Palliativmedizin

Moderne Palliativmedizin ist definitiv mehr als nur "Sterbemedizin"

Veröffentlicht: 06.12.2010, 05:00 Uhr
Zeit für Gespräche: nicht nur, aber ganz besonders, in der letzten Lebensphase, wichtig.

Zeit für Gespräche: nicht nur, aber ganz besonders, in der letzten Lebensphase, wichtig.

© Gina Sanders / fotolia.com

Die moderne Palliativmedizin ist keine "Sterbemedizin", sondern die umfassende Betreuung schwerkranker Menschen mit begrenzter Lebenserwartung. Das Ziel ist nicht die Heilung, sondern die Linderung der Beschwerden. Dies umfasst physische, psychologische, soziale und spirituelle Probleme.

Besonders häufig sind Schmerzen: Nach einer Umfrage der ECOG (Eastern Cooperative Oncology Group) leiden nahezu 70 Prozent der ambulanten Krebspatienten an Schmerzen, viele bereits zu Beginn der Erkrankung. Über 40 Prozent von ihnen erhalten keine angemessene Schmerztherapie, berichtet Professor Else Heidemann vom Diakonie-Klinikum Stuttgart.

Kann der Patient seinen Willen nicht mehr selbst äußern, hilft eine Patientenverfügung, dem mutmaßlichen Willen möglichst nahe zu kommen.

Kann der Patient seinen Willen nicht mehr selbst äußern, hilft eine Patientenverfügung, dem mutmaßlichen Willen möglichst nahe zu kommen.

© Dan Race / fotolia.com

In jeder Krankheitsphase müsse geprüft werden, ob die Schmerzursache kausal - etwa durch eine Verkleinerung des Tumors - beseitigt werden kann, fordert sie in der zertifizierten Fortbildung "Schmerzen, Husten, Übelkeit: Probleme der Palliativmedizin".

Bei chronischen Schmerzen sei eine Behandlung "bei Bedarf" nicht angemessen. Hier wird gemäß den WHO-Leitlinien behandelt. Therapieprinzipien sind die vorbeugende Analgetikagabe nach festem Zeitplan, nach Stufenschema und bevorzugt oral.

Auf Stufe I werden leichte Schmerzen mit schwachen Analgetika behandelt, in Stufe II zusätzlich schwache Opioide verordnet. In Stufe III werden schwache durch starke Opioide ersetzt. In allen Stufen sind in der Regel ergänzende Koanalgetika hilfreich. Bewährt haben sich vor allem trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika, Kortikosteroide und Antikonvulsiva. Bei Husten lässt sich gut mit Codein behandeln.

Haben die Patienten Atemnot, wird der Oberkörper hochgelagert und Sauerstoff gegeben. Zur häuslichen Sauerstoffversorgung gibt es Konzentratoren. Mit ihnen können bis zu 4 l O2 / min zugeführt werden. Bei fortschreitender Krankheit haben einige Patienten trotz Sauerstoffversorgung Atemnot.

Dann helfen kleine Morphindosen, etwa 10 - 20 mg / 24 h i. c., s. c. oder i. v. Bei Erstickungsangst muss der Patient sediert werden. Dazu kann Midazolam als Dauerinfusion gegeben werden, zum Beispiel 10 - 20 mg / 24 h.

Bei Hämoptysen, Hämaturie oder anderen Blutungen werden in der allerletzten Phase keine invasiven Maßnahmen ergriffen. Bei Übelkeit und Erbrechen muss die Ursache geklärt werden. Ist eine kausale Behandlung nicht möglich, kommen antiemetisch wirkende Medikamente zum Einsatz.

Um der durch Opioide induzierten Obstipation entgegenzuwirken, ist eine Prophylaxe mit Laxanzien obligat. Viele Patienten leiden unter Inappetenz und Schwäche. Hier gilt: Der Patient muss nicht essen, wenn er keinen Hunger hat. Das gilt auch für das Trinken: Der Patient darf alles, er muss gar nichts.

Das heißt, er darf so viel trinken, wie er möchte. Hat er aber keinen Durst, muss er auch nicht Trinken. Mundtrockenheit kann gut mit Eiswürfeln oder Zitroglyzerinstäbchen verhindert werden. Gegen Unruhe, Angst und Depressionen helfen Gespräche - hierfür sollte genügend Zeit genommen werden. Gegebenenfalls sind aber auch Medikamente nötig.

Die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Wünscht der Patient ausdrücklich den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen, dann sind sie zu unterlassen. Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten sind hilfreich. (otc)

Nur für Ärzte: Zu dem Modul "Schmerzen, Husten, Übelkeit: Probleme der Palliativmedizin"

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