Missbrauchsskandal

Saar-Regierung zieht Konsequenzen

Nach der Jugendpsychiatrie ist jetzt auch die HNO-Klinik der Homburger Uniklinik in der Kritik. Ermittler beschlagnahmen Patientenakten, ein Sachverständiger soll neue Missbrauchs-Vorwürfe klären.

Von Andreas Kindel Veröffentlicht: 22.11.2019, 11:31 Uhr
Saar-Regierung zieht Konsequenzen

Das Gebäude der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Homburg. (Archivbild)

© BeckerBredel / picture alliance

Homburg/ Saarbrücken. Nach der Ausweitung des Missbrauchs-Skandals an der Homburger Uniklinik schaltet die saarländische Landesregierung einen Sachverständigen ein, um die Vorwürfe aufzuklären. Das hat die Staatskanzlei in Saarbrücken am Donnerstagabend nach einem Krisengespräch mit den Chefs der Uniklinik und der HNO-Klinik in Homburg mitgeteilt.

Zuvor war bekannt geworden, dass es an der Homburger Uniklinik nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern auch in der HNO-Klinik Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch von Kindern gibt. Ein bereits wegen der Vorgänge in der Jugendpsychiatrie eingesetzter Sonderermittler der Staatskanzlei soll sich jetzt auch um die neuen Vorwürfe kümmern.

Der Chef der Staatskanzlei, Henrik Eitel (CDU), kündigte die Schaffung einer unabhängigen Ombudsstelle an, an die sich Betroffene in Zukunft wenden können. Er forderte außerdem für die Klinik ein neues Leitbild zum Umgang mit Verdachtsfällen. „Es muss alle Bereiche umfassen“, so Eitel, „und Patientinnen und Patienten in gleicher Weise schützen wie Mitarbeitende“. Darüber soll schon in Kürze der Aufsichtsrat der Uniklinik in einer Sondersitzung beraten.

Stellungnahme der Klinik erwartet

Bereits am Donnerstagvormittag mussten die Chefs von Uniklinik und HNO-Klinik zum Rapport ins saarländische Gesundheitsministerium. Gesundheits-Staatssekretär Stephan Kolling sagte dem „Saarländischen Rundfunk“ (SR) anschließend, es seien noch immer Fragen offen. Die Klinikleitung solle nun schriftlich Stellung nehmen. Außerdem würden sich Vertreter des Ministeriums nächste Woche vor Ort die Abläufe im OP-Bereich der HNO-Klinik anschauen.

Für Aufregung hatte zuvor eine Durchsuchungsaktion von Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch in der Uniklinik gesorgt. Patientenakten und Email-Verkehr wurden dabei beschlagnahmt. Zuvor war der Fall eines sechsjährigen Mädchens bekannt geworden, bei dem nach SR-Informationen 2012 bei einer Mandel-Operation in der Homburger HNO-Klinik eine blutende Wunde im Analbereich festgestellt worden war. Anschließend wurden zwei weitere Verdachtsfälle mit ähnlichem Verletzungsbild bekannt.

Missbrauch oder Behandlungsfehler?

Bei den drei Fällen in der HNO-Klinik ist allerdings noch vieles im Unklaren – auch ob es sich tatsächlich um sexuellen Missbrauch handelt oder möglicherweise um Behandlungsfehler. Auch Gesundheits-Staatssekretär Kolling teilte dem SR nach dem Treffen mit den Klinikvertretern mit, es sei nach wie vor unklar, wie es zu den Verletzungen im Genitalbereich von drei kleinen Patienten gekommen sei.

Die neuen Enthüllungen überschatten den Arbeitsbeginn eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Saarländischen Landtag. Der Ausschuss soll seit vergangenem Monat die bereits im Sommer bekanntgewordenen Vorgänge in der Homburger Kinder- und Jugendpsychiatrie aufklären. Dort soll ein inzwischen verstorbener Assistenzarzt von 2010 bis 2014 in der „Ausscheidungsambulanz“ des Krankenhauses zahlreiche medizinisch unnötige Untersuchungen des Genital- und Analbereichs bei Kindern vorgenommen haben. Die Eltern der betroffenen Kinder waren jahrelang von der Uniklinik nicht informiert worden.

Der SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss, Jürgen Renner, schimpfte bereits: „Die Fassungslosigkeit nimmt kein Ende“. Allen Beteuerungen der Klinikleitung, es handele sich nicht um Vertuschung, könne er keinen Glauben schenken. Die neuen Verdachtsfälle müssten jetzt auch im Untersuchungsausschuss aufgeklärt werden.

Politische Konsequenzen?

Der Skandal könnte auch noch die CDU/SPD-Landesregierung an der Saar in Schwierigkeiten bringen. Aufmerksam registriert hat die Opposition bereits, dass Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) Ende Oktober den bisherigen Chef der Staatskanzlei, Jürgen Lennartz, durch seinen Vertrauten Henrik Eitel ersetzt hat. Lennartz (CDU) war jahrelang Aufsichtsratsvorsitzender der Homburger Uniklinik.

Der Linken-Landtagsabgeordnete Dennis Lander, stellvertretender Vorsitzender des Untersuchungsausschusses, sprach von einem „Rettungsversuch für die Landesregierung“ im Skandal um den Umgang mit Missbrauch am Uniklinikum Homburg. Missbrauchs-Vorwürfe, eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs, Beschlagnahme-Aktionen an der Uniklinik – Lander mag nicht glauben, dass Lennartz als Aufsichtsratschef von all dem nichts mitbekommen haben will.

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