Kreativität in Zeiten der SARS-CoV-2-Pandemie

Parkhausdeck flugs zur Corona-Praxis umfunktioniert

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Das zeigt sich dieser Tage auch in einer rheinland-pfälzischen Hausarztpraxis. Von Plexiglas in der Praxis, Chemikalienschutzanzügen und Corona-Tests im Parkhaus.

Margarethe UrbanekVon Margarethe Urbanek Veröffentlicht:
Dr. Martin von Bergh (r.) und sein Team auf dem Parkdeck, das zur Corona-Teststation wurde.

Dr. Martin von Bergh (r.) und sein Team auf dem Parkdeck, das zur Corona-Teststation wurde.

© Martin von Bergh

Diez. Seit Beginn der Corona-Pandemie steht der Arbeitsalltag Kopf in der Gemeinschaftspraxis von Drs. Mischa und Martin von Bergh im rheinland-pfälzischen Diez: Tritt Dr. Martin von Bergh seinen Dienst an, streift er nicht seine gewohnte Arbeitskleidung über, empfängt nicht wie sonst seine Patienten in der hausärztlichen Sprechstunde, verbringt er den Tag nicht vorwiegend in seiner Praxis im Rhein-Lahn-Kreis. Dr. Martin von Bergh arbeitet derzeit meist im Chemikalienschutzanzug auf dem Deck eines Parkhauses, wo er an vier Corona-Teststraßen täglich mehr und mehr Patienten auf SARS-CoV-2 testet.

Parkdeck kurzfristig geräumt

Als leitender Notarzt im Rhein-Lahn-Kreis ist Dr. Martin von Bergh bereits früh in die Pandemieplanung des Landkreises mit eingebunden; hat sich unmittelbar nach Aufkommen der ersten Nachrichten von Corona-Patienten in Deutschland über Konzepte im Umgang mit dem Virus Gedanken gemacht. Bereits Ende Februar etabliert von Bergh eine der ersten Teststationen in seiner Region, testet an einem Tisch im Hinterhof seiner Praxis etwa vier Patienten täglich.

Dr. Mischa von Bergh hält den regulären Praxisbetrieb unter höchsten Schutzmaßnahmen aufrecht, während sein Sohn (nicht im Bild) die Corona-Teststation betreibt.

Dr. Mischa von Bergh hält den regulären Praxisbetrieb unter höchsten Schutzmaßnahmen aufrecht, während sein Sohn (nicht im Bild) die Corona-Teststation betreibt.

© Martin von Bergh

Aus vier Patienten sind mittlerweile rund 130 Patienten pro Tag geworden; aus einem Tisch im Hinterhof vier Testreihen auf einem Parkhausdeck. Getestet wird nach RKI-Kriterien, abgerechnet wird, bei symptomatischen Patienten mit der Kennziffer 88240, die in voller Höhe extrabudgetär bezahlt wird. Beharrt ein Patient ohne Symptome auf eine Testung, etwa weil er es für den Arbeitgeber braucht, stellt von Bergh eine Privatrechnung. Die fällt „relativ hoch aus“, auch als „Abschreckungsmaßnahme“.

Noch vor Beginn der Corona-Pandemie hatte Dr. Martin von Bergh nur wenige Meter entfernt von seiner Praxis ein neues Gebäude gekauft, zu dem auch ein Parkdeck gehört. Als der Praxishinterhof zu klein und die zu testenden Personen immer mehr werden, entscheiden von Bergh und sein Praxisteam kurzfristig, das mit Baumaschinen und Werkstoffen vollgestellte Parkdeck für ein Corona-Drive-In zu räumen.

„Wir waren früh großzügig mit den Testungen, weil wir an Ländern mit niedriger Mortalitätsrate sehen, dass Massentestungen wichtig sind, um die exponentielle Ausbreitung zu verlangsamen.“ Rund 16 Prozent der Tests, die von Bergh durchführt, fallen positiv aus. Was dann folgt, ist „ein Rattenschwanz administrativer Aufgaben“, so der Arzt. „Patienten müssen informiert werden, Gesundheitsämter ebenso.“ Das initiale Beratungsgespräch mit den Patienten führt von Bergh telefonisch, für die weitere Behandlung, Krankmeldungen oder Rezepte verweist er an den Hausarzt.

Wochentags von 9 Uhr bis 12.30 Uhr empfängt von Bergh Patienten für Corona-Testungen in seinem Drive-In. Tatsächlich bedeutet das für ihn knapp fünf Stunden im Chemikalienschutzanzug: „Das geht ganz schön an die Substanz!“ Die Patienten kommen ohne Anmeldung, werden bei der Einfahrt registriert und von MFA auf Symptome hin befragt. Die Wartezeit hält sich in Grenzen: „Wir haben einen relativ hohen Durchsatz, weil wir in vier Teststraßen arbeiten“, erklärt von Bergh, der mit rund zwei Minuten Verweildauer an der Teststation je Patient rechnet.

Praxisbetrieb hinter Plexiglas

Während Dr. Martin von Bergh im Corona-Drive-In voll eingebunden ist, muss auch der normale Praxisalltag so gut wie möglich weiterlaufen. Die reguläre Sprechstunde übernimmt sein Vater, Dr. Mischa von Bergh. Dafür haben Vater und Sohn die höchsten Sicherheitsmaßnahmen getroffen: Patienten- und Praxisbereich sind durch Plexiglas und Folie strikt voneinander getrennt. Nur Dr. Mischa von Bergh als behandelnder Arzt hat die Möglichkeit, durch eine Öffnung hindurch, Patienten beispielsweise abzuhören oder auch Spritzen zu setzen. Für das gesamte Personal besteht Handschuh- und FFP3-Maskenpflicht. „Ein Grund, warum wir das so konsequent betreiben können, ist, dass wir bereits vor Corona ausreichend viel Schutzkleidung hatten. Als leitender Notarzt bin ich immer auf ‚Worst-Case-Szenarien‘ vorbereitet“, erklärt von Bergh, der anfangs für seine Stringenz belächelt wurde, mittlerweile aber viel Dankbarkeit von Kollegen und Patienten erfährt.

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