diagnostika.

In ländlichen Gegenden mit rudimentären Gesundheitsinfrastrukturen fehlt es oft auch an Diagnostika.

© littlebell / stock.adobe.com

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer kranken an maroden, defizitären und teils auch korrupten Gesundheitssystemen, die ein effektives und effizientes Patientenmanagement schlicht unmöglich machen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: schlecht ausgebildetes und entlohntes Personal – einschließlich der Ärzte –, vor allem in ländlichen Gegenden rudimentäre Gesundheitsinfrastrukturen und nicht zuletzt Materialknappheit an Medizinprodukten, Arzneien und auch Diagnostika.

Letztere spielen nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine zentrale Rolle im Kampf gegen übertragbare wie auch nicht-übertragbare Krankheiten. Kurz vor ihrer gegenwärtig in Genf tagenden 71. Weltgesundheitsversammlung (WHA) hat die WHO erstmals eine Liste mit 113 essenziellen In-vitro-Diagnostika (IVD) veröffentlicht. 58 Tests dienen dabei der Diagnose häufiger Erkrankungen – sie bilden die Basis für Screenings oder das Patientenmanagement. Die restlichen 55 Tests dienen der Diagnostik weit verbreiteter Infektionskrankheiten wie HIV, Tuberkulose, Malaria, Hepatitis B und C, HPV oder auch Syphilis.

Unverbindliche Zahlenspielerei

Das höchste Entscheidungsgremium der Weltgesundheitsorganisation soll nach dem Willen des WHO-Generaldirektors Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus den Allgemeinen Handlungsrahmen der Organisation für den Zeitraum 2019 bis 2023 (GWP13) abnicken. Dieser ist verbunden mit drei strategischen Zielen, der sich die WHO bis 2023 fokussiert widmen soll. Dazu gehört, wie Tedros in einer Rede im Vorfeld der WHA ankündigte, einer Milliarde Menschen Zugang zu einer Universal Health Coverage (UHC) zu ermöglichen. Unter UHC wird der Zugang für alle Menschen in einem Land zu qualitätsgesicherten Dienstleistungen im Gesundheitswesen mittels einer universellen Gesundheitsabsicherung verstanden.

Die WHO kann ihren Mitgliedstaaten dabei allerdings nur empfehlen, ihre jeweiligen Gesundheitssysteme am UHC-Modell auszurichten, sie kann keine Sanktionen mit Steuerungswirkung verhängen, wie sie zum Beispiel als internationales Druckmittel gegen das Regime von Kim Jong-un in Nordkorea eingesetzt werden. Insofern ist die Tedros-Milliarde als Zielvorgabe nichts als unverbindliche Zahlenspielerei. Da viele Entwicklungsländer selbst als Patient am Tropf internationaler Hilfsgelder hängen, fehlt ihren Regierungen zum Großteil auch der aktive Gestaltungswille für ein stabiles und funktionierendes Gesundheitssystem – nepotistische Strukturen in Politik und Wirtschaft sowie ein weitverbreitetes Desinteresse am Wohlergehen der eigenen Bevölkerung verstärken diese Lethargie zudem.

Nach der Definition der Weltbank sind ärmste Länder Staaten mit einem Bruttonationaleinkommen von maximal 1045 US-Dollar pro Kopf und Jahr, wie Guinea, Liberia und Sierra Leone, arme Länder sind mit einem Bruttonationaleinkommen zwischen 1046 und 4125 US-Dollar je Kopf und Jahr definiert – Indien, Indonesien oder Myanmar zählen zu dieser Gruppe.

Mit dem Kongo holt die Realität die WHO ein

Die Arbeit, die sich die WHO-Experten mit dem Erstellen der IVD-Liste gemacht haben, ist generell lobenswert, sie offenbart aber auch Schwächen – das zeigt der jüngste Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo. Mit einer raschen Diagnostik und damit einer schnellen Reaktion auf eine potenzielle Gesundheitskatastrophe – eine große WHO-Baustelle nach deren Versagen bei der Ebola-Pandemie in Westafrika zwischen 2013 und 2016 – könnte das nationale Gesundheitssystem – mit internationaler Unterstützung – ein effektives Epidemie-Management betreiben. Ein entsprechender IVD-Test auf Ebola ist in der Liste allerdings nicht enthalten.

Sie legt den Fokus auf Infektionskrankheiten, die vor allem afrikanische, aber auch südasiatische Länder im Griff haben – wie zum Beispiel Malaria. Der Malaria-Ausrottung sind IVD-Schnelltests sehr dienlich, wie zum Beispiel die Bill&Melinda Gates Foundation hinweist, die die Infektionskrankheit im Rahmen ihrer 2013 gestarteten Kampagne "Accelerate to Zero" weltweit eradizieren will. Die Ausrottung hängt laut Stiftung von Strategien ab, die auf lokaler und regionaler Ebene entwickelt und umgesetzt werden – unter Einbindung moderner IVD. Das Werkzeug hat die WHO mit ihrer IVD-Liste philanthropischen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen an die Hand gegeben – nun muss bei den adressierten Staaten ernsthaftes Interesse geweckt werden, zusammenzuarbeiten.

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