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Paradigmenwechsel

Lebensversicherung jetzt auch bei Mukoviszidose

Eine Lebensversicherung für einen Patienten, der an Mukoviszidose erkrankt ist - noch vor wenigen Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Menschen mit einer solchen Erkrankung galten als "unversicherbar". Die Munich Re wirft dieses Vorurteil jetzt über Bord - und blickt schon auf die nächsten Orphan Diseases.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Neugeborenen-Screening auf Mukoviszidose im Nordosten. Die Krankheit ist kein Ausschlusskriterium mehr für die Munich Re.

Neugeborenen-Screening auf Mukoviszidose im Nordosten. Die Krankheit ist kein Ausschlusskriterium mehr für die Munich Re.

© Stefan Sauer / dpa

KÖLN. "Ich habe bis 1998 Medizin studiert. Da hieß es noch, dass Menschen mit Mukoviszidose nicht älter als 18 Jahre werden", berichtet Dr. Karsten Filzmaier. Der Kardiologe ist Leiter des medizinischen Kompetenzzentrums für die Lebensversicherung beim weltgrößten Rückversicherer, der Munich Re.

Vor Kurzem hat Filzmaier sich dafür ausgesprochen, Lebensversicherungs-Anträge zweier Assekuranzen anzunehmen, deren Kunden an der Erbkrankheit Mukoviszidose leiden. Die Policen haben zwar eine wesentlich kürzere Laufzeit als übliche Lebensversicherungsverträge, haben für die Kunden aber dennoch einen Nutzen.

"Wenn die Versicherten zum Beispiel einen Kredit absichern müssen, können wir dies in einem gewissen Umfang ermöglichen", erläutert Filzmaier. Auch nach Herztransplantation können Kunden inzwischen eine Lebensversicherung kaufen.

Einem solchen Vertragsabschluss geht eine umfassende Risikobewertung durch Rückversicherer wie Munich Re voraus. Das Münchener Unternehmen beschäftigt allein in der Lebensrückversicherung knapp 30 Ärzte verschiedener Fachrichtungen, die innerhalb eines weltweiten Netzwerks versicherungstechnische Fragen aus medizinischer Sicht beleuchten.

Zu ihrer Arbeit gehört auch die Risikobewertung sogenannter seltener Erkrankungen, an denen weniger als fünf von 10.000 Menschen leiden. Nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung werden rund 7000 der rund 30.000 bekannten Krankheiten zu den "Seltenen Erkrankungen" gezählt. "Dieses Thema bekommt immer mehr Aufmerksamkeit", weiß Filzmaier.

Durch den medizinischen Fortschritt können Menschen mit diesen Erkrankungen besser behandelt werden und haben eine höhere Lebenserwartung. Zunehmend entwickeln Pharmaunternehmen Innovationen, die als Orphan Drug eingestuft werden. Ein Versicherungsantrag von einem Patienten, der an einer seltenen Krankheit leidet, kann regionale Lebensversicherer vor Probleme stellen. Denn solche Risiken sind für Versicherer selten.

Datenbank für Orphan Diseases

Deshalb wenden sie sich an die Munich Re. Filzmaier: "Der Erstversicherer sieht eine seltene Erkrankung vielleicht einmal im Jahr, der Rückversicherer weltweit vielleicht 50 Mal." Die Munich Re-Mediziner führen Studien und sonstige wissenschaftliche Erkenntnisse zu seltenen Erkrankungen zusammen.

"Wir bauen zu diesem Thema eine Datenbank auf", berichtet Filzmaier. Das dort gespeicherte Wissen über die unterschiedlichen Krankheitsbilder ermöglicht die versicherungstechnische Einstufung der Risiken.

Zwar sei die wissenschaftliche Datenbasis bei manchen Erkrankungen noch sehr dünn. "Aber wir haben mathematisch-statistische Instrumente zur Risikoanalyse entwickelt, die helfen, die Mortalität zu ermitteln."

Stufen die Munich Re-Experten eine Krankheit als prinzipiell versicherbar ein, prüfen sie, welche Versicherungssumme und -dauer für das individuelle Risiko angemessen sind. "Für die Dauer von zehn Jahren kann man viele seltene Erkrankungen noch relativ gut abschätzen, bei 30 Jahren wäre es doch eher ein Blick in die Kristallkugel", sagt Filzmaier. Für so einen Zeitraum lägen für die meisten Erkrankungen keine Daten vor.

Nicht immer kommen die Ärzte in seinem Team zu einem positiven Ergebnis. "Es gibt Anträge, bei denen wir sagen müssen: Wir können keinen Versicherungsschutz anbieten."

Dann sei es wichtig, den Antragstellern mitzuteilen, womit die Ablehnung begründet wird, dass es beispielsweise zu der Erkrankung noch keine aussagekräftigen Studien gibt oder die Prognose der Erkrankung keinen bezahlbaren Versicherungsschutz zulässt. "Die Kunden müssen zumindest wissen, dass wir ein Risiko nicht willkürlich ablehnen."

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