Onkologen

Strategien gegen emotionale Erschöpfung

Wie können sich Onkologen vor emotionaler Erschöpfung schützen, wenn die Hilfe für todkranke Krebspatienten sie selbst an die eigenen Grenzen bringt? Bei einem Kongress an der Uni Mannheim gab es Tipps für Ärzte und Pflegende.

Von Marion Lisson Veröffentlicht:
Erschöpft und ausgepowert: Herausforderung für Ärzte.

Erschöpft und ausgepowert: Herausforderung für Ärzte.

© Maridav / iStock / Thinkstock

MANNHEIM. Die Arbeit in der Onkologie ist für Ärzte aber auch Pflegekräfte emotional stark belastend. "Das ist nichts für Zartbesaitete", weiß Internistin und Psychotherapeutin Dr. Monika Keller vom Zentrum für Psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg.

Einem Menschen beizustehen, der schwerstkrank ist, dem man gegebenenfalls sogar mitteilen muss, dass keine Therapie mehr möglich ist, verlangt Medizinern und Pflegenden aller Fachgebiete grundsätzlich viel Kraft und Einfühlungsvermögen ab.

"Todkranke Menschen sind extrem sensibel und wünschen sich einen starken Arzt an ihrer Seite, der sie zuverlässig unterstützt und dem es auch nicht unangenehm ist, über das Sterben zu sprechen", so Keller. Im Idealfall schaffe es der Mediziner, zwischen Aufrichtigkeit und Hoffnung die Balance zu halten.

Umgang mit Schwerstkranken

Onkologen, Psychotherapeuten, Seelsorger und Pflegekräfte kamen in Mannheim zusammen. "Umgang und Kommunikation mit Schwerstkranken im klinischen Alltag" hieß das Thema, zu dem das Interdisziplinäre Tumorzentrum Mannheim und das Fachgebiet Geschichte, Theorie und Ethik in der Medizin (GTE) eingeladen hatten.

"Der Onkologe ist für den Tumorpatienten die zentrale Quelle für Unterstützung. Je kranker ein Mensch wird, desto mehr hat er Angst, auch vom Arzt verlassen zu werden", macht Psychotherapeutin Keller deutlich, die seit 2008 Kommunikationstrainings-Kurse für Mediziner anbietet.

Nicht jeder Arzt und jede Pflegekraft verfüge hier über Ausdauer und innere Stärke, selbst unbeschadet über die vielen Jahre der Berufstätigkeit stark und positiv zu bleiben.

"Meist sind es Kolleginnen und Kollegen um die 50 Jahre, die über emotionale Erschöpfung sprechen und die Routine im Klinikalltag als Depersonalisierung erfahren", berichtet Onkologe Professor Ralf Hofheinz vom Interdisziplinären Tumorzentrum Mannheim.

Patienten zu verlieren und sterben zu sehen, werten die Betroffenen als Misserfolge im onkologischen Alltag und verlieren oft die Sinnhaftigkeit für ihren Job.

In Mannheim zitiert Hofheinz dazu aus einer US-amerikanischen Studie, bei der sich im vergangenen Jahr 1500 Onkologen beteiligten. "44,7 Prozent der Klinikärzte klagen danach über emotionale Erschöpfung und Depersonalisierung", berichtet er.

In der Befragung wird deutlich: Je mehr Patientenkontakte der Arzt am Tag hat, desto eher kommt es zum Burnout. "Die Lösung könnte demnach ganz einfach sein: Jeder Onkologe sollte weniger Patienten behandeln. Doch genau das klappt leider nicht", fasst Hofheinz selbstkritisch zusammen.

"Schützen Sie sich!"

Der Umgang mit sich selbst beim Umgang mit Schwerstkranken - darum geht es. "Schützen Sie sich", rät der Mannheimer Klinikseelsorger Karl-Heinz Westermann. Mediziner genauso wie Krankenschwestern und Pfleger sollten sich stets bewusst sein, dass man Teil eines Teams sei.

Der Gedanke: "Ich bin nicht für alles verantwortlich. Es gibt noch andere", könne hilfreich sein. "Greifen Sie auf die Kraft des Teams zurück", so Westermann. So schaffe man es leichter, wieder Distanz und Handlungsfähigkeit aufzubauen.

Dass es nicht immer klappt, die eigenen Gefühle außen vor zu lassen, dessen ist er sich bewusst. "Man muss zwischen primärer und sekundärer Betroffenheit unterscheiden", gibt er zu.

Natürlich falle es einem Arzt, der zu Hause selbst zwei kleine Töchter habe, viel schwerer, einem jungen Familienvater eine aussichtslose Diagnose mitzuteilen, als einem älteren Menschen.

Grundsätzlich rät der Pfarrer aus eigener Erfahrung, sich für emotional schwierige Momente Kommunikationstechniken und Rituale anzueignen.

"Wenn ich einen Raum betrete, in dem ein Toter im Kreise seiner Angehörigen aufgebahrt ist, dann halte ich zunächst für 50 Sekunden inne und spreche dann den Angehörigen mein Beileid aus", berichtet er.

Dieses Ritual der Ruhe helfe ihm selbst sehr, Distanz zu wahren.

Es sei auch ein eingeübter Umgang mit Gefühlen. "Man kann als Arzt in Kommunikationskursen lernen, wie man schlechte Diagnosen ruhig vermitteln kann." Vorher eingeübte Fragen wie zum Beispiel: "Was bedeutet das jetzt für Sie?, Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?", könnten helfen. Natürlich sei es grundsätzlich leichter, solche Gesprächssituationen durchzustehen, wenn man sich selbst darüber im Klaren ist, wie man persönlich zu den Themen: Tod, Krankheit und Sterben stehe, so der Klinikseelsorger.

Mehr Gelassenheit gefordert

Als Resilienzhilfe, um im turbulenten Klinikalltag zu bestehen, versteht Präventionsexperte Hardy Reckling aus Heidelberg ein besonderes Präventionsprogramm, das die Uniklinik Heidelberg seit Anfang 2013 ihren Angestellten anbietet.

Das acht Wochen dauernde Programm habe zum Ziel, die Akzeptanz, den Optimismus und die Lösungsorientierung eines jeden Teilnehmers zu stärken und ihm somit zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit zu verhelfen.

"Ziel unseres Präventionsangebotes ist es allerdings keinesfalls, die Zitrone Arbeitskraft weiter auszuquetschen und somit die Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeitnehmers weiter zu steigen", macht Reckling deutlich.

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