Arzneimitteltherapiesicherheit

Medikationsplan: Durchwachsene Jahresbilanz

Seit einem Jahr haben Patienten, die mindestens drei Medikamente einnehmen, Anspruch auf einen Medikationsplan. Aber hier gibt es offenbar noch viel Luft nach oben, wie eine Patientenbefragung zeigt. KBV und Hausärzteverband halten die Untersuchung allerdings nur für bedingt aussagekräftig.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Ärzte müssen seit einem Jahr einen Medikationsplan ausfüllen, wenn Patienten, die mehr als drei verordnete Medikamente einnehmen, dies wünschen.

Ärzte müssen seit einem Jahr einen Medikationsplan ausfüllen, wenn Patienten, die mehr als drei verordnete Medikamente einnehmen, dies wünschen.

© Ienetsnikolai/Fotolia.com

BREMEN. Die Bilanz des Medikationsplans fällt nach Ansicht der hkk Krankenkasse ein Jahr nach seiner Einführung ernüchternd aus. Viele Patienten würden über Sinn und Nutzen nicht ausreichend aufgeklärt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Kasse unter der Leitung von Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG). "Das Ziel, die Arzneimitteltherapiesicherheit für multimorbide beziehungsweise von Polypharmazie betroffenen Patienten zu erhöhen wurde nur für eine Minderheit von ihnen erreicht", sagt Braun. "Gemessen daran, was man auch in der Ärzteschaft von dem Plan erwartet hat, ist das Ergebnis suboptimal." Die KBV und der Deutsche Hausärzteverband (HÄV) kritisieren die Studie.

Unzureichende Aufklärung?

Braun hat 1000 hkk-Patienten einen Fragebogen zugesandt. Die Rücklaufquote betrug 32,4 Prozent. Es haben davon überproportional viele (49,1 Prozent) ältere Patienten über 65 Jahre geantwortet. Das Ergebnis:

Nur 37,7 Prozent der Versicherten mit Anspruch auf und Bedarf für einen Medikationsplan, haben ihn bisher auch erhalten. Zwar bekamen die Patienten um so öfter einen Plan, je älter sie waren. Aber auch in der ältesten Befragtengruppe waren es nur knapp die Hälfte. Von den Befragten, die keinen Medikationsplan erhalten haben, schätzten etwas mehr als die Hälfte, sie hätten seit Beginn des Jahres 2017 "gar keine" Arzneimittel "neu verordnet bekommen". Rund 20,4 Prozent oder 40 Befragte schätzten aber, sie hätten drei und mehr Arzneimittel erhalten und damit möglicherweise die Voraussetzungen erfüllt, einen Plan zu erhalten, so die Studie. Ein Viertel der Befragten mit Medikationsplan wurde gar nicht oder nur unzureichend über den Sinn des Plans aufgeklärt.

Knapp 21 Prozent der Befragten gaben an, dass sie vom für den Medikationsplan verantwortlichen Arzt weder über den Nutzen noch über die Einnahme der verordneten Medikamente informiert wurden. 51,6 Prozent aller Befragten mit Medikationsplan wurden nicht gefragt, ob sie sich zusätzlich rezeptfreie Arzneimittel in der Apotheke gekauft hatten. 43 Prozent aller Befragten mit Medikationsplan wurden nicht darauf hingewiesen, den Plan auch beim Besuch anderer Ärzte mitzunehmen und gegebenenfalls ergänzen zu lassen.

32,5 Prozent der Befragten, die auch von anderen Ärzten als dem Ersteller des Medikationsplans Medikamente verordnet bekamen, wurden nicht nach dem Medikationsplan gefragt. Sofern der Medikationsplan bei diesen Arztkontakten überhaupt eine Rolle spielte, wurde dieser bei 14,3 Prozent der befragten Patienten nicht ergänzt, hieß es.

Um die Probleme mit dem Medikationsplan zu lösen, müssten Ärzte besser über "den Sinn und möglichen Nutzen" des Planes informiert werden, so Braun. Außerdem sollte auf dem Plan der Gestaltungsspielraum für Ärzte verkleinert werden, meint der Bremer Sozialwissenschaftler. Denn Beschreibungen wie "In der Regel" oder "sofern möglich" könnten sich "negativ auf die vollständige Erfassung der rezeptpflichtigen und rezeptfreien Arzneimittel auswirken."

Kritik an kleiner Datenbasis

Zudem sollten die Ärzte unbedingt danach fragen, ob und welche Medikamente ihr Patient auch von anderen Ärzten verschrieben bekommen hat. Schließlich fordert Braun, den Plan für die Patienten lesbarer zu machen. "Zwar sind Kriterien wie Schriftart und Schriftgröße definiert. Aber wenn es um die Einfachheit geht, sei der Plan gescheitert.

"An der Befragung der hkk haben nur 324 Versicherte teilgenommen. Das ist schade, denn so ist fraglich, ob man hier überhaupt zu repräsentativen Ergebnissen kommen kann", kommentiert Dr. Roland Stahl, Sprecher der KBV, auf Nachfrage die Studienergebnisse. "Das lässt natürlich an der Aussagekraft der Studie zweifeln. Grundsätzlich hätten die KVen und die KBV die Ärzte über den bundeseinheitlichen Medikationsplan informiert und täten dies auch weiterhin. "Wir gehen davon aus, dass andererseits aber auch die Krankenkassen ihre Mitglieder auf die Möglichkeit hinweisen."

Hausärzte sehen Nachholbedarf

Auch der Hausärzteverband äußerte sich kritisch. Das Problem mit dem bundeseinheitlichen Medikationsplan sei, "dass er nicht digital geführt wird, sondern in Papierform. Das macht ihn natürlich fehleranfällig", sagt Vincent Jörres, Sprecher des Verbandes. "Die Patienten sind gezwungen, dieses Stück Papier von Arzt zu Arzt mitzunehmen. Wenn er mal vergessen wird, ist die Gefahr groß, dass er in der Folge unvollständig ist. Darüber hinaus müssen noch die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente berücksichtigt werden. Das kann, wenn der Medikationsplan nicht digitalisiert wird, auf Dauer nicht funktionieren." Das strukturelle Problem der Multimedikation lasse sich nicht mit einem Stück Papier lösen. "Wir brauchen dringend die elektronische Patientenakte!", so Jörres. Im Übrigen sei das Honorar von einem Euro pro Medikationsplan zu knapp. "Das steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Hier müssen die Kassen nachbessern."

Eingeführt wurde der Plan über das E-Health-Gesetz, um Patienten vor unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu schützen. Seit 1. Oktober haben gesetzlich Versicherte, die mindestens drei Medikamente verordnet bekommen, Anspruch auf den Plan.

Medikationsplan in Kürze

» Seit dem 1. Oktober 2016 haben gesetzlich Versicherte, die mehr als drei Medikamente verordnet bekommen haben, Anspruch auf einen Medikationsplan.

» Aufgeführt werden müssen nicht nur alle verordneten Medikamente samt Anwendungshinweisen, sondern auch Selbstmedikation sowie Medizinprodukte soweit sie für die Medikation relevant sind.

» Hausärzte können die Erstellung des Medikationsplans nach der EBM-Position 01630 einmal jährlich mit 39 Punkten berechnen.

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