Interview mit einem Studenten

Physician Assistants wollen nicht „Arzt spielen“

Vom Industriemechaniker zum MFA: Michael Sonntag hat einen ungewöhnlichen Werdegang. Jetzt will er Physician Assistant (PA) werden. Weil er gerne Verantwortung in der Versorgung übernimmt.

Von Christian Beneker Veröffentlicht: 06.09.2020, 13:30 Uhr
MFA hinterm Tresen: Mehr als reine Schreibkräfte. (Symbolbild mit Fotomodellen)

MFA hinterm Tresen: Mehr als reine Schreibkräfte. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© Robert Kneschke/stock.adobe.com

Ärzte Zeitung: Herr Sonntag, Sie arbeiten seit zehn Jahren im MVZ Papenburg als Medizinischer Fachangestellter mit erweiterten Aufgaben und beginnen nun die Ausbildung zum Physician Assistant. Wie sieht Ihre Arbeit im MVZ aus?

Michael Sonntag: Ich kümmere mich im Rahmen eines Disease-Management-Programms Schmerz um chronisch kranke Schmerzpatienten und solche mit Hypertonie. Mein Hauptaugenmerk gilt den Schmerzpatientinnen und -patienten: Sie leiden unter akuten und chronischen Rückenschmerzen, Polyneuropathien oder Tumorschmerzen.

Ich erhebe eine strukturierte Anamnese, erfasse die Schmerzformen, die Aktivität, kontrolliere die Medikation, führe erste Voruntersuchungen durch, damit der Hausarzt oder unsere Neurologin den Patienten fertig voruntersucht zu sehen bekommt und dann die Diagnose sichern können.

Wie viele Patienten sehen Sie am Tag?

Im Durchschnitt betreue ich täglich 25 Patientinnen und Patienten. Weil öfter mal ein längeres psychosoziales Gespräch nötig ist, sehe ich auch manchmal weniger.

Wie sieht die Kooperation zwischen Ihnen und den Ärzten aus?

Ich arbeite für die Hausärzte und für die Neurologin unserer Praxis. Aber unsere Praxis ist da speziell, das muss man sagen. Denn eigentlich muss ich zusammen mit den Patienten einen Aufgabenkatalog im Rahmen eines hausinternen DMP abarbeiten. Dabei analysiere ich auch, ob es sich um nozizeptive, neuropathische und oder entzündliche Schmerzen handelt, und leite die Patienten zur weiteren Medikamenteneinstellung an unsere Ärzte weiter.

Aufgrund meiner Erfahrung mache ich manchmal auch Vorschläge über den Einsatz von Comedikationen, die die Therapie positiv ergänzen könnten. Grundsätzlich läuft das in Absprache mit den Ärzten, aber ich muss sagen: In der Regel werden meine Vorschläge akzeptiert. Das ist in den Jahren so gewachsen.

Die Ärzte haben Vertrauen in meine Arbeit, weil sie sehen, was ich kann und weiß. Würde ich unseren Ärzten nicht einen Teil dieser Aufgaben abnehmen, würden sie die Versorgung der Patienten nicht schaffen.

Viele ältere Hausärzte suchen über Jahre erfolglos nach einem Nachfolger ... Da kann man doch ein Netzwerk aus einer großen Zentralpraxis mit umliegenden kleinen Praxen bilden, wo die Patienten auch von PA versorgt werden können, die Teilaufgaben übernehmen.

Michael Sonntag ist seit zehn Jahren als MFA in einem MVZ tätig, ab September will er den berufsbegleitenden Studiengang zum Physician Assistant starten

Gibt es auch gemeinsame Fallkonferenzen?

Wir haben ja eine sehr große Praxis, deshalb gibt es Fallbesprechungen mit den Allgemeinmedizinern nur auf Zuruf. Regelmäßige Besprechungen aber gibt es mit der Neurologin über spezielle Patienten, neue Ansätze oder Anamnesen.

Welche Ausbildung haben Sie?

Mein erster Beruf war Industriemechaniker. Dann hatte ich vor 15 Jahren einen schweren Verkehrsunfall und war zwischenzeitlich querschnittsgelähmt. Da habe ich gelernt, was Schmerzen sind!

Mein Hausarzt hat mir dann eine Umschulung zum Medizinischen Fachangestellten angeboten. Nebenher habe ich in einem Pflegedienst gearbeitet und habe Jahre lange von der Praxis aus Palliativbegleitung gemacht und schon damals als rechte Hand von Dr. Eissing viel gelernt über Schmerzmedizin.

Zwischenzeitlich habe ich geheiratet und mittlerweile eine Familie mit vier Kindern. Die Rund-um-die-Uhr-Betreuung der Palliativpatienten ließ sich nicht mehr mit der Familie vereinbaren. Dabei war mir die Palliativmedizin eine Erfüllung, auch aus religiösen Gründen und ich habe sie nur ungern abgegeben.

Dann haben wir das DMP für Schmerzpatienten entwickelt, welches bei intensiver Betreuung dieser Patienten eine 5-Tage-Woche ausfüllt. Seither habe ich eine ganze Reihe von Fortbildungen gemacht, die Betriebssanitäter, eine Palliativ-Fachausbildung, den NäPa-Schein, und außerdem die „pain nurse“ Ausbildung.

Und als Nächstes steht nun die Ausbildung zum Physician Assistant an?

So ist es. Ich beginne die Ausbildung zum „Physician Assistant“. Das Modell, für das Dr. Eissing so lange gekämpft hat, ist das einzige, das mir erlaubt, das Studium berufsbegleitend durchzuführen. Es gibt keinen Blockunterricht, sondern an einem Tag in der Woche ist Universitätstag. Perfekt für mich.

Was erwarten Sie vom Studium?

Ich möchte mein Fachwissen über den Schmerz erweitern und verfeinern. Dann kann ich Sachen selber machen, die ich heute noch abgeben muss. Zum Beispiel Ultraschalluntersuchungen zur Abklärung von Stenosen in den Blutgefäßen am Hals. Auch Schmerzspritzen, Infusionen, andere therapeutische Maßnahmen. Dann hat der Arzt mehr Zeit für Patienten, die sonst monatelang auf einen Termin warten müssen.

Viele Hausärzte sind zurückhaltend, wenn sie PA weitergehende Aufgaben überlassen sollen.

Ich weiß. Aber das kann nicht an unserer Qualifikation liegen. Einmal habe ich Dr. Eissing nach Hannover an die Medizinische Hochschule begleitet. Dort habe ich auch mit dem Leiter der hausärztlichen Versorgung über Schmerzmedizin gesprochen. Er verabschiedete mich dann mit den Worten `alles Gute, Herr Kollege, vielleicht sehen wir uns wieder´.

Als ich ihm sagte, ich sei ,nur‘ MFA, da schien er regelrecht vor den Kopf gestoßen. Ich meine, ein gut ausgebildeter MFA kann in einem bestimmten Fachgebiet sehr gut Bescheid wissen. Außerdem haben wir mitunter einen besseren Draht zu den Patienten. Sie erzählen uns mehr als ihrem Arzt. Wir sind den Patienten oft näher und damit sind sie uns gegenüber ehrlicher. Bei uns wollen sie nicht dauernd den perfekten Patienten spielen.

Was wünschen Sie sich beruflich von der Zukunft?

Dass die MFA zukünftig nicht mehr hauptsächlich als Schreib- und Verwaltungskräfte angesehen und eingesetzt werden, denn das medizinische Fachpersonal und erst recht die PA können viel mehr. Das sollte man nutzen. Viele ältere Hausärzte suchen über Jahre erfolglos nach einem Nachfolger. Häufig wird kein Nachfolger gefunden. Aber wohin mit den Patienten?

Da kann man doch ein Netzwerk aus einer großen Zentralpraxis mit umliegenden kleinen Praxen bilden, wo die Patienten auch von PA versorgt werden können, die Teilaufgaben übernehmen. Das wäre eine Zwischenebene der Versorgung. Und zwar mit medizinischem Fachpersonal, das gerne auf dem Land lebt, weil es ohnehin vom Land kommt.

Es will auch nicht `Arzt spielen´, sondern einfach mehr Verantwortung übernehmen. Darin sollte man eine Chance für die Versorgungssicherung sehen.

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