Perspektive MFA

Junger Syrer wagt den Schritt in die Praxis

Glück im Unglück brachte den jungen Syrer Ahmad Abbas vor vier Jahren nach München: Er musste wegen Kriegsverletzungen operiert werden. Nun tritt er die Ausbildung zum MFA an.

Von Christina Bauer Veröffentlicht:
Im Herbst startet Ahmad Abbas seine Ausbildung zum MFA. Seinen neuen Chef hat er über den Syrischen Friedenschor kennengelernt.

Im Herbst startet Ahmad Abbas seine Ausbildung zum MFA. Seinen neuen Chef hat er über den Syrischen Friedenschor kennengelernt.

© Mónica Garduño

MÜNCHEN. Ahmad Abbas hat mehr als eine besondere Eigenschaft. Das gilt auch für die MFA-Ausbildung, die der 21-jährige Syrer ab September an der HNO-Praxis von Dr. Gottfried Feuchtgruber und Kollegen im Westen Münchens beginnt.

Sind männliche MFA schon selten, mit einem Anteil von zwei Prozent, gilt das für arabische umso mehr.

Abbas indes stört die Aussicht, als einziger Mann bald das MFA-Team zu erweitern, gar nicht. "Ich finde das gut", sagt er. Das einwöchige Praktikum in der Praxis im März fand er sehr interessant, die Ärzte und Kolleginnen nett und hilfsbereit.

Schnupperpraktikum hat überzeugt

Besonders das Organisieren und die Kommunikation gefallen ihm. Seine Arabisch-Kenntnisse konnte er schon in dieser einen Woche einsetzen, als eine Patientin aus seinem Kulturkreis einen Termin wahrnahm. Abbas freut sich, dass er ihr den Praxisbesuch leichter machen konnte. Der junge Syrer weiß, dass es gerade bei muslimischen Frauen Grenzen zu beachten gilt. "Bei sehr intimen Themen könnte ich nicht übersetzen, aber bei allen anderen schon."

Dr. Gottfried Feuchtgruber leitet zusammen mit Dr. Engelbert Fiehl die HNO-Gemeinschaftspraxis und das übergreifende Facharzt-MVZ. Es ist ihm ein Anliegen, jungen Leuten mit Migrations- oder Fluchthintergrund eine berufliche Perspektive zu bieten.

Er hat damit gute Erfahrungen gemacht. Bei den MFA-Auszubildenden war schon genauso eine Angehörige der serbischen Roma und Sinti dabei wie eine junge Afrikanerin. Von den Patienten stammen ebenfalls viele aus anderen Ländern.

Abbas ist nun der erste männliche Auszubildende in der Praxis. "Er geht sehr einfühlsam mit den Patienten um", stellt Feuchtgruber fest, "gerade auch wegen seiner eigenen schweren Erfahrungen und Gesundheitsprobleme." Die beiden begegneten sich über ein von Abbas mit viel Engagement gehegtes Hobby.

Er gründete 2014 den Syrischen Friedenschor, der seitdem deutschlandweit auftritt, wirkt außerdem in Opernproduktionen von Zuflucht Kultur e.V. mit. Im Sommer 2015 sang der Chor beim Fest eines Arztes. Dort kam Abbas mit Feuchtgruber ins Gespräch, der ihm einen Ausbildungsplatz anbot. Im Juni konnte er nun seinen Vertrag unterschreiben.

Erste Station: Klinik im Libanon

Wie viele seiner Landsleute verließ auch er seine Heimat wegen des seit 2011 andauernden Krieges, gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Hanadi. Die Geschichte der beiden war eine besondere: Nach einem Granatenangriff auf ihre Heimatstadt al-Qusayr im Westen Syriens wurden sie von Mitgliedern der Freien Syrischen Armee aus ihrem Haus gerettet und kamen zunächst in eine Klinik im Libanon.

Der Journalist Carsten Stormer rief online zu Hilfe auf, Ärzte aus München reagierten, darunter Professor Christoph Klein, Direktor der Haunerschen Kinderklinik, und sein Neffe, der Laborarzt Dr. Hanns-Georg Klein.

Die Jugendlichen kamen nach München für die dringend notwendigen Op ihrer schweren Verbrennungen. Nun leben sie seit vier Jahren hier, halten über Internet und Telefon Kontakt zu den in den Libanon geflohenen Eltern und Geschwistern. Den bisherigen Versuchen, die Familie hierher zu holen, auch mit rechtlicher Beratung, stehen zahlreiche bürokratische Hürden gegenüber.

Von der Autowerkstatt in die Praxis

Seit 2013 besucht Ahmad die SchlaU-Schule, wo junge Flüchtlinge als Vorbereitung auf eine Berufsausbildung einen mittleren Schulabschluss machen können. Früher half er seinem Vater in der Autowerkstatt, die es längst nicht mehr gibt. Mit der Tätigkeit in der Arztpraxis kommt nun viel Neues auf ihn zu.

Abbas ist motiviert und aufgeschlossen für alles. "Ich lasse mich überraschen", sagt er. Für ihn sei es ein ganz anderes, neues Leben in Deutschland. Er wolle die Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln, auf jeden Fall gut nutzen.

Auch Hanadi könnte bald im Gesundheitswesen tätig werden. Sie besucht ebenfalls die SchlaU-Schule und hat gerade erst ein Praktikum an der Haunerschen Kinderklinik gemacht, als Kinderkrankenschwester.

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