Ambulante Versorgung in Marburg

Rhön-Konzern will "übernehmen"

Ambulante Versorgung in Marburg "übernehmen oder mindestens steuern"? Diese Pläne stehen in einem internen Protokoll des Marburger Uniklinikums, dass zum Rhön-Konzern gehört. Ärzte und Landtagsabgeordnete sind empört.

Von Gesa Coordes Veröffentlicht:

MARBURG. Das zum Rhön-Konzern gehörende Marburger Universitätsklinikum will die Arbeit der niedergelassenen Ärzte in der Region weitgehend übernehmen. Das geht aus einem internen Protokoll des privatisierten Großkrankenhauses hervor, das der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Die Sitzung fand am 18. März statt. Wörtlich heißt es darin: "Die weitere Existenz von Marburg wird nur in der Schaffung ambulanter Strukturen mit dem Ziel, die ambulante Flächenversorgung weitgehend zu übernehmen oder mindestens zu steuern, gesehen."

Das kann nach Überzeugung des Aufsichtsratsvorsitzenden Eugen Münch durch den "rigorosen Ausbau" von Polikliniken und Medizinischen Versorgungszentren mit Stiftungslehrstühlen geschehen. Dadurch könne sich die Universitätsklinik Marburg "an die Spitze" setzen.

Allerdings berichtete der Ärztliche Direktor, Jochen Werner, in dem Papier, dass ein Vorschlag, niedergelassene Ärzte am Klinikum anzusiedeln, "auf geschlossenen Widerstand" der Mediziner vor Ort gestoßen sei.

Daraufhin wurde empfohlen, diesen Weg auch gegen den Willen der niedergelassenen Ärzte "unbeirrt" zu gehen. Die Geschäftsführung wurde dem Protokoll zufolge damit beauftragt, ein Konzept für neue Strukturen der Ambulanz umzusetzen - "unter Vermeidung von Konsensstrategien mit den ewig Gestrigen".

Welle der Entrüstung

Die Veröffentlichung des Vorhabens hat eine Welle der Entrüstung verursacht. Am heutigen Donnerstag soll der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) im Wissenschaftsausschuss im Wiesbadener Landtag zu den Plänen Stellung nehmen.

"Es kann nicht sein, dass ein privater Konzern in Bad Neustadt das Monopol über die gesundheitliche Versorgung in Marburg-Biedenkopf bekommt", kritisiert der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Thomas Spies.

Der Landtagsabgeordnete ist Marburger Oberbürgermeisterkandidat und selbst Arzt. Nur eine Kooperation mit den Ärzten vor Ort könne eine Antwort sein, sagte er.

Auch der Präsident der hessischen Landesärztekammer, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, kritisierte das Vorhaben scharf. Mit diesen Plänen gefährde die Rhön-Uniklinik die bisherige Kooperation der niedergelassenen Ärzte mit der Klinik.

"Stadt und Kreis Marburg verfügen über eine gute ärztliche Versorgung auf der Basis einer persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung", sagte er. Dass die Patienten diese persönliche Beziehung zugunsten einer Behandlung durch ständig wechselnde Ärzte "in quasi industrialisierten Medizinischen Versorgungszentren" aufgeben wollten, sei "mehr als zweifelhaft".

Eine Stellungnahme des privatisierten Klinikums lag bislang noch nicht vor.

Hintergrund der Rhön-Pläne ist die schwierige wirtschaftliche Situation am Marburger Universitäts-Klinikum. Der Standort ist laut Medienberichten 2014 in die roten Zahlen gerutscht und hat mit einem Minus von 5,6 Millionen Euro abgeschlossen. 2013 hatte die Klinik noch einen Gewinn von fast zwei Millionen Euro.

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